Unsere Website wurde erneuert, gib selbst deine Veranstaltungen ein. Hast du einen Fehler gesehen? Schreib uns!

Roadtrip durch den Balkan, unterwegs zu den Menschen

Sänger, die das Publikum begrüßen

Einige Konzerte sind absurd zu rezensieren, weil man vorher bereits weiß, dass alles perfekt sein wird. Die Musiker sind erstklassig, das Programm ist durchdacht und die Ausführenden haben ihre Sporen reichlich verdient. Was schreibt man dann noch über ein Konzert von Christina Pluhar und L'Arpeggiata?

Vielleicht weniger über die Musik selbst, sondern darüber, was diese Musik mit dir macht.

Das Abschlusskonzert des Festival de l'Abbaye de Saint-Michel en Thiérache bot eine atemberaubende Besetzung. Und doch war es mehr als nur eine Parade großer Namen. Dieses neue Programm – das übrigens eine Woche zuvor noch vor Ort für eine zukünftige CD-Veröffentlichung aufgenommen wurde – erwies sich als emotionale und musikalische Reise durch den Balkan, inspiriert von einer Geschichte, die leider schmerzhaft aktuell bleibt.

Ein Konzert mit einer Botschaft

In ihrer Einleitung gewährte Christina Pluhar einen Blick in ihre Seele. Vor zehn Jahren wurde in Österreich ein Lastwagen gefunden, in dem die Leichen von Dutzenden Flüchtlingen lagen, darunter mehrere Kinder, die vor der Gewalt in Syrien flohen. Ein Ereignis, das sie zutiefst berührte.

"Was kann ein Musiker angesichts einer solchen Tragödie tun?", fragte sie sich. Zunächst schien die Antwort einfach: nichts.

Aber gleichzeitig auch: viel.

Mit diesem Programm möchte Pluhar die Erinnerung an dieses menschliche Drama lebendig halten und gleichzeitig die vielen Fluchtrouten durch den Balkan musikalisch erforschen. Nicht aus einer politischen Perspektive, sondern aus einer menschlichen. Indem sie Musik von Völkern, Regionen und Kulturen miteinander verbindet, zeigt sie, was Reisende unterwegs immer tun: sich begegnen, zuhören, teilen und entdecken.

Das machte diese Aufführung zu viel mehr als nur einem Konzert. Es wurde eine echte Roadtrip.

Eine beeindruckende Besetzung

Wie immer bei L'Arpeggiata war die Besetzung beeindruckend. Bekannte Gesichter wie Vincundzo Capezzuto und Céline Scheund wurden flankiert von der griechischen Sängerin Katerina Papadopoulou und der bosnischen Natasa Mirkovic.

Letztere war für mich ohne Zweifel eine der großen Entdeckungen des Abends. Mirkovic ist nicht nur eine ausgezeichnete Sängerin mit eigenen Aufnahmen, sondern brachte auch eine zusätzliche Dimension mit: Sie war selbst einmal eine dieser Flüchtlinge, die die Balkanroute ging. Und man spürt daher, dass sie diese Musik mit einem gewissen Etwas mehr auf der Bühne präsentiert.

Sie verfügt über eine natürliche Bühnenpräsenz und eine ergreifende Art zu singen, die dich sofort mitreißt. Selbst wenn du die Texte nicht vollständig verstehst, glaubst du jedem Wort, das sie singt. In dem ergreifenden Gusta nocna tmina ließ sie hören, wie viele Farben und Emotionen sie in ein Lied legen kann: kraftvoll, zerbrechlich, zart und gleichzeitig unwiderstehlich überzeugend.

Ganz anders, aber ebenso fesselnd, war Katerina Papadopoulou. Ihre Stimme ist weicher, fast samtig. Keine große Operastimme, aber eine Stimme, die deine Aufmerksamkeit von der ersten bis zur letzten Note hält. In den griechischen Liedern kam diese Intimität besonders gut zur Geltung.

Füge dazu noch die kraftvolle Sopranstimme der Belgierin Céline Scheen hinzu und du erhältst eine außergewöhnlich reiche Farbpalette von Frauenstimmen. Sowohl in den Ensembles als auch in den Duetten entstanden Momente von einer Schönheit, die man vorher unmöglich vorhersehen kann.

Und dann ist da natürlich Vincenzo Capezzuto. Wie so oft verlieh er Farbe, Flair und Persönlichkeit allem, das er anfasste. Er eröffnete das Konzert mit Are mou Rindineddha und das war eine clevere programmatische Wahl: wiedererkennbar, vertraut und perfekt, um das Publikum sofort in die Geschichte mitzunehmen.

Eine Reise über Balkankurven

Nach dem Opener folgte unter anderem das traditionelle Mazedonische So maki sum se rodila. Einer dieser Momente, in denen die Zeit stillzustehen scheint, fast unwirklich. Capezzuto übertraf sich selbst und es wurde sofort klar, dass dieses Programm Bestand haben wird, wenn die CD erscheint.

Das Besondere an dieser musikalischen Reise war, dass nicht nur der Gesang im Mittelpunkt stand. Im Gegenteil.

Pluhar ergänzte ihr vertrautes Ensemble mit Musikern aus Bulgarien und Griechenland. Und das ist für dieses Programm ein Meisterzug und ein Reichtum. Die instrumentalen Passagen waren keine Ruhepausen zwischen den Gesangsnummern, sondern wesentliche Haltestellen unterwegs.

Manchmal fühlte es sich an, als würde man mit offenen Fenstern durch die Karpaten fahren. Dann wieder, als würde man kopfüber einen steilen Berghang hinunterrasen. Die Kombination aus Schlagwerk, Leier, Akkordeon und traditionellen Volksinstrumenten verlieh dem Programm einen fast filmischen Charakter.

Das instrumentale Ballad Horo und besonders das Bulgarische Bucimis war so ein Moment, der dich buchstäblich aus deinem Stuhl bläst. Man könnte auf schönem Englisch über die Musiker sagen: "They've gone wild!" Welche Freude strahlte da von der Bühne in die begeisterte Abteikirche!

Virtuosität ohne äußeres Getue

Ein besonderes Wort verdienen die Bulgaren Petar Ralchev und Peyo Peev. Ralchev ließ hören, warum er seit Jahrzehnten zur absoluten Spitze der Akkordeonisten gehört. Peev spielte die Gadulka, ein traditionelles bulgarisches Streichinstrument, das für viele im Saal vielleicht eine Entdeckung war.

Ihr Zusammenspiel wirkte manchmal betrügerisch einfach, aber hinter dieser Selbstverständlichkeit stecken natürlich jahrelange Handwerkskunst und tausende Stunden Studium. Es war nicht nur musikalisch beeindruckend, sondern auch visuell eine Freude zu erleben.

Dasselbe galt für Stefano Dorakakis auf der Kanun, einem komplexen Saiteninstrument, das Farbe, Rhythmus und ein typisch ostmediterranes Aroma zum Ganzen hinzufügte.

Und dann gab es da noch die Schlagzeuger Tobias Steinberger und David Mayoral. Ihr Beitrag war schlechthin phänomenal. Wer denkt, dass Schlagwerk hauptsächlich eine Stützfunktion hat, hätte hier eine überzeugende Lektion erhalten können. Ihr Spiel gab der Musik Schwung, Spannung und ständig neue Energie.

Die Kraft des Zusammenspiels

Was dieses Konzert vielleicht noch am meisten auszeichnete, war die Atmosphäre auf der Bühne.

Obwohl Christina Pluhar eindeutig die treibende Kraft hinter dem Projekt ist – wie ihre zahlreichen Bearbeitungen und ihre künstlerische Vision zeigen –, erweckte sie nirgends den Anschein, dass dies »ihr« Konzert war. Im Gegenteil. Sie gab ihren Musikern Raum, um zu glänzen, und sie taten das sichtlich mit Vergnügen.

Blicke wurden ausgetauscht, Lächeln geteilt, musikalische Ideen weitergegeben. Es war Musik im schönsten Sinne des Wortes: gemeinsames Musizieren.

Das galt ebenso für Künstler, die weniger im Rampenlicht standen, aber für das Gesamtbild wesentlich waren. Doron Sherwin verlieh mit seinem Kornett zahlreichen Passagen einen warmen Glanz. Josep Maria Duran sorgte mit Theorbe und Barockgitarre für ein solides Fundament. Die Griechen Kyriakos Tapakis auf der Oud und Giorgos Kontoyiannis auf der Leier verliehen dem Programm authentische mediterrane Farbtöne.

Mehr als ein Volltreffer

Ich schrieb am Anfang, dass dieses Konzert schwierig zu besprechen ist.

Nicht weil es nichts zu sagen gibt, sondern weil Worte manchmal nicht ausreichen, wenn Künstler dieses Formats zusammenkommen. Dann bleibt letztlich vor allem die Emotion.

Und genau da traf dieses Konzert den Kern.

Wer in den kommenden Monaten die Gelegenheit bekommt, diese Produktion irgendwo zu hören, sollte das unbedingt tun. Nicht nur wegen der ausgezeichneten Musik. Nicht nur wegen der glänzenden musikalischen Reise durch den Balkan. Sondern auch wegen der Botschaft.

Pluhar sagte es selbst am Anfang des Abends: Musik wird die Welt nicht verändern.

Vielleicht nicht.

Aber sie kann Menschen zusammenbringen, Kulturen miteinander bekannt machen und die scharfen Kanten der Realität etwas glätten. Und vielleicht ist das heute wichtiger denn je.

Noch eine letzte Anmerkung. Es war kein Zufall, dass diese neue CD-Aufnahme in der Abteikirche von Saint-Michel stattfand. L'Arpeggiata ist dort mittlerweile ein gerne gesehener Gast und scheint fast zur Festival-Familie geworden zu sein. Die wunderbare Abtei bildet zudem eine ideale Umgebung für Musik, die Grenzen und Jahrhunderte überwindet.

Wie dieser Abend bewies: Manche Reisen unternehmen wir nicht mit dem Auto oder Flugzeug, sondern einfach durch Zuhören. Und selten war eine solche musikalische Reise so fesselnd wie diese.

PS. Ich hoffe, dass David seinen Zug noch erwischt hat; eigentlich war Filmen nicht erlaubt, aber einen solch herrlichen Abschluss des Konzerts und des Festivals möchte ich Ihnen dennoch nicht vorenthalten. Man wird mir das verzeihen.

 

Detalhes:

Título:

  • Roadtrip durch den Balkan, unterwegs zu den Menschen

Künstler:

  • Christina Pluhar und L'Arpeggiata

Ort:

  • Abbaye de Saint-Michel en Thiérarchie

Datum:

  • 5. Juli 2026

Fotografie:

  • Robert Lefèvre

Bleiben Sie informiert

Jeden Donnerstag versenden wir einen Newsletter mit den neuesten Meldungen unserer Website

– Anzeige –

nlNLdeDEenENfrFR