Opernfestspiele Verona
Opernaufführungen in der Arena von Verona sind die bekanntesten und berühmtesten Italiens, vielleicht ganz Europas. Das Amphitheater wurde im ersten Jahrhundert für Gladiatorenkämpfe und Volksspiele erbaut. Das Präfix "amfi" deutet darauf hin, dass es eine runde oder ovale Form hat, wie sein bekannteren Bruder, das Kolosseum in Rom. Daneben gibt es in Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten Hunderte von Theatern aus der Römischen Antike – keine Amphitheater, sondern als Halbkreis gebaut. Einige davon werden heute noch für Theater, Oper und Konzerte genutzt. Bekannte Beispiele sind Arles, Neapel oder Plovdiv in Bulgarien.
Am 13. Juni fand die große Eröffnung des Verona Opera Festival 2025 mit Verdis Nabucco statt. Das ist nicht einfach eine erste Veranstaltung in einer Serie, sondern ein echtes gesellschaftliches Ereignis mit prominenten Gästen auf dem roten Teppich. Überall rund um die Arena stehen Absperrungen mit der Aufschrift "The most Italian place on Earth". Die Damen und Herren in ihren Abendkleidern und Smokings sind von Sicherheitspersonal umgeben. Minister, Amtsträger, Diplomaten, Geschäftsleute der Confindustria und andere bekannte Italiener aus Kunst und Medien sind anwesend. Auch berühmte ausländische Gäste sind zugegen. So habe ich in der Ehrenloge der ausverkauften Arena die deutsche Altkanzlerin und Musikliebhaberin Angela Merkel entdeckt.
Strahlkraft
Die Eröffnung des Festivals ist nicht nur ein musikalisches Ereignis, sondern Nabucco wird genutzt, um ihm eine ideologische, politische und gesellschaftliche Botschaft anzuhängen. Dieses Ereignis ist für die Stadt Verona eine Gelegenheit, sich auf der Kulturkarte zu etablieren. "Kultur ist ein wesentlicher Teil der Gesellschaft und Wirtschaft, sie ist sogar deren Motor", heißt es am folgenden Tag in großen Worten auf der Titelseite der Arena, der Lokalzeitung von Verona. Nicht nur gut für das Image der Stadt, das Festival hat auch eine internationale Dimension – mit der Arena di Verona präsentiert sich Italien als Kulturnation von Weltrang. Nach einigen Willkommensreden und Ansprachen erhebt sich das Publikum für Il Canto degli Italiani, die italienische Nationalhymne.
Es ist bei modernen Opernregisseuren üblich, ein Libretto von vor zweihundert Jahren in einen zeitgenössischen Kontext zu verlegen. Diese zeitgemäße Herangehensweise hat die Oper in Kopenhagen im Februar dieses Jahres den Titel der besten Oper der Welt eingebracht. Die Oper war übrigens nicht nur ein Spiegel der zeitgenössischen Gesellschaft. Unsere Gesellschaft selbst wurde 1830 durch die Oper "Die Stumme von Portici" in Kopenhagen dazu inspiriert, eine Revolution auszulösen. Vom politischen Gewicht der Oper gesprochen…
Nabucco 2.0
Die Oper Nabucco spielt im Nahen Osten und handelt vom Kampf der Babylonier gegen die Juden. König Nabucco hat die Juden versklavt. Im Lied "Va Pensiero" rufen sie Gottes Hilfe an. Nabucco erkennt schließlich ihren Gott an und befreit die Juden. Die Oper beginnt mit Verbannung und Verdammnis und endet mit Frieden und Versöhnung. Es bedarf nicht viel Fantasie, um die gegenwärtigen Spannungen in der Region auf die Regie von Nabucco zu übertragen. Das hat Regisseur Stefano Poda auch bewusst getan. Erst Konflikt und Kampf, dann Versöhnung und Frieden.
Auch in den sparsamen Bühnenelementen ist dies sichtbar. Die Babylonier und die Juden stehen sich mit gezogenen Schwertern gegenüber, woraufhin der raue Klang von Eisen auf Eisen der kämpfenden Tänzer die Musik durchschneidet. Im Hintergrund hängen zwei Halbkugeln, zwei leuchtende Riesencroissants, zwei blaue Halbmonde, die im dritten Akt rot werden und sich schließlich zu einer ganzen Kugel verschmelzen.
Einen Tag vor der Premiere in Verona hat Israel den Iran angegriffen und die Spannungen zwischen den beiden Erzfeinden sind zu einem echten Krieg eskaliert. Als ob der Teufel seine Hand im Spiel hätte. Nabucco wird hier als Trigger für Reflexion, Toleranz und Versöhnung interpretiert. In der Arena, in diesem riesenhaften Amphitheater werden wir alle demütig und klein, hier stoppt die Zeit, der Hochmut und der Hass.
Fünfhundert Musiker, Sänger und Tänzer
Bei dieser Aufführung von Nabucco sangen Amartuvshin Enkhbat (Nabucco), Anna Pirozzi (Abigail), Vasilisa Bershanskaya (Fenena), Francesco Meli (Ismaele) und Roberto Tagliavini (Zaccaria) die Sterne vom Himmel. Ein Sänger nach dem anderen mit wunderschönen Stimmen, die die Arena bis zur letzten Reihe erfüllten. Das Orchester der Arena di Verona war ebenfalls hervorragend, unter der Leitung von Dirigent Pinchas Steinberg. Mit Chor und Tänzern waren mehr als fünfhundert Performer auf der Bühne und im Orchestergraben anwesend. Während der gesamten Aufführung fliegt eine Drohne über Publikum, Orchester und Bühne. Die ganze Oper wird am 21. Juni, dem Internationalen Tag der Musik, auf der RAI ausgestrahlt.
Eine Oper in der Arena von Verona zu erleben ist ohnehin ein Erlebnis. Das Amphitheater ist fast 2000 Jahre alt, die Akustik ist beeindruckend, obwohl das Gebäude nicht als Theater konzipiert wurde. Das ist anders bei anderen römischen Theatern, wo im Sommer ein Opernfestival stattfindet. Ich denke zum Beispiel an das römische Theater der bulgarischen Stadt Plovdiv und das jährliche Opera Open Festival der Staatsoper Plovdiv. Dieses römische Theater der damaligen Metropole Philippopolis, wie Plovdiv im ersten Jahrhundert hieß, ist kleiner und intimer als die gigantische Arena di Verona. Die Marmorbänke sind steiler, ein Vorteil für die Schallprojektion im Halbkreis.



Oper als politische Geste
Die Oper ist nicht nur ein Moment der Besinnung und Versöhnung, sie ist auch eine Anklage gegen Hass und Fanatismus. Eine Anklage gegen Demagogie und die Versuchung, Terroristen als Befreier zu sehen. Eine Anklage gegen die totalitäre Versuchung, auf die Hannah Arendt und viele andere unsere Augen geöffnet haben. Eine Anklage gegen die simplen Lösungen der Populisten, eine Einladung, Demokratie und Toleranz zu umarmen. Sie ist auch eine Einladung, die heutigen Konflikte in einem breiteren historischen Perspektive zu betrachten. Das, was heute im Nahen Osten geschieht, ist ein Erbe von Volksverdreibungen und ethnischen Säuberungen seit hundert Jahren, die in den Medien und der Öffentlichkeit kaum erwähnt oder erläutert werden. Diese Einsicht kann helfen, eine Botschaft von Frieden und Hoffnung zu verstärken.
Nächstes Jahr bringt Opera Ballet Vlaanderen Nabucco in der Regie der provokativen brasilianischen Regisseurin Christiane Jatahy. "Oper als politische Geste" heißt es auf der Website von Opera Ballet Vlaanderen. Oper ist nicht nur dazu da, um Musik, Drama und Tanz zu genießen. Oper ist dazu da, "Reflexion über die Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit auszulösen", erklärt Jatahy. Oper ist dazu da, Hass, Demagogie und Fremdenfeindlichkeit den Rücken zu kehren und Hoffnung für eine demokratische, multikulturelle und tolerante Gesellschaft zu bieten.





