Es gibt diese Konzerte, auf die man sich freut, zu denen man aber gleichzeitig mit einer gewissen Portion Realismus geht. Dieser Nachmittag war so ein Moment. Als eingefleischter Monteverdi-Fan machte ich mich nach Lier auf zu einer Integralaufführung der Monteverdi Mariavespers in der Heilig-Herz-Kirche. Die Aufführenden waren der Kamerchor Helicon, Carpe Ventum Ma'Go und La Penserosa, alles unter der Leitung von Jan Van Elsacker und Geert Hendrix.
“Deus in adiutorium”… gefolgt von “Domine ad adjuvandum”: die majestätische Eröffnung der Vesper saß gleich richtig. Eine überzeugende Sängerphalanx und ein flott besetztes Instrumentalensemble (Bläser und Streicher) setzten den Ton für zwei Stunden Venedig. Der Raum der Kirche war dafür perfekt geeignet. Es wurde an verschiedenen Orten in der Kirche gesungen und mit geschlossenen Augen wähnte man sich kurzzeitig in San Marco.
Die Besetzung bestand aus einer starken Mischung von Profis und Amateure, oft kaum voneinander zu unterscheiden. Besondere Erwähnung verdienen die Sopranistinnen Sojeong Im und Edilsa Samanez, die mit ihren klaren Stimmen den Raum beherrschten.
Die Kraft von Monteverdis Musik bleibt verblüffend. Es gelingt ihm, Mystik mit Oper zu vermischen, Liturgie mit Feuerwerk und uralte Texte als Poesie musikalisch neu zu übersetzen. Das kam wunderbar zum Ausdruck in Nigra sum und Pulchra es, herrlich interpretiert von Jan Van Elsacker. Aus dem Gedächtnis malte er das Musikbild, das aus den Texten spricht.
Nach dem Konzert erzählte mir jemand von Helicon, dass dieses Repertoire eigentlich außerhalb ihrer Komfortzone lag. Beim Hören ihrer Interpretation der teilweise mehrstimmigen Psalmen hatte ich allerdings einen ganz anderen Eindruck. Helicon sang mit Überzeugung und sichtbarem Vergnügen. Die Klangfarbe war homogen, reich und getragen, ohne hörbaren Schwächen. Mehrfach während des Konzerts hatte ich dieses seltene Gefühl, das man nur bei wirklich guten Aufführungen erlebt. Der Chor unter der Leitung von Els Vrints strahlte eine durchgehende Glaubwürdigkeit aus: man glaubt dem, was sie singen.
Mein persönliches Maßstab ist Lauda Jerusalem: ein zweichöriger Psalm mit kraftvoller Begleitung, viel Text und Ausdruck. Helicon, Carpe Ventum und La Penserosa gesellten sich hier mühelos zu meinen Lieblingsaufführungen, nicht zuletzt dank der kunstvollen Continuo-Begleitung von Nicolas de Troyer.
Auch in den Stille überzeugte sie. Die wunderbare Sonate mit den Engelssti mmen, die Besänftigung im Magnificat wo die Instrumente die Geschichte um einen einstimmigen Tenor tragen – alles stimmte.
Ich vermute, dass Jan Van Elsacker eine große Rolle bei der Konzeption dieses Konzerts spielte. Er sang die Vesper bereits als junger Zwanziger zum ersten Mal und führte sie seither unzählige Male auf und nahm sie mit La Fenice und L'Arpeggiata auf. Man spürt buchstäblich seine Verbundenheit mit Duo seraphim und die Weitergabe von "Omnes" in Audi caelum.
Vielleicht hat mich das noch am meisten beeindruckt: Obwohl es ein Konzert war, wurde jeder Psalm von der korrekten gregorianischen Antiphon eingeleitet. So erhielten die Vesper den liturgischen Wert, den sie verdienen. Das wurde noch unterstrichen, als unmittelbar nach dem letzten, wunderbar gesungenen Amund aus dem Magnificat das Salve Regina folgte. Wie es sich in einem Vespergottesdienst gehört. Denn welches Wort ist passender, um diese Vesper abzuschließen als: Maria?










