Bei Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) können Klavier und Violine einander necken, herausfordern und unerwartet auf die Ideen des anderen aufbauen. In der Sonate in A-Dur, KV 526, und der Sonate in Es-Dur, KV 380, entfaltet sich so ein lebendiger musikalischer Dialog, in dem beide Instrumente abwechselnd die Führung übernehmen. Pianist Robert Levin und Geiger Gérard Poulet suchen auf dieser CD des französischen Labels Le Palais des Dégustateurs nach dem Gleichgewicht zwischen diesen Stimmen. Ihr Programm enthält überdies eine besondere Überraschung: Neben den beiden vollendeten Sonaten erklingt ein Fragment einer unvollendeten Komposition Mozarts, gefolgt von einer möglichen Fortsetzung, die Levin selbst geschrieben hat.
Robert Levin hat sich sowohl als Pianist als auch als Musikwissenschaftler intensiv mit Mozart beschäftigt. Neben der Aufführung von dessen Repertoire hat er sich auf die Vervollständigung von Kompositionen spezialisiert, die Mozart unvollendet hinterließ. Levin und Poulet arbeiteten zuvor bereits an einem Album mit unvollendeten Werken Mozarts für Violine und Klavier zusammen. Diese Veröffentlichung knüpft daran an, verbindet die Rekonstruktion jedoch mit zwei vollendeten Sonaten.
Verspieltheit und Zurückhaltung
Die Sonate in A-Dur, KV 526, entstand 1787 und gehört zu Mozarts späten Beiträgen zu dieser Gattung. Im Eröffnungssatz, Molto allegro, fällt die spielerische Musikalität von Levin und Poulet auf. Die musikalischen Linien fügen sich geschmeidig ineinander, und keiner der beiden drängt sich ständig in den Vordergrund. Die Freude, mit der sie an diese Musik herangehen, verleiht dem Satz eine ansteckende Leichtigkeit.
Das Andante schlägt einen ganz anderen Ton an. Das Klavier setzt suchend ein, woraufhin die Violine mit klarem Klang einsetzt. Levin und Poulet bauen den Satz behutsam auf und legen großen Wert auf Ruhe und Zurückhaltung. Der beherrschte Zugang verleiht der Musik eine gewisse Intimität, bringt meines Erachtens jedoch nicht überall die Spannung zum Vorschein.
Im abschließenden Presto liegt das Tempo deutlich höher. Die Musiker halten den Schwung und geben ihren Stimmen genügend Eigenständigkeit. Der Klang der Violine wirkt hier an einigen Stellen etwas scharf und weniger warm. Dadurch verschmilzt die Violine nicht immer so geschmeidig mit dem Klavier. Diese Klangfarbe fällt zunächst auf, tritt im weiteren Verlauf jedoch weniger deutlich hervor.
Zwischen Nuance und Lebendigkeit
In der Sonate in Es-Dur, KV 380, fallen im Eröffnungssatz, Allegro, vor allem Levins verfeinerte Artikulation und subtile Dynamik auf. Anfangs nimmt das Klavier eine prominente Stellung ein, doch allmählich erhält auch Poulet mehr Raum, sich zu entfalten. Levins Spiel verleiht der Musik Plastizität und hält die musikalischen Linien klar.
Das Andante con moto erhält einen zurückhaltenden Charakter. Levin lässt den Verzierungen alle Freiheit und verwebt sie sorgfältig mit der musikalischen Linie. Trotz des ruhigen Tempos bleibt die Musik im Fluss. Im abschließenden Rondo sorgen die Synkopen für einen verspielten rhythmischen Charakter. Levin und Poulet steigern sich allmählich bis zum Ende, sodass der Schluss überzeugend gerundet wirkt.
Mozarts Ansatz, Levins Fortsetzung
Der außergewöhnlichste Teil des Programms ist das Fragment KV Anh. 47, eine unvollendete Komposition in G-Dur, von der nur ein Anfang aus Mozarts Hand überliefert ist. Die Musik setzt energisch ein: Zuerst erklingt das Klavier, dann übernimmt die Violine, woraufhin beide Instrumente gemeinsam weitergehen. Der lebhafte Beginn endet abrupt und lässt offen, wie Mozart das Werk selbst fortgesetzt hätte.
Danach folgt die von Robert Levin vervollständigte Fassung. Die Violine erhält darin eine ausdrucksstarke Rolle, während die Klavierstimme reich ausgearbeitet ist. Die Ergänzung bietet eine mögliche Fortführung des überlieferten Fragments, bleibt jedoch naturgemäß eine Rekonstruktion und kein wiedergefundenes Original. Dadurch, dass man das ursprüngliche Anfangsstück und Levins Ergänzung hintereinander hört, erfährt der Zuhörer nicht nur Mozarts musikalischen Ansatz, sondern auch eine mögliche Ausgestaltung dessen, was darauf hätte folgen können.
Die Aufnahme entstand im Mai 2015 in La Goillotte in Vosne-Romanée. Der Klang ist überwiegend klar und evoziert die Atmosphäre eines intimen Salons. Klavier und Violine sind gut ausbalanciert und erhalten beide ausreichend Raum, auch wenn die Aufnahme an einigen Stellen etwas direkt klingt.
Die Kombination aus zwei vollendeten Sonaten, dem unvollendeten Fragment und Levins Ergänzung verleiht dieser CD einen eigenen Charakter. Gerade für alle, die neugierig sind, wie ein Pianist-Komponist einen solchen überlieferten Ansatz ergänzen kann, bildet der letzte Teil einen zusätzlichen Grund zum Hören.