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"Bild mit Musik nie vollständig, was man auf dem Bildschirm sieht"

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· 8 Min. Lesezeit
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"Bild mit Musik nie vollständig, was man auf dem Bildschirm sieht"

Seine Helden zu treffen, so etwas widerfährt einem nicht jeden Tag. Glücklicherweise verfügt unser Land über ein Filmfestival, das größte Belgiens, das seit Jahrzehnten außergewöhnlich die Scheinwerfer auf Filmmusik richtet. Dieses Jahr lag der Fokus von Film Fest Gent auf dem florierenden südkoreanischen Kino, und es gab daher auch besondere Aufmerksamkeit für die Filmmusik, die damit untrennbar verbunden ist. So wurde in De Bijloke die Crème de la Crème der koreanischen Filmmusik während des Konzerts Korean Composers ins Rampenlicht gerückt. Aber zuerst gab es also diese Begegnung…

In Südkorea ist er absolut eine bekannte Persönlichkeit, versicherte mir der Dolmetscher nach dem Gespräch. Jemand, der auf der Straße in Seoul leicht erkannt und angesprochen würde. Auch die junge Südkoreanerin, die in Gent lebt, fand es eine einzigartige Gelegenheit, den Mann einmal persönlich zu treffen. Wie es bei asiatischen Namen oft vorkommt, ist es für den unwissenden Westler keine Kleinigkeit, zu einer korrekten Schreibweise oder Aussprache zu gelangen. Auch hier half die freundliche Übersetzerin ein wenig nach… Young-wuk Jo (1. Januar °1962) – der Nachname wird wie „Cho" ausgesprochen und wird daher oft auch so (allerdings fälschlicherweise) geschrieben – ist inzwischen seit vielen Jahren der ständige Komponist seines Landsmannes Chan-wook Park, Regisseur von gefeierten Filmen wie Oldboy (2003), Teil der sogenannten Vengeance-Trilogie, und The Handmaiden (2016). Die intensive Zusammenarbeit zwischen den beiden Herren kann inzwischen durchaus mit der zwischen Alfred Hitchcock und Bernard Herrmann – einem Komponisten, den Jo sehr schätzt – oder Federico Fellini und Nino Rota verglichen werden. Der neueste Film von Park, Decision to Leave (2022), läuft derzeit in den Kinos und wiederum ist Jo seine musikalische Stütze und sein Vertrauter. Auf dem Filmfestival von Cannes wurde die Aufnahme früher in diesem Jahr mit dem Preis für beste Regie (prix de la mise en scène) ausgezeichnet. Park gesellt sich auf diese Weise auf die gleiche Liste wie unter anderem Mike Leigh, David Lynch, Michael Haneke und unsere Brüder Dardenne.

Auch die Erfolgsbilanz von Young-wuk Jo ist bereits gut gefüllt, obwohl sich die Auszeichnungen hauptsächlich auf das eigene Vaterland beschränkten. Eine Folge der Tatsache, dass er noch nie mit einem europäischen Regisseur zusammengearbeitet hat? Dies tut seinen Verdiensten überhaupt keinen Abbruch, die besonders für einen Autodidakten bemerkenswert sind. Dennoch wird ein lachender Jo während unseres Interviews mehrfach betonen, dass das, was er tut, eigentlich Teamwork ist. Neben ihm kann sich der Komponist noch auf vier weitere Kräfte verlassen, wie er erzählt, und nach den jungen Leuten zu urteilen, die während unseres Gesprächs abwechselnd zuhören und auf seinem Handy herumfummeln, sind es sehr junge Kerle. „Nächstes Mal seid ihr vielleicht schon seinetwegen hier", klingt es wie eine Art Vaterfigur. Was in jedem Fall sicher ist: Eine bessere Ausbildungsstätte für den angehenden Filmkomponisten kann man sich kaum vorstellen. Jo hielt sich in letzter Zeit öfter in Belgien auf, und zwar besonders in den Galaxy Studios, dem Ort in Mol, wo die Postproduktion seines letzten Soundtracks für den Film Hunt von Jung-jae Lee stattfand. Dabei wurde er von Maestro Dirk Brossé unterstützt, dem Dirigenten, der heute Abend erneut das Podium während des Korean Composers Konzerts in De Bijloke erklimmen wird. „Eine große Ehre und etwas, auf das ich mich mit großer Begeisterung freue", sagt der Komponist dazu. Denn wie sich herausstellt: In einem südkoreanischen Konzertsaal ist die Musik dieses Mannes noch nie aufgeführt worden. Das ist kaum zu glauben, genauso wie die Erklärung, die Jo dafür gibt und die die außergewöhnliche asiatische Arbeitskraft einmal mehr bestätigt. Aufgrund des Trubels der vielen Arbeit ist es anscheinend noch nie dazu gekommen.

Obsessiv


Der sechzigjährige Young-wuk Jo brilliert eigenen Angaben zufolge auf keinem einzigen Instrument aus, doch trotzdem schrieb er bereits Dutzende von Filmmusiken. Was betrachtet er selbst, jenseits allen Lobes und aller Auszeichnungen, als seine erfolgreichste Musik? Der Dolmetscher erledigt eifrig seine Aufgabe, worauf der Mann lachend beide Hände in die Luft wirft, als wäre es eine unmögliche Frage. Selbstverständlich nennt er seine jüngste Produktion für Decision to Leave. "Denn wenn ich auf meine bisherigen Filme zurückblicke, stoße ich immer auf kleine Fehler. Aber bei der Musik für Decision to Leave hatte ich noch nicht die Zeit, mein eigenes Werk kritisch unter die Lupe zu nehmen", so klingt es mit einem Augenzwinkern. Jo schaut eigenen Angaben zufolge auf westliche Musik – als Teenager war er vor allem von Rock begeistert. Es ist etwas, womit er in Südkorea aufgewachsen ist und das fast obsessiv Teil seiner Persönlichkeit ausmacht. Als Beispiel verweist Jo auf The House of the Rising Sun,
. Heute ist er Fan des Collegium Vocale Gent und lange nicht der Einzige auf der Halbinsel mit Interesse an klassischer Musik. Durch die Diktatur im eigenen Land nach dem Zweiten Weltkrieg und darauf folgend den Koreakrieg (1950–1953) wurde die eigene Tradition ausgelöscht und das, was aus Europa und den Vereinigten Staaten kam, wurde lange Zeit als moderner und somit 'besser' betrachtet. Das galt auch für die Musik. "Die traditionelle koreanische Musik eignet sich auch nicht so gut für die Filme, die im eigenen Land gemacht werden. Mit klassischer Musik kann man hingegen viel mehr Emotionen ausdrücken."

Jo ist ein großer Liebhaber der Holzbläser, etwas, das sich beispielsweise wunderbar in "Fatality" zeigt,

. Wie setzte er diese und andere Musik wie "The Last Waltz" –
– zu Papier? "Oldboy ist ein Film mit ziemlich rohen Actionszenen. Die langsame, tänzerische Musik ist als angenehmer Kontrast gedacht und um diese verschiedenen Momente miteinander zu verbinden. Daher tauchen in der Partitur viele Walzer auf." Es ist ein Ansatz, der nahtlos zum Motto des Filmkomponisten passt: "Begleite das Bild mit Musik nie ab, das was du auf dem Bildschirm siehst." Trenne also das Visuelle und das Auditive voneinander. Es klingt kontraintuitiv, aber dann müssen Sie wissen, dass die Musik für Oldboy bereits fertig war, bevor auch nur eine einzige Bildsequenz des Films gedreht wurde. "Fatality" ist andererseits anscheinend ein Stück, das bei seinem Autor zunächst nicht sofort eine Glocke läutet. Glücklicherweise ist es auf meinem Handy, und wir hören gemeinsam den Anfang an. "Für Lady Vengeance wollte ich das Gegenteil von Oldboy: etwas Emotionaleres, mit Einflüssen aus der Barockmusik, aber auch aus der traditionellen koreanischen Musik." Der Aufbau der Musik erfolgt immer in Schichten, wobei jede Instrumentengruppe nacheinander eingebracht wird. Derzeit werden die letzten Hand an der Musik für The Sympathizer, eine HBO-Miniserie mit wieder Park als Regisseur und Robert Downey jr. in der Hauptrolle, gelegt.

Koreanisches Galakonzert


Denselben Abend machen Dirk Brossé und Brussels Philharmonic ihren Auftritt im Konzertsaal von De Bijloke für das Galakonzert Korean Composers, eine Hommage an Jo und einige seiner komponierenden Landsleute. Das Programmheft zeigt, was er zu Beginn des Tages noch betont hatte. Ohne Ausnahme wird bei jedem seiner sechs Stücke nämlich ein zweiter Komponist mit Namen genannt. Für das mitreißende "
" aus The Handmaiden ist das beispielsweise Dae-sung Hong (°1982), und wiederum wird das Thema zunächst von einer Kombination von Holzbläsern präsentiert. Mit "
" aus Oldboy, geschrieben zusammen mit Ji-soo Lee, bekommen wir als letztes Stück einen der anderen Walzer aus dieser Partitur zu hören: zuerst nur am Klavier, danach von einem vollständigen Orchester. Zu diesem Zeitpunkt war auch bereits Musik aus Decision to Leave ("Seorae"), A Taxi Driver ("Beyond the Darkness", 2017) und Thirst ("Under the Light", 2009) vorbeigegangen, während das Porträt mit dem spannenden Thema aus der Netflix-Serie Narco-Saints (2022) startete. Oder genauer gesagt mit einem kurzen Gespräch mit einem etwas emotionalen und überwältigten Young-wuk. Die gesamte Konzertgestaltung zeigte schön, wie vielfältig südkoreanische Filmmusik ist: von der klassisch symphonischen "
" von Jae-il Jung, einem Werk aus dem tragikomischen Preisträger Parasite (2019), das mit einigen feinen Dialogen zwischen einigen führenden Musikern des Orchesters belebt wurde, über den berauschenden Klang der daegeum, eine traditionelle Bambusquerflöte, während "
" aus Sopyonje (1993) bis zur pikanten Gitarrenmusik von Byeong-woo Lee, der andere anwesende Ehrengast, der auch als Ausführender die Bühne betrat. Lee fiel nicht nur durch sein besonderes Brillengestell und eine spitzige, akustische Gitarre auf, von der ein gewisser James Hetfield von Metallica garantiert neidisch wäre, sondern auch durch sein feinsinniges Zupfen in Stücken wie Dance und Lullaby. Das Publikum, in großen Mengen zum Termin erschienen, ließ sich das alles mit Vergnügen gefallen.

WAS: Interview mit der südkoreanischen Filmkomponistin Young-wuk Jo anlässlich des Konzerts Korean Composers

WO: Cultuurcentrum De Bijloke

WANN: Donnerstag, 20. Oktober 2022

MUSIK: Jae-il Jung, Young-wuk Jo, Byeong-woo Lee, Hye-seung Nam, Soo-chul Kim, Mowg

AUSFÜHRENDE: Brussels Philharmonic u.L.v. Dirk Brossé

ORGANISATION: Film Fest Gent


© Jeroen Willems


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