Medusa lässt eine verlorene mythologische Frauenstimme wieder rechtmäßig erklingen. Sie stellt die Frage: Wer ist sie? Eine Frage, die wir uns ebenso auch bei einer Lucrezia (Borgia) oder einer Lucia (di Lammermoor) stellen können.
Iain Bell, Lydia Steier und die Munt bringen ihre eigene Medusa. An diesem Abend klangen mehrere Fragen auf: "Warum braucht Medusa eine Stimme? Warum (schon wieder) eine mythologische Oper?". Dabei frage ich mich, welche Saite berührt wird. Warum nicht? Geht es hier nicht gerade um die Frau und nicht „schon wieder" um den Mythos?
Medusa ist nicht nur eine neue zeitgenössische Oper, sondern auch ein Weg zu neuen Interpretationen und Figuren. Bell & Steier blicken bereits erfrischend weiter als der ursprüngliche – männliche – Mythos.
Who/what is (the) Medusa?
Der Medusa-Mythos ist allgemein bekannt. Viele Helden sterben an ihren Füßen, bis Perseus sie besiegt. Aber, wer ist Medusa? In der Popkultur wird die griechische Mythologie manchmal zusammengefasst mit „Zeus/Poseidon/… begehrte die schöne x, mit allen Konsequenzen". Die Frau wird auf eine Requisite reduziert, die das Spiel in Gang setzt. Sie zahlt den Preis: Sie verwandelt sich in eine Kuh (Io), einen Bären (Callisto) oder, im Falle von Medusa, in eine Gorgo mit Schlangenhaar und tödlichem Blick.
"We are filling in the dot dot dot after Poseidon sexually assaults Medusa," heißt es aus dem Team Bell and Steier. Medusa erforscht Schmerz und gemeinsames Trauma.1 Täusch dich nicht: Medusa ist eine Herausforderung zu übersetzen, denn der verborgene Kern dreht sich um sexuellen Missbrauch, Trauma und Ohnmacht – etwas, das der ursprüngliche Mythos ignoriert. Bell und Steier legen offen, was das Schicksal von Medusa wirklich bedeutet.
Sexuelle Belästigung und Missbrauch sind sicherlich nicht neu in der Operngeschichte (die kommende Oper der Munt, die wiederkehrende Villalobos-Produktion von Puccinis Tosca, ist hier ein Beispiel2). Aber es sind oft Triebfedern, an denen schnell oder sogar leichtfertig vorbeigegangen wird. Sind wir diese Mentalität nicht endlich überwunden? Medusa hat es zumindest richtig gemacht.
"Sleep my starchild, sleep"
Wer Medusa (Sopran Claudia Boyle) sagt, sagt Perseus (Tenor Josh Lovell). Bell & Steier verweben ihre Mythen, ohne Medusas Geschichte Unrecht anzutun. Dies über ein melodisches Wiegenlied, das sich als tragisches Leitmotiv durch die Oper zieht. "Sleep my starchild, sleep," singen sowohl Perseus' Mutter Danaë (Mezzo Sopran Marie-Juliette Ghazarian) als auch Pflegemutter Medusa.
Die Orchesterkomposition ist ein drohend dissonant klingendes Husarenstück, das sich dehnend hinter diesem Leitmotiv ausbreitet. Die Oper beginnt mit einem unsichtbaren, unheilverkündenden Geisterchor. Der Männerchor scheint für Poseidons (Bass Konstantin Gorny) drohende Absicht zu stehen. Bevor wir den grausamen Gott überhaupt sehen. Die Einflüsse von Richard Strauss' Elektra (1909) sind deutlich hörbar. Psychologie und Emotion erklingen in atonaler Dissonanz. Es ist frei von Melodie, es sei denn, schmerzhaften Sehnsüchten werden angesprochen.
Diese wird abgelöst durch die geschlossene Frauenwelt, dargestellt durch den Priesterinnenchor der Athena. Auch dieser ist grausam und zerrüttet. Hier schlägt Gornys Poseidon zu. Die Oper nutzt hierfür hervorragend seine kräftige Bassstimme. Die Vergewaltigung von Medusa dauert kurz – banal kurz – im Vergleich zu den kommenden Folgen. Die unbarmherzige Athena, eindrucksvoll dargestellt durch Sopran Mary Elizabeth Williams, tobt mit einer stahlharten Klangflut gegen ihre Priesterinnen. Die finnische Sopranistin Anu Komsi (High Priestess) setzt mit ihrer hellen Stimme die wahnsinnigen Folgen ihres Versagens um. Wahnsinn, Wut und kein bisschen Mitleid für „die Hure", die Athenas Tempel geschändet hat. Medusa verwandelt sich: Ihre Identität wird ihr genommen.
Akt zwei ist eine Introspektion. Die Frau Medusa existiert nicht; sie ist ein Monster. Umgeben von ihren Gorgo-Schwestern (Mezzo Sopran Paula Murrihy als Euryale und Sopran Angela Denoke als Stheno) fühlt sie sich zerrüttet. Ihre süße Stimme wurde durch einen verzweifelten Ton ersetzt. Kurze melismatische Abschnitte greifen fragmentiert auf verrückte Belcanto-Szenen zurück, wie in Donizettis Lucia di Lammermoor (1835). Das tragische, aber auch ergreifende Duett zwischen Medusa und dem „Sternenkind" Perseus enthüllt die Sehnsucht, mit der sie sterben möchte: ihre eigenen (Familien-)Träume, die ihr brutal genommen wurden.
Mit Medusa berühren Bell, Steier und die Munt etwas zutiefst Integres. Es ist eine Produktion, die man sehen muss, sowohl wegen des Themas, der Komposition als auch der talentierten Besetzung. Ich habe die Frage "Können wir mehr Frauen in der (Opern-)Geschichte ihre Stimme zurückgeben?" an Bell gestellt. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass Medusa sicherlich nicht das letzte Mal ist, dass wir diese Frauen hören werden. Lassen Sie uns anfangen, aber sicherlich nicht enden, mit Medusa.
1 Dieser Abschnitt ist eine Paraphrase basierend auf der Pressekonferenz mit Iain Bell und Lydia Steier. Diese fand vor der Opernpremiere am 05/05/2026 statt. 2 Die Opernproduktion 2026 von Giacomo Puccinis Tosca (17/06-01/07/2026) ist eine Wiederaufnahme der erfolgreichen Produktion der Munt aus 2021. Die Regie stammt von Rafael R. Villalobos.
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