Aus einem musiktheatralischen Stabat Mater bis zur geläuterten Elektronik, vom minimalistischen Streichquartett mit Mundharmonika bis zur Videokunst mit einem Hauch klassischer Musik. Das sind die Extreme, die Musiker und Performer am vergangenen Samstagabend beim Utrechter Gaudeamus-Festival für neue Musik erkundeten. Zwei Schlüsselwörter: grenzenlose Interdisziplinarität.
Mees Vervuurt (geb. 2000) überraschte mit einem zurückhaltenden musiktheatralischen Tanz über die Suche nach dem Kind in uns selbst. Vier Sänger und eine Tänzerin bauten eine ausdrucksstarke und ausgewogene Exposition („Where are you? I am waiting") auf, in der die Sänger, sowohl solistisch als auch tutti, völlig in der Geschichte aufgingen. Der Tanz ist ein Tanz der Verzweiflung über den Verlust der Unbeschwertheit, aber auch ein Tanz der Hoffnung auf die Rückkehr der Kindheit, wenn die Tänzerin den Bauch der beiden weiblichen Solisten in ihren Tanz einbezieht. Tanz, Musik und Botschaft sind erfindungsreich aufeinander abgestimmt. In seiner Komposition – einem Abschlussprojekt am Utrechter Konservatorium – weicht Vervuurt nicht vor alternativen Gesangtechniken zurück. Er lässt die Männerstimmen bei dem Wort „triste" heiser versinken oder aus Ohnmacht piepsen, um schließlich in Kehllauten zu enden. Die Ausführenden (Cyprien Crabbé, Femke Hulsman, Pleuni Veen, Veronika Akhmetchina und Wessel van der Ham) überzeugten durch die natürliche Art, wie sie hauptsächlich miteinander beschäftigt waren. Die Kostüme (Floren Bloch) fielen durch die Kraft ihrer durchdachten Einfachheit auf. Kurz gesagt: Es funktionierte.

© Robin P. Gould
Das kanadische Streichensemble Quatuor Bozzini erkundete in Kollidierende Blasen des dänischen Komponisten Niels Lyhne Løkkegaard (geb. 1979) die Grenzen des Minimalismus und der Mikrotonalität. Die Musiker spielten neben ihrem Streichinstrument jeweils eine Mundharmonika, eine Kombination, deren Register und Klangfarbe lange Linien der Streicher mit wunderlicher Leichtigkeit bereicherten. Angesichts der Abwesenheit von Bausteinen wie Melodie, Rhythmus, Dynamik, harmonischer Fortspinnung oder der Unruhe der Atonalität stellt sich unweigerlich die Frage, wo die Musik bleibt. Bleibt hier nur noch Geräusch? Das Hörerlebnis war vergleichbar mit dem Anblick eines Salzsees, einer weißen Farbfläche, die aufgrund fehlender sichtbarer Horizonte mit dem grauelblauen Himmel zu verschmelzen schien. Aber wenn man genau hinschaute, beziehungsweise hinhörte, sah man die Farbenpracht von Kristallen oder den Anfang eines Pflänzchens. Auf diese Weise entsprach die seltene Veränderung in der Textur der Musik der einsamen Kakteen in dieser endlosen Ebene.

Hi hats nu shotta
Der radikale Komponist Klein bringt Jazz, Klassik, Drone, Noise, Rap und Avantgarde in einem rohen, charaktervollen Videospektakel zusammen. Klein hat Musik auf sowohl fortgeschrittenen Tanzlabels als auch auf etablierten europäischen klassischen Labels veröffentlicht und hat Unvorhersehbarkeit und ständige Erneuerung als Markenzeichen. Speziell für das Gaudeamus Festival 2023 schuf der Londoner multidisziplinäre Außenseiter eine völlig neue Performance:hi hats nu shotta, eine Sammlung von Drum-Samples und Beats mit hier und da einem Hauch von Klassik.
Die ersten Geräusche, die man hört, sind die klappernden Club-Rhythmen von stampfenden Kolben, gefolgt von springenden und knisternden Objekten, Blitzschlägen, Fragmenten von elektronischer Orgel, verzerrtem Sologesang. Kleins Reiseplan wird etwas deutlicher, wenn ein Tänzer hinter einem Videoleinwand eine Solo-Performance eines Schlagzeugers, Gitarristen und Pianisten zu bringen scheint. Neben Extremen wie den spektakulären Blitzlichtern (eine Sonnenbrille hätte sich als praktisch erwiesen) in Kombination mit den mystischen Nebelmaschinen hat Klein auch bemerkenswert stille Momente eingearbeitet. So ist das Videofragment mit den verschwommenen Umrissen eines Gitarristen vor orangefarbenem Hintergrund (Brand?) unheilvoll und intim, ebenso wie der murmelnde Sologesang einer Frau, die mit etwas anderem beschäftigt zu sein scheint. Die Performance endet mit einem aufrichtigen Alles Gute zum Geburtstag.

© Kasia Zacharko
Hundert Prozent Elektronik waren Samstag bei der Soundkünstlerin und Musikerin Felisha Ledesma zu finden. In ihrem neuesten Set,Fading father from me, für AM-Synthesizer, basiert sie auf Geräuschen des täglichen Lebens, wie ein (lang) vorbeifährender Zug, Windböen und murmelnde ältere Menschen. Ihre Arbeit wird durch meditative Samples aus den Welten der Entspannung und Erholung gestützt. Im Laufe der Jahre hat sie eine treue Gruppe von (CD-)Hörern gesammelt. Aber für einen DJ, der sich nicht bedient Leichtbaubei Tanz und Video ist es schwieriger, ein Publikum zu fesseln. Die Fähigkeit, sich hinzugeben tiefes Zuhören als Performance-Kunst ist nicht jedem gegeben, wie sich herausstellte.
Gesehen: Gaudeamus Festival, Utrecht
Montag, 29. Dezember 2025 – Freitag, 2. Januar 2026 Samstag, 9. September





