Auf seiner neuen CD What Remains präsentiert das Dudok Quartet Amsterdam vier verschiedene Wahrnehmungsformen des Zeitbegriffs. Motorisch und neblig (Roukens), religiös und tödlich (Machaut, Perotinus und Gesualdo), Qual und Krieg (Reich), Zeit und Zeitlosigkeit (Messiaen) – so ein neuer Zweig an dem bereits reichlich verzierten Stamm dieses Ensembles.
Den Anfang macht das vierte Streichquartett What Remains des Amsterdamer Komponisten Joey Roukens (geb. ca. 1982), gleichzeitig das Titelstück der CD. In Strange Oscillations, dem ersten von zwei Teilen, kitzeln die Streicher das Ohr des Hörers mit einer sanften Brise, motorisch brodelnd wie ein Motorboot, inklusive der pulsierenden Unterstimmen. Rhythmisch wirbelnde Motiv-Schnipsel in den tiefen Registern leiten den kräftiger gestrichenen zweiten Teil ein. Glissandi bilden eine natürliche Zäsur mit einem murmelenden Fortgang, der dann plötzlich in den harten Schlag einer Pizzicato endet. Fesselnd, unterhaltsam, ergreifend – alles ist dabei.
Still und neblig
Der zweite Teil heißt Motectum und deutet darauf hin, dass es sich um eine mehrstimmige Bearbeitung eines liturgischen Musikstücks handelt. Laut Begleittext der CD wurde in diesem Teil ein systematisches Streichen während des kompositorischen Prozesses durchgeführt. Der Hörer kann sich dann selbst ausmalen, dass das Ergebnis aus einem träumerischen Klagelied besteht, gestützt durch präzise Harmonien. Stilles Spiel bewegt sich auf leisen Pantoffeln zu einem leicht zitternden, nebeligen Ende.
Diese Mystik erhält auf der CD Relief durch drei kurze, aber ikonische Stücke aus der frühen Musikgeschichte: Das Kyrie aus der Messe de Nostre Dame von Guillaume de Machaut (1300–1377), die Madrigal Deh, come invan sospiro von Carlo Gesualdo (1566–1613) und das kristallklare Viderunt Omnes von Perotinus (1200).
Steve Reich ist anwesend mit Differundt trains for string and tape. Der Tapeteil besteht aus Aufnahmen des Dudok Quartetts, einigen menschlichen Stimmen und Lokomotivgeräuschen, was insgesamt vier mal vier Streicherstimmen ergibt. In drei Sätzen zeigen Reich und Dudok, wie der Zweite Weltkrieg in den USA und Europa erlebt wurde. Die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs in den USA ist amerikanisch gehetzt, mit repetitiven Mustern und Mustern, dazu Bahnhofsdurchsagen und Dampfpfeifen auf dem Band. Modulationen und Tempowechsel halten den Hörer in Spannung. Der zweite Teil ist die Erfahrung des Krieges in Europa, wo die Eisenbahn eine Rolle beim Transport von (Kriegs-)Gefangenen und dem Holocaust spielte. Hier ist das Tempo langsamer und die gesprochenen Stimmen richten sich auf die Berichterstattung der systematischen Vernichtung. Hier also keine Dampfpfeifen, sondern eher Luftalarm. Der Abschluss (After the war) besteht aus leichten kurzen Melodien und optimistischen Geräuschen (the war is over!) von professionellen Sprechern.
Aller Zeiten
Die CD endet mit dem vierten Teil von Messiaens Fête des belles eaux (1937). Ursprünglich wurde es für das Ondes-Martenot geschrieben, eines der ersten elektronischen Musikinstrumente mit einem monotonen, aber warmen Klang. Ein paar Jahre später hat Messiaen diesen Teil für den fünften Satz (Louange à l'Éternité de Jésus) seines Quatuor pour la fin du temps bearbeitet. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt, nach einer Eigenbearbeitung, ins Repertoire des Dudok Quartetts zu gelangen. Das hat der Interpretation jedenfalls nicht geschadet. Durch sparsamen Umgang mit Vibrato bleibt die Kargheit der bis auf die Knochen reduzierten Sonorität erhalten. Was bleibt ("What remains") ist Respekt und eine Form der Demut, die zeitlos ist.
WER: Dudok Quartet Amsterdam
AUSGABE: 2023 Rubicon Classics Ltd
INFO: rubiconclassics.com und dudokquartet.com






