Im Jahr 2010 war es die russische Pianistin Yulianna Avdeeva, die noch vor ihrem Landsmann Danill Trifonov den ersten Preis des fünfjährlichen Internationalen Chopin Pianowettbewerbs in Warschau gewann. Sie war damals erst die zweite Frau nach der Preisträgerin Martha Argerich im Jahr 1965. Doch es war nicht Avdeeva, die sich daraufhin in übermäßiger öffentlicher Aufmerksamkeit sonnen durfte und die sich an der großen Anziehungskraft der großen Plattenlabels erfreuen konnte, sondern Trifonov, der sich in Warschau dagegen mit einem nicht nur für ihn enttäuschenden dritten Preis begnügen musste.
Drei Jahre nach dem Gewinn des Wettbewerbs erschien das Album mit Chopins beiden Klavierkonzerten, bei dem Avdeeva vom Orkest van de Achttiende Eeuw unter Frans Brüggen unterstützt wurde. Es erwies sich als eine wichtige Veröffentlichung, zustande gekommen dank des ebenfalls in Warschau ansässigen Nationalen Frederyck Chopin Instituts und Teil einer inzwischen zu beträchtlichen Proportionen angewachsenen Reihe von Aufnahmen mit Klavieren aus der Zeit Chopins im Mittelpunkt. Was bei Brüggens Wahl für Avdeeva sicher eine Rolle gespielt haben wird, war, dass diese Pianistin auch gerne auf alten Instrumenten spielte, wie damals auf einem Érard von 1849.
Auf ihrem neuen Chopin-Album, das von Pentatone den Titel Chopin Voyage erhielt, spielt Avdeeva ebenfalls auf einem besonderen Instrument und gewissermaßen auch von historischer Bedeutung: der Steinway-Flügel CD-18, damals im Besitz von Vladimir Horowitz, sein „Hausinstrument", das in so manchem Rezital und auf so manchem Album zu hören ist. Horowitz starb am 5. November 1989 in New York City, 86 Jahre alt.
Der CD-18 ist heute Teil der Steinway-Sammlung, die im Tippet Rise Art Center in Montana untergebracht ist, wo auch diese Aufnahme entstand. Was dabei in erster Linie auffällt, ist der Flügelklang, der wie zwei Tropfen Wasser dem ähnelt, was auf so manchem Album mit Horowitz zu hören ist: die sonore, aber trockene und dadurch transparente Basslinien und der etwas scharfe Diskant. Den Technikern von Steinway ist es – zweifellos mit Meisterhand – gelungen, diesen ursprünglichen Flügelklang gut zu bewahren.
In meiner Rezension ihres Debütalbums, ebenfalls veröffentlicht von Pentatone (hier besprochen), war mein Eindruck der einer Spitzenpianistin, die mit ultimativer technischer Beherrschung ein formidables Stück Interpretationskunst präsentierte, wie das auch für ihre oben erwähnte Aufführung der beiden Klavierkonzerte galt.
Warum dieses so ausgesprochen positive Bild meines Erachtens teilweise nicht für ihr Chopin Voyage gilt, hat alles mit der verhaltenen Expressivität zu tun, die ihr Spiel diesmal vor allem kennzeichnet, obwohl ihre interpretatorische Autorität genauso unverkennbar ist wie in ihren vorherigen Aufnahmen (es gibt inzwischen acht, darunter fünf, die sich hauptsächlich Chopins Werken widmen, während Trifonov bereits in Richtung zwanzig geht).
Was in diesen neuen Interpretationen, wobei ich gerne eine Ausnahme von der feurig gespielten Polonaise-Fantaisie und Dritten Klaviersonate mache, besonders hervortritt, ist das sowohl expressive als auch klangliche Gleichgewicht, das sie deutlich anstreben wollte, und sich daher weniger auf expansive Ausdruckskraft konzentriert hat. Dies ist inspiriert von ihrer unerschütterlichen Überzeugung (sie berichtet darüber im CD-Booklet), dass Chopin diese Stücke inmitten der Natur komponierte, wie das auch für Avdeeva gilt, umgeben von der herrlichen Natur in und um die Berge der Beartooth Mountains. Avdeeva:
'Chopin wrote most of his major last compositions surrounded by nature. I am grateful for the opportunity to immerse myself in the serenity of nature too, as I bring these masterpieces to life at the one and only Tippet Rise Art Center, in Montana.'
Es ist eine Auffassung, für die ich sicherlich Wertschätzung und Respekt habe, aber ein Bißchen mehr Ausdruckskraft und ein Bißchen mehr Aufmerksamkeit für Expansion (Spannungsbögen!) hätten meines Erachtens genau den Unterschied zwischen gut und großartig gemacht. Aber dass sie auch diesem Album das Profil der Spitzenpianistin verleiht, besteht kein Zweifel. Der Flügelklang kommt herrlich aus den Lautsprechern.