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Rezensionen

Fauré: Requiem - Gounod: Messe de Clovis

A
· 5 Min. Lesezeit
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Fauré: Requiem - Gounod: Messe de Clovis
© Alpha 1014

Fauré: Requiem op. 48 (1893)
Gounod: Messe de Clovis
Aubert: O salutaris
Caplet: Adagio
Emöke Baráth (Sopran), Philippe Estèphe (Bariton), Choucane Siranossian (Violine), François Saint-Yves (Orgel), Le Concert Spirituel u.L.v. Hervé Niquet
Alpha 1014 • 59' •
Aufnahme: 2022, Chapelle de Conflans,
Charenton-le Po (F)


Das Requiem op. 48 von Gabriel Fauré hören wir hier in der Fassung von 1893, nicht in der von 1888 oder 1900. An diese letzte Fassung hätte sich Fauré aller Wahrscheinlichkeit nach nie gewagt, wäre es nicht so, dass sein Musikverleger Hamelle sich mit der Instrumentation wenig zufrieden gezeigt hatte. Es war Faurés Schüler Jean Roger-Ducasse, der die Bearbeitung, mit oder ohne Mitwirkung, aber in jedem Fall mit Zustimmung des Komponisten selbst, übernahm. Das Ergebnis gilt den meisten Musikwissenschaftlern als Pfuscharbeit. Mehr darüber können Sie hier lesen.

In welcher Fassung auch immer: Von einer dramatischen Entwicklung ist in diesem von Serenität dominierten Oratorium keine Rede. Darüber hinaus hat Fauré die traditionelle Sequenz (nach dem lateinischen Ritus) nach seiner eigenen Hand (lesen Sie: Auffassung) gesetzt. So fehlen das Dies Irae, Graduale und Benedictus. Was vorhanden ist: Introït und Kyrie, Ofertoire, Sanctus, Pie Jesu, Agnus Dei, Libera me und In Paradisum. Was ebenfalls fehlt, sind die Geigen (außer in einigen Soli) und Holzbläser, was das kontrastierende Element im Werk noch weiter zu schwächen scheint. Worauf der Komponist offenbar auch wenig Wert legte, war die organische Verbindung zwischen den verschiedenen Teilen, denn jedes kleine Stück steht ganz für sich. Das scheint auf den ersten Blick problematisch, aber das ist überhaupt nicht der Fall, besonders wegen dem, was der Komponist dem Werk mitgegeben hat: viel Atmosphäre und Vorstellung. Wer von einem „einzigartigen Meisterwerk" spricht, hat nach meiner Meinung absolut recht. Weniger erweist sich hier deutlich als mehr.

Dann Charles Gounod, der seine Messe de Clovis 1891 vollendete, deren Veröffentlichung durch Choudens aber erst 1896 folgte, drei Jahre nach dem Tod des Komponisten. Der Titel verweist auf die Aufschrift „Composée pour le XIVe centenaire du baptême de Clovis à Reims le 25 décembre 496".

Für diejenigen, die diese Geschichte nicht kennen: Clovis (auch Chlodovech oder Hlodowig genannt), war sowohl der erste fränkische König als auch der erste katholische König, der über Frankreich (ungefähr das damalige Gallien) herrschte. Es war seine Frau Clothilde, die ihn zum Katholizismus bekehrte und deren Taufritual in einer kleinen Kirche in Reims am 25. Dezember 1946 stattfand.

Gounods Messe de Clovis passte ordentlich zu dem, was damals sehr wichtig gefunden wurde: dass die französischen Katholiken – natürlich mit Zustimmung des damaligen Papstes Leo XIII – sich der Dritten (Französischen) Republik anschließen würden, dem Regime, das in Frankreich von 1870 bis 1940 die Herrschaft hatte (mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kam das Vichy-Regime unter Pétain zum Vorschein). Die Dritte Republik war die erste, die sich auf ein demokratisch geformtes Parlament stützen konnte, damals weltweit ein Novum. Darin und auch darüber hinaus spielte sich der „Krieg der zwei Frankreichs", die „guerre des deux France" ab, der Kampf zwischen dem katholischen, konservativen und monarchistischen Volksteil und dem säkularen, fortschrittlichen und republikanischen Frankreich.

Es ist schade, dass die Aufführung auf dieser CD das beeindruckende Vorspiel mit großer Orgel und nicht weniger beeindruckenden Blechbläserfanfaren nicht enthält, sondern auf die bereits erwähnte Ausgabe des Pariser Musikverlags Choudens basiert, die nur eine kleine Orgel und einen Chor vorsieht (darin ist allerdings das Preludium, aber als Anhang enthalten).

Stilistisch stimmen die Merkmale des Oratoriums stark mit denen des bereits 1843 von Gounod angewandten A-cappella-Stils überein (in seiner Messe vocale de Vienne) nach dem bekannten, aus der Renaissance stammenden Rezept, mit Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525-1594) als sehr beredtem Beispiel. Neorenaissance im reinsten Sinne, also von Gounod im einfach gehaltenen Werk von Anfang bis Ende konsequent beibehalten. Dass auf dem bereits erwähnten gedruckten Titelblatt auch von „d'après le chant grégorien" die Rede ist, werden wir als einen Fehltritt des Verlegers abtun.

Im gegebenen Kontext können die beiden Zusätze als Postludium durchaus als gelungen bezeichnet werden: das 1919 komponierte O salutaris von Louis Albert (1877-1968) für Sopran, Chor ad libitum, Violine, Harfe und Orgel, sowie das aus 1890 stammende Adagio für Violine und Orgel von André Caplet (1875-1925), mit dem bezaubernden Violinspiel von Chouchane Siranossian in der Hauptrolle.

Das von Hervé Niquet geleitete Le Concert Spirituel hat sich seit seiner Gründung 1987 zum Ziel gesetzt, die französische Motette neu und historisch verantwortet zum Leben zu erwecken, aber im Laufe der Zeit kamen die notwendigen Ausflüge hinzu. Niquet, Gründer, Organist, Sänger, Komponist und Dirigent gleichermaßen, hat mit seinem Ensemble erneut für wirbelnde Interpretationen gesorgt. Das Requiem liegt Hervé übrigens im Blut, denn er hat das Werk, besonders zusammen mit dem Flämischen Radiochor, bereits unzählige Male aufgeführt. Vor genau zehn Jahren ist auch eine Aufnahme davon erschienen, auf Evil Penguin (EPRC 015), mit dem Philharmonischen Orchester Brüssel als Instrumentalensemble.

Weniger begeistert bin ich von dem von Alpha verwendeten, halbfertigen Titel des Requiem, ohne jede Angabe bezüglich der verwendeten Fassung. In der Erläuterung selbst ist als Zwischentitel Requiem (1888) angegeben, was den Leser prompt auf die falsche Fährte führt, denn was wir hören, ist die Fassung von 1893, wie später auch aus dem Text hervorgeht.

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Bildnachweis
Alpha 1014
Tags cd
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