Mit der Veröffentlichung dieses Albums markieren The Tallis Scholars unter der Leitung von Peter Phillips eine bedeutende Verschiebung in ihrer Repertoirewahl. Indem sie ihr vertrautes Terrain von Palestrina und Josquin gegen die zeitgenössische Idiomatik von Nico Muhly austauschen, liefern sie eine Leistung, die sich sowohl spirituell als auch zutiefst menschlich anfühlt.
Muhly, dessen Schreibstil in seiner eigenen Erfahrung als Chorsänger verwurzelt ist, nutzt eine zehnstimmige Struktur, die die individuellen Qualitäten der elf Sänger ausschöpft. Die meisten Kompositionen auf diesem Album wurden speziell für dieses Ensemble geschrieben. Es entsteht eine faszinierende Wechselwirkung: Während die Scholars normalerweise nach einer fast anonymen Einheit streben, lässt Muhly die einzelnen Stimmen hier atmen. Ein leichtes Schwanken oder ein hörbarer Einsatz wird hier nicht zur Unvollkommenheit, sondern zu einem ausdrucksstarken Mittel, das die abstrakte Musik menschlicher und greifbarer macht. Darüber hinaus spielt Muhly auch mit Dichte: Stimmen dehnen sich in "konzentrischen Kreisen" aus und ziehen sich dann in homophoner, choralartiger Einheit zurück. In Werken wieEin herrliches Geschöpfwird ein mathematischer Ansatz des Klangs sichtbar, wobei eine zentrale Unisono-Note als Fundament für die harmonische Ausstrahlung des gesamten Registers dient.
Auch in anderen Werken auf dem Album nutzt Muhly einen kompositorischen Stil des "musikalischen Erzählens", der von filmischen, fast märchenhaften Texturen in den Tagebuchfragmenten von Kapitän Scott (Raue Notizen) bis zur komplexen, mehrschichtigen Rhythmik im Geburtstagsgeschenk reicht. Wohlstand. InRaue Notizenwird die Gesangstechnik der Scholars gezielt eingesetzt, um Naturphänomene wie das Polarlicht durch veränderliche, leuchtende Harmonien zum Erklingen zu bringen.
Das intellektuelle und emotionale Herz der Platte ist, wie bereits der Titel des Albums verrät:Keine RuhestätteHier integriert Muhly die traditionellen Klagelieder des Jeremia mit den rohen Zeugnissen der Windrush-Generation. Dies schafft einen zwingenden Kontrast durch eine doppelte Schicht: einen lateinischen, harmonisch abstrakten Rahmen, der Distanz schafft als Hintergrund, vor dem sich ein Drama in der ersten Person im Vordergrund entfaltet und den Hörer zu direkter emotionaler Beteiligung zwingt. Es ist in diesen Passagen, wo biblische Abstraktion auf unsere jüngste Geschichte trifft, dass die Scholars ihre tiefste Aussagekraft offenbaren.
Die Zusammenarbeit zwischen Muhly und Phillips führt zu einem Album, das die Grenzen der traditionellen Chorausführung erforscht, ohne mit der Vergangenheit zu brechen. Die Stärke dieser Veröffentlichung liegt in der Art und Weise, wie die architektonischen Prinzipien der Renaissance-Polyphonie in ein modernes, lineares Idiom übersetzt wurden. Es ist ein technisch anspruchsvoller Katalog, der beweist, dass die Gesangspräzision und Flexibilität von The Tallis Scholars auch außerhalb ihres vertrauten Rahmens Bestand haben. Ein unverzichtbares Hörerlebnis für Liebhaber sowohl von Polyphonie als auch von zeitgenössischer Musik.





