*** Was ist denn los mit den Opernregisseuren und anderen Führungskräften, dass sie jede starke Operngeschichte nach ihrem Hand verbiegen und dabei das Genie des Komponisten vermissen? Und warum muss man immer wieder 'hineininterpretieren' und auf zeitgenössische Problematiken hinweisen, die nichts mit der Geschichte zu tun haben?
Richard Wagner ist und bleibt einer der größten Opernkomponisten der Geschichte. Zusammen mit Mozart, Monteverdi und Verdi führt er die Spitze an. Wagner ging weiter als die drei Genannten und alle anderen auch, denn er war Librettist, Komponist und Regisseur. Für ihn gehörte das alles untrennbar zusammen. Er wollte sogar nicht, dass aus welcher Oper von ihm auch immer während Konzerten Teile wie z.B. die Ouvertüre einzeln gespielt würden. Da folge ich ihm nicht, denn es ist einfach unrealistisch, immer eine ganze Oper in welchem Saal auch immer aufzuführen oder Menschen mit dem komponierenden genialen Chaoten bekannt zu machen. Was jedoch möglich sein muss, wo ein Saal es zulässt, ist seiner Regie zu folgen und nicht nur und ausschließlich die Partitur. Das ist noch wichtiger als bei den anderen Komponisten, weil alles so enorm ineinander verwoben ist.
Bei der Neuinterpretation, die wir für Sie angesehen haben, entschied sich der Regisseur, die Weberinnen (vermutete) Musliminnen mit Kopftüchern in langen orientalischen Hosen zu machen, die nicht weben, sondern mit Schraubenzieher Plastikmüll auseinander- und zusammenmontieren. Sie tun das auch nicht in der Weberei, sondern am Strand neben einem Strandschirm und das Gemälde des Holländers ist ein Buch geworden. Allein dass diese Weberinnen etwas ganz anderes tun als weben, ist eigentlich lächerlich. Was die Aussage davon ist, diese Damen mit Kopftüchern zu machen und orientalisch zu kleiden, ist nicht wirklich klar und steht auch völlig außerhalb von Wagners Geschichte
Der Jäger, der seine große Liebe aus den Händen gleiten sieht, ist dargestellt als eine Art Freiheitskämpfer mit einer Kriegswaffe in der Hand. Das überzeugt mich überhaupt nicht. Kann man nun endlich nie mehr normal vorgehen bei Inszenierungen? Wohl gut bis sehr gut sind alle anderen Elemente. Die beiden Seeleute, die Matrosen, die Geistfiguren, die Boote. Da kommt der Regisseur Wagner näher und so soll es sein. Völlig buchstäblich wie der größenwahnsinnige Komponist es wünschte, ist kaum möglich, aber der Ansatz ist gewiss beeindruckend: der Bug des Schiffes, der eigentlich für beide Schiffe dienlich ist, die Schiffstreppe, der riesige Anker, der Strand, ja das geht. Kurz gesagt, die Inszenierung von Àlex Ollé de la Fura dels Baus ist trotz des Lobes, das in dem Begleittext zu lesen ist, teilweise ausreichend.
Die unvergängliche Musik durch Spitzensänger
Genug über die halb misslungene und halb gelungene Inszenierung, die Musik ist letztlich das Entscheidende. Mit dem Dirigenten bin ich nicht ganz zufrieden. Er ist nicht der Wagnerianer, den ich mir wünsche, aus der Partitur ist viel mehr herauszuholen. Akzentuierungen, Tiefgang, das Mark und Bein durchdringende wie nur bei Wagner möglich, ist mir zu oberflächlich. Dirigent Pablo Heras-Casado fehlt die Wagnersche Wahrheit. Er bleibt bei einer sauberen Aufführung, die Noten und so, die er vom Orchester des Teatro Real de Madrid spielen lässt, aber packend wird es nur durch die Interpretation der Sänger.
Daland, der Kapitän und Vater von Senta, wird von Kwangchul Youn verkörpert, der nicht nur die ideale Stimmfarbe und Tragkraft hat, sondern sich auch ganz wie ein Vater verhält, der seine treue jungfräuliche Tochter für viel Geld und Glitter doch lieber anbietet wegen der Blendung durch materiellen Besitz. Er hat eine sehr schöne deutsche Aussprache, die völlig verständlich ist. Etwas weniger flüssig klingt das Deutsch von Samuel Youn, der die Rolle des Holländers wie einer der Besten aus der Geschichte zu spielen weiß. Atemraubend schauspielerndes Talent, eine reiche breite Tessitur, sehr textbewusst, überzeugend in jeder Hinsicht wie Daland. Ein Duo aus tausend und Wagner pur.
Die beiden Tenöre, Dalands Steuermann gesungen von Benjamin Bruns und Erik, der hoffnungslos verliebte junge Mann, gesungen von Nikolai Schukoff, sind auch noch zwei dieser echten Wagnertenöre, die alle Farben ihrer Stimme nutzen, um die Emotionen, bei Erik mehr angesichts des Dramas, das er erlebt, und fließende Linien perfekt auszufüllen.
Kai Rüütel verkörpert in ihrem ganzen Wesen Mary, die Vorgesetzte der Arbeiterinnen. Ein bisschen spöttisch, aufmerksamkeitserregend und nicht versinkend in törichter Verliebtheit. Hilft das? Überhaupt nicht natürlich, es treibt Senta, in dieser Ingela Brimberg, noch mehr dazu an, für ihr Traumbild zu gehen, das wahr wird und zu ihrem Tod führt, der dem Holländer endlich die ewige Ruhe gönnt. Auch Brimberg zeichnet sich in ihrer Rolle in jeder Hinsicht aus. Interpretation, volle Stimme, Technik, Einfühlungsvermögen: Es ist alles da.
Die Sänger werden von einem sehr gut einstudierten Chor unterstützt, ein Chor, der in den reichhaltigen Partien in einem wunderschönen Deutsch abliefert wie die besseren Opernchöre. Bist du weniger streng als ich (das ist nicht schwierig, ich gebe es zu), dann ist diese DVD eine Empfehlung, wenn auch nur wegen der Musik im Allgemeinen und der großartigen Sängerleistungen im Besonderen.
- WAS: Der fliegende Holländer, Richard Wagner
- WER: Chor und Orchester des Teatro Real de Madrid, Dirigent Pablo Heras-Casado, Regisseur Alex Ollé, Daland durch Bass Kwangchul Youn, der Holländer ist Bass Samuel Youn, Sopran Ingela Brimberg als Senta, Sopran Kai Rüütel singt Mary, Tenöre Nikolai Schukoff als Erik und Benjamin Bruns als Steuermann
- AUSGABE: Harmonia Mundi, HMD 9809060.61, cover © Harmonia Mundi
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