Wir schreiben den 7. Mai 1824 – 2024. Es ist auf den Tag genau 200 Jahre her, dass Ludwig Van Beethovens neunte Symphonie ihre Weltpremiere erlebte. Dass sie sich zu einer der ikonischsten Kompositionen aller Zeiten entwickeln würde, wusste das schwerhörige Genie nicht. Und hätte er es gewusst, was hätte es geändert? Vielleicht hatte er es ja sehr wohl geahnt…
Die Geschichte, dass Beethoven seine Neunte nicht selbst hörte, weil er steindeaf war, muss nun endlich ad acta gelegt werden. Der Komponist war nicht taub. Er litt allerdings an einer schweren Form von Tinnitus, unter der er bereits als Teenager litt. Das lässt sich daraus ableiten, dass er während eines Spaziergangs mit seinem Musiklehrer in Bonn einen oder mehrere Vögel nicht singen hörte, während sein Lehrer auf diesen schönen Gesang hinwies. Tinnitus kann Laute übertönen. Du hörst durch den störenden Tinnituston etwas anderes nicht, aber eigentlich bist du nicht taub.
Es ist eine Tatsache, dass Beethoven noch etwas hörte – das findet sich in seinen vollgekritzelten Notizen. So darfst du davon ausgehen, dass er seine Neunte sehr wohl hörte, auch wenn der Mythos sagt, dass er nichts hörte. Das soll der Grund gewesen sein, dass er, als nach den Schlussnoten bei der Premiere noch nie gesehener Applaus ausbrach, mit dem Rücken zum Publikum stehen blieb und weinte, weil er nichts gehört hatte. Es gibt jedoch keine einzige Aussage, in der Beethoven zitiert wird und dies behauptet. Die einzige dokumentierte Aussage ist diese des Soprans, der auf der Bühne zu Beethoven ging und ihn zum Publikum kehrte, weil er dachte, dass er den Applaus und Jubel nicht höre. Er weinte daraufhin noch heftiger.
Persönlich bin ich der Überzeugung, dass Beethoven seine Symphonie, so sehr der Tinnitus auch war, sehr wohl hören konnte – wie sehr auch gestört – und dass er vor tiefer Ergriffenheit weinte, dass es ihm gelungen war. Tränen auch aus Dankbarkeit gegenüber den Musikern, denen er sich zuwandte, nicht dem Publikum, das etwas erreicht hatte. Beethoven tat es nicht für den Applaus dieser Premiere, er tat es für die Menschheit. Deshalb die 'Ode an die Freude'.
Über diese Symphonie sind Kilometer Papier beschrieben worden. Die Struktur, die Geschichte, die Entstehung und so weiter. Sehr viel fesselnde und lehrreiche Literatur ist vorhanden, so dass es nicht unsere Aufgabe ist, eine eigene Sicht zu geben, sondern nur klarzumachen, dass der Mann, der ¼ von uns ist über seinen Urgroßvater Louis, sehr gut wusste, was er erreicht hatte, und dass er trotz allem noch ein wenig davon hören konnte. Was er nicht vorhersehen konnte, ist, dass diese immens populäre Symphonie mit den äußerst schwierigen Gesangspartien Japan erobern würde wie kein anderes Land. Und was er auch nicht vorhersehen konnte, ist, dass seine Musik auf Friedrich Schillers Text „Ode an die Freude" als europäische Nationalhymne verwendet werden würde, zwar in einer Bearbeitung von Herbert von Karajan. Das brachte ihm übrigens keine Schande ein und der Dirigent und seine Nachkommen genießen immer noch die Rechte. Gut, dass Beethoven das nicht wusste, er würde darüber besonders zornig sein, dass ein anderer seine Taschen so mit seinem Werk füllt. Oder ob er stolz darauf gewesen wäre, dass dieser Teil seiner Schöpfung eine Hymne wurde, lasse ich dahingestellt.
Was auch immer es sei, taub oder nicht taub, Hymne oder keine Hymne, die neunte Symphonie wird noch lange, ganz lange und vielleicht sogar länger als die EU überleben und Menschen inspirieren, in Bewunderung versetzen, begeistern. Eigentlich kann man sagen, dass Beethovens Ode an die Freude eigentlich eine 'Ode an Beethoven' ist, auch wenn das nicht seine Absicht war. Die größte Ehre kommt ihm zu, dem Schöpfer, dem Genie, dem Wunder Beethoven. Lieber Ludwig Van Beethoven, hiermit: danke dir! Mit einer tiefen Verbeugung vor dir, Kaiser der Musik.
- FOTOS: © Wikipedia

