Die Opéra Royal de Wallonie macht es wieder vor: Ein wenig bekanntes und selten aufgeführtes Werk meisterhaft in Szene setzen: Hamlet von Ambroise Thomas (1811-1896). Diesmal mit ausgesprochen zeitgenössischem Anstrich, denn Regisseur Cyril Teste verbindet in seiner Produktion die Möglichkeiten von Theater mit Film. Die Darstellung der beiden Protagonisten Lionel Lhote und Jodie Devos verspricht bereits eine glänzende Aufführung.
Wie sein etwas jüngerer Zeitgenosse Charles Gounod erzielte Ambroise Thomas seinen größten Opernerfolg mit einer auf Goethe basierenden Oper, Mignon. Seine Bearbeitung des Shakespeare-Stücks Hamlet wurde 1868 erfolgreich in Paris uraufgeführt, verschwand aber im zwanzigsten Jahrhundert aus dem Standardrepertoire, mit Ausnahme von zwei Fragmenten: Hamlets Trinklied im zweiten Akt und Ophelias Wahnsinnsszene. Thomas widmet Ophelia übrigens fast den gesamten vierten Akt. Er änderte ziemlich viel am Original von Shakespeare, ohne Skrupel. So ließ er Hamlet zum König von Dänemark krönen und machte Gertrude zur Mittäterin des Mordes an dem König – aber darüber stolperte man in der französischen Oper des neunzehnten Jahrhunderts nicht. Das Wichtigste war, ein romantisches Drama zu schaffen, und darin ist Thomas zweifellos erfolgreich gewesen. Der größte Verrat an Shakespeare ist ein »Happy End«, bei dem Hamlet schließlich Rache an Claudius nimmt und zum König ausgerufen wird: »Vive le roi Hamlet«. Für spätere Aufführungen in London änderte Thomas selbst das Ende in ein tragisches mit Hamlets Selbstmord. Cyril Teste wählt das ursprüngliche Ende, bei dem Hamlet erneut vom Geist besucht wird, der sich ins Volk zurückzieht und Hamlet einsam mit seiner Aufgabe als neuer König zurücklässt.
© V. Bianchi / ORW Lüttich
Lionel Lhote und Shadi Torbey
© V. Bianchi / ORW Lüttich
Lionel Lhote und Jodie Devos
Fokus auf Intimität
Claudius ist König von Dänemark geworden, nachdem er seinen Bruder ermordet hat. Er heiratet die Witwe. Hamlet, der Sohn des verstorbenen Königs, wird vom Geist seines Vaters besucht, der ihm aufträgt, seinen Vater zu rächen. Ophelia und Hamlet sind unsterblich verliebt ineinander. Durch ein Schauspiel »Der Tod des Gonzago« gewinnt Hamlet Gewißheit über Claudius' Schuld als Mörder. Er wirft sich vor, ihn nicht sofort getötet zu haben. Hamlet belauscht ein Gespräch zwischen Polonius und Claudius und erfährt, daß Polonius, Ophelias Vater, am Mord mitschuldig ist. Er weist Ophelias Liebe nun grausam zurück. Der Geist wiederholt, daß Hamlet seinen Vater rächen muß, aber seine Mutter schonen soll. Ophelia ist wahnsinnig geworden und ertränkt sich in ihrer Verwirrung. Bei ihrer Bestattung ist Hamlet verzweifelt, und nach einem finalen Besuch des Geistes hat er endlich die Kraft, Claudius zu töten. Er wird zum König ausgerufen.
Das politische Intrigenspiel um den Mord am König ist natürlich der rote Faden der Geschichte und der Motor von Hamlets Rachegefühlen. Aber die Regie betont deutlich die innere Reise der Figuren. Dies ergibt in Verbindung mit der romantischen Partitur von Ambroise Thomas eine Vielfalt von Gefühlen, die die (lange!) Aufführung durchgehend spannend und ergreifend hält. Dabei leistet der Einsatz von Filmbildern einen wichtigen Beitrag. Sie zeigen wiederholt Nahaufnahmen der Figuren und besonders ihrer Gesichtsausdrücke, sodaß man als Zuschauer gleichsam in ihre Emotionen hineingezogen wird. Die Hochmut des Claudius, die Verzweiflung der Mutter Gertrud, die sich zerrissen fühlt zwischen Hochmut als Königin und Angst und Schmerz als Mutter. Die Gefühlsachterbahn bei Hamlet zwischen Rache und Ohnmacht, zwischen Liebe und Haß. Die Zartheit Ophelias und der Kummer, der zum Wahnsinn führt. Die Bilder werden manchmal als ein Streifen oben auf der Bühne gezeigt, häufiger aber – und sicher effektiver – auf drei Paneele verteilt als Hintergrund der Szene. Auch die filmische Projektion im vierten Akt mit Ophelias Ertrinken ist sehr schön. Weniger gelungen (und überflüssig) finde ich die kurzen Szenen als Einleitung eines Aktes mit der Back-Stage-Vorbereitung, etwa die Schminke eines Gesichts. Aber das ist Detailkritik. Auch die Anwesenheit der Kameramänner auf der Bühne ist manchmal störend, aber für das Konzept unvermeidlich.

Nüchternheit bringt Ausdruck
Das Bühnenbild an sich ist besonders nüchtern und besteht nur aus einem Spiel mit einigen weißen Rahmen, die verschoben oder entfernt werden, und einem Teppich, der aus- oder aufgerollt wird. Als einziges Requisit ein Bett (etwa bei der Liebensaria zwischen Hamlet und Ophelia) oder eine Art Altar mit Blumen (»Zimmerpalme« laut Libretto) zur Feier der Hochzeit zwischen Hamlet und Ophelia. Bedeutsam wird genau dieselbe Dekoanordnung bei Ophelias Beisetzung wiederholt, was sofort das Tragische der gescheiterten Liebe zwischen Hamlet und Ophelia unterstreicht. Bei der »Dekoration« können wir vielleicht auch anrechnen, daß die Regie wiederholt Figuren aus dem Publikum auftreten läßt. So erscheint der »Geist« bei seinem ersten Auftritt buchstäblich zwischen dem Publikum, was natürlich Eindruck macht, besonders mit der schön hallenden Baßstimme von Shadi Torbey. Auch die Auftritte des Chors und ein paar Mal der Solisten Hamlet und Ophelia aus dem Publikum verfehlen ihre Wirkung nicht, um den Zuschauer näher an das Geschehen heranzuziehen.
Musikalische Spannung
Die Musik von Thomas in dieser Oper atmet aus allen Poren Nostalgie und Angst. Der Wille zur Rache beherrscht Hamlet und läßt ihn nur – und dann nur kaum – in den wenigen zärtlichen Szenen mit Ophelia los. Lionel Lhote verkörpert auf bewundernswertes geschickte Weise sowohl vocal als auch schauspielerisch seine Figur. Er sitzt in seiner eigenen Welt fest und verkörpert buchstäblich die Gefühle von Rache, Sehnsucht, Verzweiflung, Enttäuschung, Wut. Darüber hinaus beherrscht er die schwierige Partie stimmlich fehlerfrei. Die Stimme ist geschmeidig, kraftvoll, farbreich. Das Trinklied und besonders sein Monolog am Anfang des dritten Aktes setzen ihn sicher an die Spitze der Hamlet-Bariton-Sänger! Jodie Devos ist – wie zu erwarten war – seine weibliche Gegenspielin. Ophelia erscheint als die Reinheit selbst, auch in ihrer Kleidung mit Weiß und hellen Farben spielend. Ihre Sopranstimme ist seidenartig weich, kann aber auch die Koloraturen der von Belcanto inspirierten Wahnsinnsarie mühelos bewältigen. Auch die höchsten Töne singt sie wie pure Magie. Die Verkörperung von Shadi Torbey als der Geist des Vaters ist bemerkenswert. Das Mutter Gertrud ist eine zerrissene Frau, einerseits schuldbeewusst, andererseits die Schuld verleugnend. Béatrice Uria-Monzon spielt den Zweifel, der sie erfüllt, aber stimmlich fehlt ihr die Ausstrahlung und vor allem der Glanz. Nicolas Testé machte einen stockenden Anfang und wurde in der Pause wegen Krankheit entschuldigt, sang die Vorstellung aber zu Ende. Auch die kleineren Rollen des Polonius und Laertes waren schön besetzt.
Das Orchester machte einen etwas nachlässigen Anfang – besonders mit den ungenauen Hörnern, aber im Laufe der Vorstellung kam sie in Schwung, und Dirigent Guillaume Tourniaire brachte das Orchester in die richtige dramatische Atmosphäre und sorgte für die richtige Spannung der romantischen Partitur. Erinnert die Wahnsinnssaria der Ophélia deutlich an den Einfluss der italienischen Belcanto, so ist die Orchestrierung eher der französischen Romantik à la Berlioz verpflichtet. Eine Neuheit in der Oper ist natürlich die Verwendung des – damals gerade erfundenen – Saxophons, und der Saxophonist hatte das Privileg, seine Passage auf der Bühne spielen zu dürfen.
Die Vorstellung konnte auf berechtigten enthusiastischen Applaus zählen. Sie ist noch bis zum 7. März zu sehen.
WAS: Ambroise Thomas Hamlet
WER: Cyril Teste [Regie], Chor und Orchester der Opéra Royal de Wallonie u.L.v. Guillaume Tourniaire
Sänger: Lionel Lhote, Jodie Devos, Nicolas Testé, Béatrice Uria-Monzon, Shadi Torbey
WANN: Sonntag 26. Februar 2023 (Premiere)
ORT: Opéra Royal de Wallonie, Lüttich
- Título: Joseph Haydn: Die Jahreszeiten
- Künstler: Yoav Levanon
- Etikett: Warner, DDD, 2021
- Träger: CD





