Im April besprach OpusKlassiekhierdie Doppel-CD mit den vollständigen Orgelwerken von César Franck vom flämischen Organisten und Musikdozenten Ignace Michiels (Brügge, 1963), ein wahres Juwel nicht nur der kompositorischen Orgelkunst, sondern auch des Orgelspiels. Ich schrieb damals, dass kein Orgelliebhaber etwas anderes hätte erwarten dürfen, denn Michiels hat sich im Laufe der Jahre ein breites und vielseitiges Repertoire aufgebaut und genießt deshalb weltweite Anerkennung. Auch seine Ausbildung spricht für sich: Er studierte am Lemmensinstituut in Löwen und an den Konservatorien in Brüssel, Gent und Paris (wo er denPrix d'Excellenceerrang).
Und nun also diese ganz der flämischen Orgelmusik gewidmete CD, ein großangelegtes Unternehmen, dessen Wurzeln bis ins sechzehnte Jahrhundert zurückreichen, als die Orgel ein wichtiger Träger der herrschenden Kultur war, wie sie von Klöstern, Kirchen und Kathedralen verbreitet wurde. Erst in der (frühen) Barockzeit entstand allmählich ein Orgelrepertoire, das sich aus Fantasien, Präludien, Toccaten und Fugen zusammensetzte, vielfach inspiriert von dem, was die norddeutschen Meister auf diesem Gebiet demonstrierten. Erst im neunzehnten Jahrhundert fand ein stilistischer Übergang zu einem eher (früh)romantischen, später auch sinfonisch gefärbten Idiom statt; während in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Betonung verstärkt auf der historisierenden Aufführungspraxis lag, neben selbstverständlich zeitgenössischen Kompositionen.
Ein stimulierender Faktor war zweifellos der qualitativ hochwertige flämische Orgelbau, mit Namen wie Pieter d'Oude Van Peteghem (1708-1787) und Pieter Albertus Loncke (1821-1897), die äußerst hochwertige Instrumente lieferten, die durch strahlenden Klang und umfangreiche Register bestachen. Instrumente, die ihre wertvollen Dienste sowohl in barocker als auch in später romantischer und sogar zeitgenössischer Musik verrichteten.
Mitgestärkt durch die historisierende Aufführungspraxis gewann ab Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts das Restaurationshandwerk an Bedeutung und Attraktivität, was zur Entstehung spezialisierter Unternehmen führte, wie die von Patrick Collon. Werkstätten, die auch die Wartung übernahmen und die ein lukratives Geschäft mit den vielen monumentalen Orgeln hatten, besonders in Westflandern, einschließlich selbstverständlich auch Antwerpen.
Auch Fachzeitschriften zur Orgelmusik wurden beliebt, wie das viermal jährlich erscheinende flämische MagazinOrgelkunst(oft mit beigefügter CD), das sich auf die flämische Orgelkultur aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konzentriert. In den sorgfältig ausgewählten Themenheften finden Liebhaber viele Informationen über historische Orgeln und ihre Erbauer, dazu einen ‚Orgelkalender' mit einem Überblick über Konzerte in Kirchen und dergleichen in ganz Flandern.
In den Niederlanden ist eine der wichtigsten Publikationen auf diesem Gebiet das stärker berufsorientierte Het Orgeldas ebenfalls viermal jährlich erscheint und vom KVOK, der Königlichen Vereinigung der Organisten und Kirchenmusiker, herausgegeben wird.
Interessant ist auch die niederländische Online-ZeitschriftDe Orgelvrienddie zehnmal jährlich erscheint und ebenfalls viel Aufmerksamkeit auf die Orgelkultur im umfassendsten Sinne lenkt, mit vielen Hintergrundartikeln, Besprechungen (Bücher, CDs, DVDs usw.) und einem Konzertkalender.
Nicht nur die Bewahrung des flämischen musikalischen Erbes ist von großem Gewicht, sondern auch, dass es zur Aufmerksamkeit gebracht und behalten wird, sich damit weiter ausdehnend als nur die Aufrechterhaltung einer musealen oder, wenn man so will, ‚fossilen' Funktion. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die phänomenale CD-SerieFlanders' Fieldshinweisen, eine äußerst wertvolle Initiative des flämischen Musiklabels Phaedra, gegründet von Luc Famaey, mit inzwischen über hundert Titeln, von denen wir mehrere auf unserer Website besprochen haben. Leider beendete Famaey dies Anfang 2019 und das Label wurde von Dutch Music Works (DMW) übernommen, was – soweit ich sehen konnte – kein erfolgreicher Wechsel gewesen ist (bis heute ist kein Katalog des Phaedra-Angebots auf der DMW-Website erschienen).
Aber zurück zu Ignace Michiels, der mit dem flämischen Musiklabel Passacaille zweifellos viel besser fahren wird und für dieses flämische Orgelprogramm erneut die kolossale Klais-Orgel in der Sint-Salvators-Kathedrale in Brügge "angesprochen" hat, um diese sechs Orgelwerke in ein musikalisch glänzendes Licht zu rücken. Orgelwerke von sechs flämischen Komponisten, die in den Niederlanden wenig oder gar nicht bekannt sind, obwohl ihre Musik meiner Meinung nach durchaus Beachtung verdient. Zur Unterstützung dieser Bekanntmachung folgt hier eine Zusammenfassung der vom Organisten im CD-Booklet gegebenen Erläuterungen.
Das zusammengestellte Programm beruht teilweise auf interessanten Querverbindungen, beginnend mit dem Pianisten und KomponistenAndré Devaere(1890-1914), der im November 1914 – der Erste Weltkrieg war erst wenige Monate alt – zur belgischen Armee eingezogen und an die Kampflinien an der Yser geschickt wurde. Doch zehn Tage später wurde er bei Sint-Joris von einem deutschen Geschoss in die Lunge getroffen. Schwer verwundet wurde er ins in Calais gelegene Anglo-Belgische Militärhospital Nr. 2 gebracht, das allgemein als "Pensionnat Sophie Berthelot" bekannt war, wo Devaere am 14. November 1914 starb. Er wurde auf dem Militärfriedhof Cimetière du Nord in Calais beigesetzt.
Kurz vor seinem siebzehnten Geburtstag durfte Devaere den ersten Preis für sein Klavierspiel am Conservatorium von Brüssel entgegennehmen, wo er bei Arthur De Greef studierte. War er ein Wunderkind? Es hat ganz den Anschein, denn mit elf Jahren war er bereits als Organist am Sint-Amandscollege in Kortrijk angestellt. Es lag offenbar in seinen Genen, denn sein Vater Oktaaf Devaere erhielt am selben Conservatorium ebenfalls den ersten Preis, nämlich für sein Orgelspiel (später wurde er Organist an der Sint-Maartenskerk in Kortrijk).
André Devaere hinterließ – sein Alter sagt es eigentlich schon – nur ein kleines Werk, darunter zwei Orgelwerke, die auf diesem Album zum ersten Mal zusammen präsentiert werden. Das Präludium und die Fuge wurden für den berühmtenPreis von Romeingereicht. Devaere schrieb es während seines Kompositionsstudiums bei Edgar Tinel, damals Direktor des Brüsseler Conservatoriums. Tinels Korrektionen sind auf Devaeres Manuskript zu sehen. Es wurde erst nach Tinels Tod in dessen Zimmer in Brüssel gefunden. Die Aufführung des Werkes basiert auf einer handschriftlichen Abschrift des Komponisten und Musikologen Herman Roelstraete, der Devaeres Manuskripte aufbewahrte. Sie kamen schließlich ins Archiv der Königlichen Bibliothek von Belgien.
Edgar Tinel(1854-1912) begann seine Karriere als Klavier- und Orgelvirtuose, gab diesen jedoch ziemlich bald auf, um sich dem Komponieren widmen zu können. Heute ist seine Musik jedoch praktisch vergessen. Er studierte am Conservatorium von Brüssel Klavier bei Jean-Baptiste Michelot und Orgel bei Alphonse Mally.
Um 1885 entstand die Orgelsonate in g, op. 29. Sie sollte sein einziges großes Orgelwerk bleiben. Tinels leuchtende Vorbilder waren Brahms, Schumann und Mendelssohn. Er nannte sie zusammen mit Bach "Apostel des Ideals". Mit Wagners Opern konnte er wenig anfangen: Er erkannte zwar sein Genie an, doch geprägt durch eine streng-katholische Erziehung fand er sie "unmoralisch" (was ihm allerdings nicht daran hinderte, bestimmte Fragmente daraus zu dirigieren!).
Joseph Callaerts(1830-1901), Schüler von Jacques-Nicolas Lemmens am Brüsseler Conservatorium, war seit 1850 Organist bei den Jesuiten in Antwerpen und folgte im Mai 1855 Karel Delin als Titelorganist der Antwerpener Kathedrale nach. Damals hatte er sein Orgeldiplom noch nicht einmal in der Tasche! Er muss ein vorzüglicher Organist gewesen sein, aber daneben – in diesem Sinne auch in Bachs Fußstapfen – ein gefragter Experte auf dem Gebiet des Orgelbaus. Darüber hinaus machte er sich als Pädagoge verdient. Ab 1867 unterrichtete Callaerts Orgel und praktische Harmonie an der Antwerpener Musikschule (das spätere Königliche Flämische Musikkonservatorium).
Callaerts komponierte neben seiner arbeitsreichen Tätigkeit eine große Anzahl religiöser Werke, darunter Kantaten, Chorwerke und Lieder. Er schrieb auch für Orchester und kleine Ensembles, komponierte eine Oper und etwa sechzig Orgelstücke.
Von diesem großen Werk wurde nach seinem Tod nur noch dieToccata(ine-Moll) ziemlich regelmäßig gespielt, ein Paradebeispiel in den Händen führender Organisten, wodurch er in sachkundigen Orgelkreisen ab den fünfziger Jahren als Komponist weniger ernst genommen wurde. Die von Michiels aufgezeichnetePetite Fantaisiezeichnet sich – ich zitiere erneut Michiels – durch die elegante Lyrik einer Melodie [am Anfang und am Ende] sowie durch die schönen romantischen Harmonien im Mittelteil aus.
Der Name vonHerman Roelstraete((1925-1985) ist bereits gefallen. Er erhielt seine Grundausbildung in Klavier, Orgel, Kirchenmusik und Musiktheorie an der Kantor- und Organistenschule in Torhout. Inmitten all der Kriegswirren ging er 1942 zum Lemmensinstituut in Mecheln, um es dort 1946 als Laureatus zu absolvieren. Sein Orgellehrer war Flor Peeters, während Marinus de Jong ihm Kontrapunkt unterrichtete. Roelstraetes Studienreise führte ihn auch zu den Conservatorien in Brüssel und Gent. Die Ausbildungsjahre wurden abgerundet mit Privatstunden in Orchesterleitung bei René Defossez, Komposition bei Marcel Poot und dodekaphoner Komposition bei Matthyas Seiber. Roelstraete war besonders aktiv als Organist, Dirigent, Komponist, Forscher und Musikpädagoge, zunächst in Izegem und später in ganz Flandern sowie auch in Brüssel. Für Orgel komponierte er eine große Anzahl von Werken, darunter die auf dieser CD aufgezeichnete, aus dem Jahr 1954 stammende, auf das feierliche Salve Regina gestützteToccatella en Fughetta (op. 28).
Flor Peeters (1903–1986) – auch sein Name fiel früher auf – komponierte als sein Hauptwerk ein Orgelkonzert. Es entstand in den dunklen letzten Wochen des Jahres 1944, zur Zeit der blutigen Ardennenoffensive. Das Stück hatte 1945 seine Uraufführung bei der belgischen Rundfunkanstalt.
Genau ein Jahrzehnt später veröffentlichte Peeters für Orgel solo eine gekürzte Bearbeitung des Finales dieses Orgelkonzerts unter dem Titel Concert Piece (op. 52a). Es beginnt mit der spektakulären Solokadenz des Orgelkonzerts und endet mit einigen brillanten Schlussseiten, wobei der ruhige Mittelteil – in den einige der lyrischsten Elemente aus der Orchesterversion eingearbeitet sind – einen willkommenen Kontrast bietet.
Peeters beschrieb einige seiner Werke als Fresken mit flämischem Charakter: energischer Rhythmus, dekorative Form, kraftvolle Substanz und farbige Registrierung.
Peeters wuchs in einem musikalischen Umfeld auf, als Jüngster in einer Familie von elf Kindern. Mit sechzehn Jahren begann er sein Musikstudium am Lemmens-Institut, wo er von Lodewijk Mortelmans, Jules van Nuffel und Oscar Depuydt unterrichtet wurde. Nach seinem Abschluss 1921 wurde er im selben Jahr zweiter Organist an der Sint-Romboutskathedrale in Mechelen. Zwei Jahre später übernahm er eine Orgellehrer-Position am selben Lemmens-Institut und wurde zum Titularorganisten der Sint-Rombouts-Kathedrale ernannt. Darüber hinaus unterrichtete er auch Orgel in Gent, Tilburg und am Konservatorium von Antwerpen (dessen Direktor er von 1952 bis 1968 war).
Und zum Abschluss dieses Kaleidoskops Camil Van Hulse (1897–1988), laut Michiels zwar ein unbekannter, aber dennoch faszinierender Organist, Pianist und Komponist. Er stammte aus Sint-Niklaas und starb fern der Heimat im texanischen Tucson. Van Hulse erhielt seinen ersten Unterricht von seinem Vater Gustaaf (Komponist und Organist der örtlichen Dekanatskirche Sint-Niklaas und selbst Schüler von Edgar Tinel!), dann von Edward Verheyden, Lodewijk Mortelmans, Frans und Constant Lenaert am Konservatorium von Antwerpen und schließlich von Arthur de Greef am Konservatorium von Brüssel. 1919 folgte er seinem Vater als Organist der Sint-Niklaaskerk nach.
Nach Beendigung seiner Studienzeit emigrierte er 1923 aus gesundheitlichen Gründen nach Tucson, wo er 1924 Organist der örtlichen All Saints Church wurde und auch die Initiative zur Gründung eines Symphonieorchesters ergriff. Er machte sich weiter als Konzertorganist einen Namen und komponierte ein umfangreiches Oeuvre (es sind etwa 130 Werke von seiner Hand erhalten geblieben), darunter mehrere Orgelstücke.
In seiner Symphonia Mystica finden wir – wie Michiels schreibt – einerseits Einflüsse der Belgischen Orgelschule des zwanzigsten Jahrhunderts, deren hauptsächlicher Vertreter Joseph Jongen war.
Van Hulses Kompositionsstil ist überwiegend spätromantisch, vermischt mit neuen Einflüssen wie dem Expressionismus. Andererseits zeigt sein Stil auch amerikanische Einflüsse aus der Filmmusik und dem Jazz.
Die im Mai 2024 in der Sint Salvatorskathedraal in Brügge von Marien Stouten gemachte Aufnahme zeigt die vielen faszinierenden Klangfarbungs-Aspekte der imposanten Klais-Orgel. Das zeigt sich auch in der beeindruckenden Kontrastwirkung zwischen dem "normalen" 8-Fuß und dem eine Oktave tiefer klingenden 16-Fuß sowie dem zwei Oktaven tiefer klingenden 32-Fuß. Lautsprecher, die wirklich tief und unverzerrt solche Orgelklänge wiedergeben können, sorgen für – sofern hörbar, ansonsten aber zumindest spürbar! – nicht nur ein sehr beeindruckendes Fundament, sondern auch für einen zusätzlichen warmen Glanz in den darüber liegenden Frequenzen. Dadurch kommt auch der Raum, in dem die Aufnahme entstanden ist, optimal zur Geltung; wie auf dieser sehr gelungenen Aufnahme zweifellos der Fall ist.
Aber natürlich gilt die meiste Aufmerksamkeit dem sublimen Orgelspiel von Ignace Michiels und der dazu gehörenden, äußerst geschmackvoll gewählten Registrierung.
In seinem Nachwort dankt Michiels Johan Huys (Gent, 1942), der sich in Flandern als Tastenmusiker, Pädagoge und Berater einen großen Ruf erarbeitet hat:
Ich möchte Johan Huys für sein unermüdliches Engagement und seine Leidenschaft danken, vergessene und bedeutende Musik wieder zum Leben zu erwecken.
Sein Einsatz und seine Unterstützung tragen zur Wiederentdeckung wertvoller musikalischer Schätze bei, wofür ich zutiefst dankbar bin.
Ich kann nur hinzufügen: Nutzen Sie die Gelegenheit und genießen Sie diese bemerkenswerte Musik in vollen Zügen!





