Das Symphonieorchester Continuo ist das Alumni- und Personalorchester der Universität Gent. Es steht neben dem Genter Universitären Symphonieorchester (GUSO), das hauptsächlich aus Studierenden besteht.
Mit über zehntausend Mitarbeitern ist die UGent nicht nur der größte Arbeitgeber der Stadt, sie unterhält auch verschiedene Ensembles sowie einen Chor und ein Harmonieorchester. Das Symphonieorchester Continuo probt wöchentlich und führt zwei Programme pro Jahr auf, mit je zwei Konzerten im Januar und Juni.
Opus 47
Continuo besteht dieses Jahr zehn Jahre. Seit 2022 habe ich bereits drei Konzerte und eine Oper gehört. Es begann vor zehn Jahren mit einer Brainstorming-Sitzung, mit Klara Continuo im Hintergrund … Der Dirigent Kevin Hendrickx ist von Anfang an dabei. Er ist Chemiker, Dozent an der UGent, aber gleichzeitig auch professioneller Dirigent.
Ein Konzert von Continuo ist nicht nur Hörgenuss. Es gibt immer auch ein Konzept, einen Titel und ein ausführliches Programmheft mit schönem Layout. Das hat man heutzutage selten, auch in Konzertsälen wie De Bijloke bekommt man nur ein knappes Programm und muss sich mit dem QR-Code begnügen. Das Konzept dieser Winterkonzerte ist "Opus 47". Sowohl Jean Sibelius' Violinkonzert als auch Schostakowitschs Fünfte haben die Opusnummer 47. Ein interessantes Detail, um sehr unterschiedliche Kompositionen miteinander zu verbinden. Der Moderator, der das Programm vorab in einem Saal einführt, ist niemand anderes als der Komponist Daan Janssens, der übrigens auch als Altviolist im Orchester mitwirkt.
Lisa Jacobs
Die niederländische Violinistin Lisa Jacobs, geboren 1985, trat bereits mit siebzehn Jahren als Solistin mit dem Concertgebouw-Orchester unter der Leitung von Riccardo Chailly auf. Sie gewann Preise bei internationalen Wettbewerben, arbeitete mit großen Dirigenten zusammen, erhielt viele Lobkritiken und unterrichtet an den Konservatorien von Den Haag und Gent. Es ist besonders bemerkenswert, dass eine große Künstlerin wie Lisa Jacobs sich Zeit nimmt für zwei Konzerte mit einem nicht-professionellen Orchester. Jean Sibelius' Violinkonzert ist äußerst schwierig, besonders der letzte Satz. Aber Jacobs spielt meisterhaft, ohne virtuoses Getue offenbart sie die nordische Seele Sibelius'.
Sie beginnt die eisige Melodie des ersten Satzes mit geringem Vibrato, wie fast jede Solistin in diesem Stück. Eine Violinistin machte es einmal anders, das werde ich nie vergessen. Schrill und ohne Vibrato, hören Sie sich die Aufnahme von Anne-Sophie Mutter mit der Staatskapelle Dresden aus 1995 auf Deutsche Grammophon an. Das beste Sibelius-Konzert, das ich je gehört habe. Danach spielt Jacobs noch eine Zugabe, das Adagio aus der ersten Sonate für Violine solo von Bach. Es scheint, als würde sie hiermit ihre Visitenkarte präsentieren. Es ist nicht einfach, so beherrscht und ruhig dieses langsame mehrstimmige Stück als Zugabe zu spielen.

Zweite Klarinette
Das Symphonieorchester Continuo sollte man nicht mit den Ohren eines professionellen Kritikers beurteilen. Es klingt manchmal etwas ungeordnet, Einsätze und Intonation sind nicht immer rein. Der langsame Satz von Sibelius' Violinkonzert beginnt mit einer Melodie der beiden Klarinetten. Hier übertönte die zweite die erste. Das ist mal was anderes, dachte ich.
Es geht hier großenteils um Musikliebhaber im wahren Sinne des Wortes. In den fünf Konzerten, die ich seit 2022 bereits erlebt habe, spürt man jedesmal die Begeisterung, den Antrieb und sicherlich auch die professionelle Leitung des Dirigenten Kevin Hendrickx. Ich frage mich, warum Kevin Hendrickx nicht Vollzeit-Dirigent geworden ist. Wäre er als Chemiker noch besser als als Dirigent?
Autoritär und repressiv
Die Fünfte Symphonie von Dmitri Schostakowitsch ist die Vertonung des autoritären Sowjetregimes. Man hört darin die trostlose Realität der 1930er Jahre, das repressive System und die permanente Angst. Gleichzeitig hört man hin und wieder die Hoffnung, die oft zum Ende hin in einem Durakkord durchklingt. Bei der Uraufführung am 21. November 1937 verstand das Publikum die unterschwellige Botschaft in der Musik. Im Sommer 1937 hatte der Große Terror in der Sowjetunion begonnen. Stalins Große Säuberung führte zur Hinrichtung von hunderttausenden Bürgern.
Auch heute hält Continuo das Publikum in seinem Bann, alle waren bewegt. Lass diese Symphonie von Schostakowitsch als Hommage erklingen, war die Mission von Opus 47. Eine Hommage an all jene, die heute noch unter der Gewalt der Repression und des Terrors leben.
Opus 47 war ein großartiges Erlebnis und macht den Hörer sich auch der Grausamkeit mancher Regime bewusst. Auch heute noch gibt es Staatsterror, wie im Iran. Hoffentlich gibt es auch bei den Demonstranten in Teheran ein Fünkchen Hoffnung wie in der Symphonie. Hoffnung auf einen Regimewechsel nach - jawohl - 47 Jahren.






