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Klassik Zentral

Götterdämmerung: Wagners menschliche Apotheose

In der vergangenen Woche beschloss die Münz ihre Wagnersche Tetralogie mit Götterdämmerung (1876). In diesem Schlussstück verlässt Richard Wagner die übernatürliche Walhalla-Pantheon stillschweigend zugunsten der irdischen Realität. Unter der Regie von Pierre Audi und der Leitung von Alain Altinoglu vollbringt das Opernhaus einen absoluten Kraftakt. Damit beendet die Münz ihren Ring-Zyklus, über vierzig Jahre nach ihren letzten Ring-Aufführungen. Diesmal mit einer spürbaren zeitgenössischen menschlichen Note.

Heraldischer Schwanengesang

Götterdämmerung ist eine Ableitung der berühmten Ragnarök-Geschichte. Darin kämpft die Götterwelt bis zum Ende, und es entsteht eine neue menschliche Morgenröte. Das Ergebnis – spürbar bei der heldenhaften Brünnhilde (Sopran Ingela Brimberg) – ist eine neue, reinere Welt, die aufgeht.

Die Oper ist ein heraldischer Schwanengesang: von menschlicher Heldentat und Zauberkünsten bis zu dem Altruismus, der die Habgier überwindet. Der Ring, die verfluchte Triebfeder, kehrt zu seiner Heimat zurück: dem Rhein. Es gibt keine Schwarz-Weiß-Figuren in dieser Produktion, und das verleiht ihr ihren zeitgenössischen Charakter. In einer Welt, in der wir – hoffentlich – erkennen, dass jedes Individuum eine einzigartige Kombination seiner eigenen Qualitäten ist – und daher sowohl gute als auch falsche Entscheidungen treffen kann – wirkt die Idee magischer Wesen deplatziert.

Das Konzept des verzauberten Siegfried (Tenor Bryan Register), der seine geliebte – ehemalige Walküre – Brünnhilde vergisst, könnte in den falschen Händen archaisch wirken. Dasselbe gilt für ihre Geschichte. Sie bemerkt, dass ihr Held verzaubert ist, fühlt sich dennoch belogen und betrogen und schwört magische Blutseide. Audis Regie vermittelt uns eher ein Gefühl von magischem Realismus. Die Figuren sind überzeugend menschlich, aber die Welt um sie herum hat eine magische Seite. Wir bleiben in der Verbindung mit Figuren verankert, deren Gefühle wir zu glauben wagen. Der verzauberte Siegfried scheint fast verrückt in Gutrune (Sopran Anett Fritsch) verliebt zu sein. Sie wirkt – trotz ihrer Rolle in der Zauberei – geplagt von seinem tragischen Tod. Hagen, meisterhaft und einschüchternd dargestellt von Bass Ain Anger, hat trotz seines Hasses und seiner Mordlust eine tragisch menschliche Seite. Der Punkt ist, dass wir vielleicht etwas von uns selbst darin erkennen können. Am Ende sind sie mehr oder weniger Menschen.

Götter, Menschen und Ungeheuer

Mit dieser Wortverbindung lässt sich die Tetralogie zusammenfassen. Es ist eine epische Geschichte von Drachen, Helden, Göttern und Menschen. Götterdämmerung verschleiert dies etwas. Wir bekommen noch Hinweise auf die Idee der Walhalla, von Drachen und Wälsungen, Walküren und magischen Ringen – kombiniert mit menschlichen, irdischen Stimmen. Man vergisst fast, dass Brünnhilde eine mächtige, kämpfende Walküre war. Fast, denn das meisterhafte Walküren-Motiv, das von Zeit zu Zeit zurückkehrt, erinnert dich daran, dass sie ganz sicher nicht nur ein Spielball für die Männer ist.

Pierre Audis Szenografie spielt mit Bewegung und Licht. Die Geschichte braucht nicht viele Details, aber viel Aktion. Das hilft dabei, das Schicksalsobjekt, den verfluchten Ring, deutlich in den Mittelpunkt zu stellen. Die Verwendung von aufsteigenden und absteigenden Bühnenelementen vermischt plötzlich magische und realistische Ideen und Perspektiven. Das Licht in Form von Lichtstrahlen und Reflexionen spielt sublim mit dieser Idee. Die Nornen (Sopran Katie Lowe und Mezzosopranen Marvic Monreal und Iris Van Wijnen) waren wie unheilvolle Wasserreflexionen in einer dämmrigen Inszenierung. Drama und Bewegung standen auffallend im Mittelpunkt. Und das ohne Kitsch.

Vokal war das gesamte Ensemble eine Spitzenauswahl. Bryan Register überraschte stimmlich bei seiner Schlusserzählung über den Waldvogel. Dieser hatte ihm bei der Überwindung des Drachen Fafner geholfen. Das Singen des Motivs, in der Oper Siegfried vorgetragen von einer Sopranistin, ließ seine helle Heldentenor-Stimme besonders leuchten. Brimberg verkörpert eine großartige Brünnhilde mit einer überwältigend kraftvollen Stimme. Alle Emotionen sind beim Singen wie ein Orkan zu spüren. Die anderen müssen sich für diese beiden Stammspielerinnen sicher nicht verstecken. Anger als Hagen war das Highlight des Abends. Das ist, was man unter einem bedrohlich dunkel klingenden Bass als Antagonist versteht. Man fühlt sich als Zuschauer sofort kleiner, wenn er singt – fast angsteinflößend. Es ist schön, wie sich die Menschlichkeit zur stimmlichen Zusammenfassung verdichtet. Niemand ist eine Karikatur, und das hört man.

Die Münz brachte eine originelle Klangwelt zu einer spätneunzehnten-Jahrhundert-Wagneroper. Diese war hör- und spürbar. Damit wurde ein neuer Standard für zukünftige Produktionen gesetzt. Im Jahr 2025 ist weniger Epos und mehr Menschlichkeit beeindruckend: eine neue Morgenröte für Wagner!

 

Daneben möchte ich mich bei den Lesern für einen unglücklichen Tippfehler in der Einleitung des Textes entschuldigen. Dieser wurde inzwischen korrigiert. Danke für euer Verständnis. – Jessy Baeken (12.02.2025)

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Detalhes:

Título:

  • Götterdämmerung: Wagners menschliche Apotheose

Künstler:

  • Alain Altinoglu (Dirigent), Pierre Audi (Regie), Klaus Bertisch (Dramaturg), Bryan Register, Andrew Foster-Williams, Scott Hendricks, Ain Anger, Ingela Brimberg, Anett Fritsch, Nora Gubisch, Marvic Monreal, Iris Van Wijnen, Katie Lowe, Tamara Banjević, Jelena Kordić, Christel Loetzsch, Sinfonieorchester und Chor der Münchner Staatsoper.

Ort:

  • Die Münchner Staatsoper, München.

Datum:

  • 4. Februar 2025
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