Die immer lieblich klingende Rosemary Standley entdeckte ich vor einigen Jahren durch Aufnahmen mit ausgeprägtem Crossover-Charakter. Besonders ihre Interpretation von Purcells O Solitude im Projekt Birds on a Wire machte großen Eindruck durch ihre außergewöhnliche Expressivität. Diese CD stellt daher eine willkommene Ergänzung zur immer noch etwas begrenzten Diskografie einer Sängerin mit wirklich einzigartiger und tröstlicher Stimme dar.
Les Musiciens de Saint-Julien und ihr Inspirator François Lazarevitch sind bekannt für ihre originelle Kombination von Barockmusik und lebendigen Volksmusiiktradionen. Mit historischen Instrumenten und großer Aufmerksamkeit für Authentizität, Klangfarbe und Ehrlichkeit bringen sie sowohl bekannte als auch weniger bekannte Repertoire-Perlen zum Leben.
Die Zusammenarbeit zwischen Rosemary Standley und François Lazarevitch ist vielleicht nicht überraschend, aber vollständig glaubwürdig. Standley hat bereits mehrfach bewiesen, dass sie Folk, Chanson und klassische Musik mühelos miteinander verbinden kann, während das Repertoire englischer, schottischer und irischer Balladen perfekt zu den historischen Instrumenten von Les Musiciens de Saint-Julien passt.
Auch auf dieser CD fällt alles wunderbar an seinen Platz. Die zwanzig Nummern plätschern scheinbar ruhig dahin. Man könnte es der Einfachheit halber „Easy Listening" nennen, aber das würde dieser Aufnahme nicht gerecht werden. Wer sich Zeit nimmt, die CD in verdaulichen Häppchen zu hören, entdeckt einen Schatz an raffinierten Arrangements, subtilen Stimmkombinationen und erfindungsreichen instrumentalen Dialogen. Die Aufnahme ist so reich an Details, dass wer sie nur als Hintergrundmusik hört, vieles Schönes vermissen wird.
Gesang und Instrumente bewegen sich ständig zwischen Intimität und Leidenschaft. Balladen, Liebeslieder, Nostalgie, Wehmut und Lebensfreude passieren Revue und bilden zusammen eine bunte Palette, die den Hörer mühelos nach Schottland und Irland versetzt.
Folk in einem historisch informierten Rahmen ist heute kein überraschendes Konzept mehr. Viele Ensembles begehen diesen Weg und auch auf Konzertpodien finden wir genügend Beispiele. Dennoch befindet sich die Qualität dieser Ausführenden auf einem deutlich höheren Niveau. Die Musikalität, das stilistische Verständnis und die Raffinesse, mit der dieses Repertoire angegangen wird, machen Eindruck.
Auch die Aufnahmequalität verdient Lob. Der Klang ist klar, transparent und funkkelnd, mit ausreichend Raum für sowohl Stimmen als auch Instrumente. Das begleitende Booklet ist außerdem außergewöhnlich sorgfältig gestaltet und übersteigt das rein Informative. Es hat fast eine künstlerische Ausstrahlung. Hier ist sichtbar viel Aufmerksamkeit und Liebe investiert worden.
Ich kann diese CD daher ohne Einschränkung einem breiten Publikum empfehlen. In erster Linie natürlich den Fans von Rosemary Standley und Les Musiciens de Saint-Julien. Für sie ist dies notwendig. Daneben werden Folk-Liebhaber zweifellos vom wunderschönen Gesang und den intelligenten Bearbeitungen bezaubert sein. Auch für Liebhaber alter Musik ist dies eine Empfehlung. Die Arrangements von Lazarevitch und seinen Kollegen sind erfindungsreich, raffiniert und mehr als wert, aufmerksam angehört zu werden.
Dennoch ist es vor allem die CD als Ganzes, die überzeugt. Dies ist eine Aufnahme, die in jede Musikbibliothek gehört. Man kann sie jederzeit hören. Fühlst du dich nostalgisch, dann bietet Standleys Stimme Trost. Scheint die Sonne, dann starte The Tailor and the Mouse. Hast du Bedarf an einem Mitsinger, dann erwartet dich The Last Rose of Summer. Das größte Verdienst dieser Ausgabe: musikalische Spitzenqualität und warme Menschlichkeit.