Etwa einen Monat lang tourt Opera Zuid mit einem bemerkenswerten Theaterstück von Kurt Weill durch die Niederlande, Die Dame im Dunkeln. Es ist eher ein Musical als eine Oper zu nennen, wobei die Zusammenarbeit von Weill mit Ira Gershwin sicherlich viel dazu beiträgt. Opera Zuid bietet eine wirbelnde und geschickt inszenierte Produktion, die eine Auseinandersetzung mit diesem zeitlosen Stück auf jeden Fall lohnenswert macht.
Es ist faszinierend, denselben Komponisten in weniger als drei Monaten in zwei völlig unterschiedliche Theaterwelten zu treffen. Dennoch ist er bei näherer Betrachtung sehr wiedererkennbar: sein wachsames und kritisches Auge auf gesellschaftliche Verhältnisse, seine scharfsinnige Analyse der Charaktere, die Vielschichtigkeit der Geschichte, die dennoch eine spannende Kohäsion behält. Dies sind Merkmale, die wir sowohl in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – das im September bei Opera Vlaanderen zu sehen war – als auch in Die Dame im Dunkeln wiederfinden.
Liza Elliott ist die Chefredakteurin eines bekannten Modemagazins, Allure. Ihr extremer ehrgeiz führt dazu, dass sie seit einiger Zeit an Panikattacken und Depressionen leidet. Etwas unsicher über die Wirkung, sucht sie dennoch einen Psychiater auf. Auch in ihrem Privatleben hat sie Probleme: Sie kann nämlich nicht zwischen einem Heiratsantrag ihres Liebhabers und Chefs Kendall Nesbitt wählen, der endlich seine Scheidung ankündigt, und dem Hof des Filmstars Randy Curtis. Auch in der Redaktion des Blattes bleibt sie nicht von Reibereien verschont, unter anderem durch den drohenden Wettbewerbsdruck des Managers Charley Johnson. Die Analyse der Therapeutin gräbt in Lizas Vergangenheit und weckt durch Träume einschneidende Momente aus ihrem Leben auf, um so zum Kern ihrer Probleme zu gelangen. Die Gegenüberstellung dieser Traumerfahrungen mit den aktuellen Ereignissen, die sie erlebt, macht einen großen Teil des Reizes des Musicals aus. Falls es ein Happy End gibt, dann ist es, dass sie mit Charley Johnson eine positive Einigung für den weiteren Erfolg des Blattes erreichen kann Allure.
Durchdachte Charakterisierung
Die Regie von Anna Pool ist gleichzeitig nüchtern und ästhetisch und sie zeigt zusammen mit dem Bühnenbild deutlich die Handlungslinie auf. Noch bevor die Musik einsetzt, hören wir rasselnd Schreibmaschinen und sehen die Druckerpresse drehen. Ein Streifen des Bühnenbilds zeigt übrigens auf allen wesentlichen Passagen das Titelbild des Magazins. Eine klare Aussage: das Magazin ist und bleibt alles Beherrschende in Lizas Leben. Ihr Büro in der Redaktion ist auch ständig präsent. Und die Bewegungen der vielen Besucher werden jeweils lustig über die Etagen des Aufzugs angemeldet. Jedes Traumfragment erhält einen geschickten Szenenwechsel mit jeweils wunderschöner Beleuchtung (Zirkuspassage, Schulabschlussfeier usw.). Natürlich steht ein großer Sessel in den Psychoanalyse-Passagen zentral.
Die Charaktere sind scharf gezeichnet: die „etablierte" Dame Liza Elliott, ebenso wie der nüchtern kostümierte und fast bescheiden wirkende ernsthafte Liebhaber Kendall Nesbitt, der hingegen als lächerlicher Cowboy erscheinende Filmstar Randy Curtis, der danach fast eine Metamorphose durchmacht, wenn sich herausstellt, dass er es ernst meint und seinen Gefühlen gegenüber Liza freien Lauf lässt. Liza ist sowohl in ihrer Launenhaftigkeit als auch in ihrer verzweifelten Suche nach Balance ausgezeichnet charakterisiert. Ebenso wie die diskret im Hintergrund bleibende Therapeutin. So ist die Aufführung ein Muster einfacher, aber dennoch durchdachter Charakterisierung der Figuren. Die depressive Liza entwickelt sich letztendlich zu einer befreiten Frau, was Regisseurin Anna Pool als aktuelles Ziel gesetzt hat.
Vorherige Nächste
Von Broadway bis Kabarett
Die Besetzung vereint ideale Sänger-Schauspieler. Maartje Rammeloo als Liza Elliott hat eine klare, schöne Diktion, aber sie ist auch eine überzeugende Sängerin mit geschmeidiger Sopranstimme in Songs wie Ein Leben zu leben oder dem ergreifenden Mein Schiff (Mein Schiff hat Segel aus Seide'), in denen wir Weill als den Komponisten wiederfinden, der sich ideal an die amerikanische Musikwelt von Kabarett, Broadway und Tin Pan Alley angepasst hat. Die Zusammenarbeit mit Ira Gershwin und Moss Hart ist dafür sicherlich nicht fremd. Bei den anderen Schauspielern sind besonders Elliott Carlton Hines (Charley Johnson) und Quirijn de Lang (Randy Curtis) als ausgezeichnete Darsteller ihrer Rollen zu erwähnen, während eigentlich niemand aus dem Rahmen fällt. Neben den Solisten verdienen auch der Chor und die Tänzer nur Beifallsbekundungen, die sie auch am Ende der Aufführung erhielten.
David Stern dirigierte ein engagiertes Philharmonie Südniederlande, wobei er die ganze Vielfalt von Weills Musik zum Ausdruck brachte – die jazzigen Passagen, die scharfen Momente der Bedrohung und Angst, die emotionalen Passagen mit romantischer Broadway-Musik.
Opera Zuid ist eine Organisation, die jährlich mehrere Opern aus verschiedenen Epochen programmiert und damit durch niederländische Theater reist. Ihr Ziel ist: „Tradition und Innovation miteinander zu versöhnen, Meisterwerke aus der Vergangenheit treffen den Kern unserer Gegenwart. Neue Kreationen verbinden wir mit Tradition und Aktualität." Als Illustration dieser Zielsetzung ist diese Produktion von Kurt Weills Lady in the Dark entschieden gelungen. Sie ist eine Koproduktion mit Les Théâtres de la Ville de Luxembourg und wird von der Kurt Weill Foundation for Music unterstützt.
WAS: Kurt Weill, Die Dame im Dunkeln
WER: Anna Pool [Regie], David Stern [Dirigent],
Theaterchor Opera Zuid i.s.m. Kooracademie Maastricht philharmonie südniederlande
Sylvia Poorta, Maartje Rammeloo, Elliott Carlton Hines, Quirijn de Lang u.a.
ORT: Opernhaus Süd
WANN: 22-11-2022, Parktheater Eindhoven
Weitere Tournee bis 11. Dezember
www.operazuid.nl https://www.youtube.com/watch?v=M4wVE_-WNuA
Interview mit David Stern





