Es gibt Komponisten, deren Name durch die Unterrichtspraxis überlebt, während ihr eigentliches künstlerisches Gewicht unterwegs verloren gegangen ist. Sigfrid Karg-Elert (1877-1933) ist dafür ein Paradebeispiel. Jeder Flötenschüler kämpft sich irgendwann durch die 30 Capricen, spielt die Sinfonische Kanzone als Pflichtexamenwerk oder wagt sich an die Sonate Appassionata. Aber wie oft werden diese Werke wirklich als vollwertige Konzertmusik gehört? Eben diese Kluft zwischen pädagogischer Allgegenwart und künstlerischer Marginalisierung bildet den Ausgangspunkt dieser neuen Ausgabe von Da Vinci Classics, auf der das Casale-Rouxel Duo – Flötist Samuel Casale und Pianist Arzhel Rouxel – Karg-Elerts gesamtes Flötenwerk zusammenführt.
Um dieses Unternehmen richtig einzuschätzen, muss man zunächst verstehen, wie isoliert Karg-Elerts Position eigentlich im deutschen fin de siècle war. In Oberndorf am Neckar geboren, Zeitgenosse von Richard Strauss, Max Reger und Franz Schreker, als Pianist ausgebildet – und doch nie wirklich in eine Schule oder Strömung einzuordnen. Sein von Frankreich beeinflusstes Idiom war zudem empfindlich im deutschen Musikklima seiner Zeit, das wenig für diese internationale Orientierung übrig hatte; außerhalb Deutschlands, besonders im Vereinigten Königreich, fand sein Werk durchaus Anerkennung. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand er für eine Zeit lang aus dem Fokus, bis eine Wiederentdeckung ab den späten siebziger Jahren ihn wieder in die Aufmerksamkeit brachte – wenngleich diese lange Zeit hauptsächlich auf sein Orgelwerk beschränkt blieb. Wo Richard Strauss seine musikalischen Geschichten langsam entfaltet, scheint Karg-Elert den Hörer ständig mit neuen Perspektiven zu überraschen. Seine Musik bewegt sich sprunghaft, voller unerwarteter Wendungen und plötzlich aufblitzender Farben. Dadurch entscheidet er sich weniger für monumentale Architektur als für einen kontinuierlichen Strom neuer Ideen, was seiner Musik eine bemerkenswerte Lebendigkeit verleiht. Wer Karg-Elert nur aus der Unterrichtspraxis kennt, wird zudem überrascht sein, wie viel lyrische Wärme, farbige Harmonien und verfeinerte Klangfärbungen hinter diesen Partituren verborgen sind. Was vor einem Jahrhundert eigenwillig klang, klingt heute bemerkenswert frisch.Eine faszinierende Spur in Casales begleitendem Essay ist die Verwandtschaft, die er mit Nietzsches Kulturkritik zieht. Dessen Plädoyer für französische Klarheit gegenüber der wilhelminischen Schwere würde nach Casale auch musikalisch in Karg-Elerts Streben erkennbar sein, sich von akademischen Konventionen zu befreien. Ob diese Parallele musikwissenschaftlich vollständig haltbar ist, lässt sich schwer beweisen, aber als Interpretationsschlüssel funktioniert sie überraschend überzeugend. Sie hilft, diese Musik als eine Kunst der ständigen Veränderung zu verstehen, in der Kontrast keine Unterbrechung der Form ist, sondern ihr wesentlicher Motor. Der Essay zeugt zudem von gründlicher Kenntnis von Karg-Elerts Schaffen und von einer bemerkenswert kritischen, durchdachten Interpretationsmethode. Gleichzeitig bietet er einen fesselnden Einblick in die Arbeitsweise des Duos und gibt den während dieser Aufnahme getroffenen Entscheidungen zusätzliches Relief. Nicht zufällig trägt das Album den Titel
Equinoxes
: der Moment, in dem Licht und Dunkelheit sich im Gleichgewicht halten. Diese Metapher fasst treffend zusammen, worum es in dieser Musik und dieser Interpretation geht: ein ständiges Spiel von Gegensätzen, die sich nicht aufheben, sondern sich gegenseitig verstärken. Diese Sichtweise bestimmt auch die Interpretation des Casale-Rouxel Duos. Nach dem Booklet werden Karg-Elerts zahlreiche Charakterbezeichnungen – blühend, duftend, bleich
– nicht als bloße Stimmungsvorschläge aufgefasst, sondern als der Ausgangspunkt der musikalischen Phantasie. Tempo ergibt sich aus dem Charakter, nicht umgekehrt; Klangfarbe entsteht aus einer gemeinsamen Dramaturgie zwischen beiden Musikern. Es ist ein Zugang, der gut zu ihrer Erfahrung mit zeitgenössischer Musik passt, wo abrupte Übergänge und ein elastisches Zeitempfinden eher Regel als Ausnahme sind. Glücklicherweise bleibt diese Sichtweise nicht auf die Theorie beschränkt. Das zeigt sich bereits ab den ersten Takten von Impressions exotiques
, mit dem die erste CD sofort den Ton angibt. Bevor sich der Hörer Karg-Elerts eigenwilliger musikalischer Sprache vollständig bewusst wird, reißt ihn diese Musik bereits in ein farbenreiches Klanguniversum mit, das neugierig auf alles macht, was folgt. Samuel Casale besitzt einen vollen, flexiblen Ton, der mühelos zwischen lyrischer Wärme und scharfer Profilierung wechselt. Von einem Werk zum anderen verschiebt sich seine Tonfarbe fast unmerklich, immer vollständig im Dienste von Karg-Elerts stark unterschiedlichen musikalischen Welten. Auch in den technisch anspruchsvollsten Passagen – die scharfen Registerwechsel aus den Capricen, womit die erste CD sogleich den Ton angibt. Noch bevor sich der Hörer vollständig Karg-Elerts eigenwilliger Musiksprache bewusst wird, reißt ihn diese Musik bereits in ein farbiges KlangUniversum, das neugierig auf alles macht, was noch folgt. Samuel Casale besitzt einen vollen, flexiblen Ton, der mühelos zwischen lyrischer Wärme und scharfer Profilierung wechselt. Von einem Werk zum anderen verschiebt sich seine Tonfarbe fast unmerklich, immer völlig im Dienste von Karg-Elerts stark unterschiedlichen Musikwelten. Selbst in den technisch anspruchsvollsten Passagen – die scharfen Registerwechsel aus der Capricen, die gehetzten Läufchen in der Sinfonische Kanzone – bleibt seine Gesanglinie intakt, als ob technische Beherrschung für ihn nie ein Ziel an sich wäre, sondern ein selbstverständliches Mittel, um die Musik frei sprechen zu lassen.
Arzhel Rouxel erweist sich unterdessen als ebenbürtiger Partner. Sein Klavierspiel besitzt eine verfeinerte Musikalität und große Sensibilität für Klangfarbe und Balance. Obwohl er die Flöte ständig unterstützt, bleibt er viel mehr als nur ein Begleiter. Er verleiht dem Klavierpart eine eigene Stimme, ohne das sorgfältig ausgewogene Gleichgewicht im Duo je zu stören. Sein Spiel verleiht Karg-Elerts manchmal launischer musikalischer Gedankenführung Struktur und sorgt dafür, dass die vielen harmonischen Farben nie in diffuse Klangmassen aufgehen. Besonders in den stilleren Momenten zeigt das Duo, wie selbstverständlich sich Lyrik und Spannung hier vereinen lassen. Auch die Aufnahmequalität verdient Lob: transparent, räumlich und mit ausreichend Detail, um die oft komplexen Strukturen klar zur Geltung zu bringen. Dadurch bleibt diese umfangreiche Ausgabe von Anfang bis Ende fesselnd: Jedes Werk offenbart eine neue Farbe, einen neuen Charakter und eine neue Seite eines Komponisten, der sich als vielseitiger herausstellt als sein Ruf vermuten lässt.
Das wird besonders deutlich in der integral aufgenommenen 30 Capricen. Während dieser Zyklus normalerweise als eine Sammlung technischer Etüden betrachtet wird, behandelt Casale jeden Caprice als ein eigenständiges Charakterstück. Registerwechsel, Artikulationsprobleme und virtuose Läufchen rücken dabei in den Hintergrund zugunsten des musikalischen Profils. Dadurch entsteht ein überraschend abwechslungsreicher Zyklus, in dem jede Miniatur ihre eigene psychologische Färbung erhält. Man hört daher nicht länger dreißig technische Etüden, sondern dreißig Charakterstücke mit je einer eigenen Stimme.
Dieselbe Balance zwischen Beherrschung und Ausdruck kennzeichnet die Sonate Appassionata. Der Komponist balanciert hier ständig zwischen Leidenschaft und formaler Kontrolle – ein Spannungsfeld, das die Ausführenden behutsam bewahren, ohne in Sentimentalität oder distanzierte Beherrschung zu verfallen. Auch die programmatischen Werke, wie Capricen und Suite pointillistische, werden nirgends auf musikalische Illustrationen reduziert. Hinter den exotischen Titeln entfaltet sich eine ständig sich transformierende Klanglandschaft, in der Farbe mindestens so wichtig ist wie Melodie.
Bleibt die Frage, ob diese Gesamtaufnahme Karg-Elert endgültig rehabilitieren wird. Eine gelungene CD allein genügt nicht, um einem Komponisten wieder einen festen Platz auf den Konzertpodien zu verschaffen. Dafür bleibt seine musikalische Sprache wohl zu eigenwillig und lässt sich zu schwer in die vertrauten historischen Schubladen einordnen. Aber genau deshalb ist diese Ausgabe so wertvoll. Sie lädt dazu ein, einen Komponisten erneut zu höre, der sich als viel mehr herausstellt als der Autor einer Handvoll obligatorischer Prüfungsstücke. Nicht jede Wiederentdeckung schreibt die Musikgeschichte neu, aber einige korrigieren durchaus unser Höregedächtnis. Diese Gesamtaufnahme gehört ohne Zweifel zu dieser letzteren Kategorie.





