Das Cembalo als Museumsstück – diesen Irrtum will Justin Taylor mit diesem ehrgeizigen Album mit aller Kraft aus der Welt schaffen. Und das gelingt ihm mit Bravour. Cembalo des 20. Jahrhunderts ist zu einem persönlichen Panorama eines Instruments geworden, das trotz seines stark barocken Rufes seinen Weg vollständig in die Musik des zwanzigsten Jahrhunderts gefunden hat. Taylor strukturiert sein Programm um vier Cembalokonzerte – von Jean Françaix (1912-1997), Henryk Górecki (1933-2010), Francis Poulenc (1899-1963) und Manuel de Falla (1876-1946) – und verbindet sie mit Solostücken, die sowohl Ruhepunkte als auch Kontraste bilden. Béla Bartók (1881-1945) und Bohuslav Martinů (1890-1959), aber auch eine Uraufführung von Stéphane Gassot (ca. 1987) und als humorvoller Schlusspunkt, Maple Leaf Rag von Scott Joplin (1868-1917): Die Programmgestaltung ist erfinderisch, kohärent und furchtlos.
Die Entscheidung, auf einem einzigen Instrument aufzunehmen – einem hybriden Cembalo aus den 1970er Jahren, gebaut von Anthony Sidey, irgendwo zwischen der Pleyel-Tradition und historischen Instrumenten – erweist sich als besonders fruchtbar. Das Instrument verfügt über eine breite Farbpalette, von träumerischen Lautenregistern bis zu kräftigen Sechzehnfuß-Registern, und Taylor nutzt jeden Ton mit der Finesse, die man von ihm gewohnt ist.
Das Eröffnungswerk – Bartóks Hommage à J.S.B. aus dem Mikrokosmos-Zyklus – setzt sofort den Ton: ehrfürchtig aber klar, mit Taylor, der die Musik atmen lässt, ohne ihr unnötig Gewicht zu geben. Darauf folgt das Konzert von Françaix, ein Werk voller luftiger Humor und kammermusikalischer Eleganz. Françaix spielt gewitzt mit barocken Formen – Toccaten, ein Menuett, ein Rondo-ähnlicher Finalsatz – und Taylor macht dieses Spiel eifrig mit, ideal unterstützt von befreundeten Musikern wie Flötist Philippe Bernold und dem Quatuor Zaïde.
Stéphane Gassots Bluesinuum, hier zum ersten Mal aufgenommen, ist eine fesselnde und kühne Hommage an György Ligetis Continuum, die das berühmte Original nicht verdrängt, sondern subtil neben es tritt, wie ein von Blues gefärbtes Echo. Man hört deutlich, dass Taylor und Gassot bereits seit fast zwanzig Jahren befreundet sind: Es liegt etwas Selbstverständliches darin, wie die Musik wie für genau diese Hände geschrieben wirkt.
Das Konzert für Cembalo und Streichorchester von Górecki – geschrieben für Elisabeth Chojnacka, die auch die Uraufführung des Werkes übernahm – bildet ohne Zweifel den überwältigendsten Moment des Albums. Unter der Leitung von Chloé Dufresne schafft das Orchestre National de Lille eine Klangwelt, die gleichzeitig mechanisch und magnetisch ist: Der erste Satz, Allegro molto, donnert vorwärts wie eine Lokomotive ohne Endstation, während der zweite Satz, Vivace marcatissimo, die Grenzen des rhythmisch Wiederholbaren auslotet. Taylor behauptet sich in diesem akustischen Gewalt mit einer Konzentration, die Bewunderung erzwingt. Der Hörer wird von Anfang bis Ende in eine kompromisslose musikalische Achterbahn mitgerissen.
Das Concert champêtre von Poulenc – das große Herzstück des Albums – erhält hier eine Lesart, die Eleganz und Schärfe vorbildlich miteinander versöhnt. Unter der Leitung von Chloé Dufresne spielt das Orchestre National de Lille mit einer Geschmeidigkeit, die diese Musik ständig atmen lässt, während der Dialog zwischen Cembalo und Blasinstrumenten sich mit fast theatralischer Selbstverständlichkeit entfaltet. Poulencs typische Mischung aus Esprit, Melancholie und Ironie kommt dabei vollkommen zur Geltung: Die Musik lächelt ständig, aber nie ohne einen Hauch von Wehmut.
Taylor nähert sich dem Werk deutlich aus der Welt von Wanda Landowska, für die das Konzert ursprünglich geschrieben wurde, ohne dabei in historisierende Imitation zu verfallen. Sein Spiel besitzt genau jene Kombination aus Raffinesse, Verspieltheit und Klarheit, die diese Partitur braucht. Dass er Landowskas kommentierte Partitur studiert hat, hört man zudem deutlich in der Phrasierung des langsamen Satzes, wo jede Linie natürlich atmet und nie sentimental wird. In den schnellen Passagen bewahrt Taylor dafür eine bemerkenswerte Leichtigkeit: virtuos, aber niemals prahlerisch, brillant ohne Effekthascherei.
Das Konzert von de Falla, geschrieben für Flöte, Oboe, Klarinette, Violine und Cello neben dem Cembalo, schließt das Album leicht beißend, verspielte und treffend ab. De Fallas Schreibweise hat etwas bewusst Unbehagliches, und Taylor umarmt diese Kantigheit, ohne sie glätten zu wollen. Auch die umgebenden Musiker stürzen sich hörbar mit Leidenschaft auf diese launische, rhythmisch geladene Partitur.
Als überraschender Abschluss folgt noch Scott Joplins Maple Leaf Rag, ein Lächeln am Ende eines Programms, das ständig zwischen Ernst, Experiment und Spielvergnügen balanciert. Es funktioniert wunderbar: nicht als Gimmick, sondern als letzter Beweis für die Vielseitigkeit des Instruments.
Cembalo des 20. Jahrhunderts ist nicht einfach eine thematische Kuriosität. Es ist ein überzeigendes Plädoyer, getragen von einem Musiker mit Kenntnissen, Geschmack und Mut. Justin Taylor zeigt überzeugend, dass das Cembalo noch lange nicht ausgeschöpft ist.





