Es gibt Werke, die man nicht so sehr hört als vielmehr betritt, und Die Kunst der Fuge BWV 1080 ist dafür das ultimative Beispiel. Es ist vielleicht Bachs paradoxalste Schöpfung: ein Monument absoluter musikalischer Beherrschung, das gleichzeitig in einem Fragezeichen endet, ein Werk, das bis ins kleinste Detail organisiert wirkt und doch bewusst unvollended geblieben ist. Johann Sebastian Bach (1685–1750) hinterließ bei seinem Tod 1750 keinen Hinweis auf Instrumentierung, Reihenfolge oder auch nur die Frage, ob das Werk zur Aufführung oder zur stillen Betrachtung bestimmt war. Wer sich in dieses kontrapunktische Labyrinth wagt, muss also nicht nur Musiker sein, sondern auch ein wenig Archäologe. Michael Tsalka beweist mit dieser neuen Doppel-CD bei Da Vinci Classics, dass er beides ist.
Tsalka, verbunden mit der School of Music der Chinese University of Hong Kong und ein gefragter Solist sowohl am modernen Flügel als auch an historischen Tasteninstrumenten, wählte für diese Aufnahme das Klavier – eine Wahl, die auf den ersten Blick wenig überraschend wirkt, sich aber beim genaueren Hören als genau richtig erweist. Das Klavier bietet hier keine romantische Vergrößerung Bachs, keinen Versuch, die Musik zu einer späteren Ästhetik hin zu ziehen, sondern vielmehr eine besondere Klarheit: jede Stimme erhält ihre eigene Farbe und Atemraum, ohne dass das Werk in einzelne Linien zerfällt. Während manche Aufführungen die vierzehn Contrapuncti und vier Kanons im akademischen Grau versanden lassen, versteht es Tsalka immer wieder, den tanzenden Puls durchschimmern zu lassen, den Bach trotz aller Gelehrsamkeit nie aus den Augen verlor. Zu Recht weist der Musikwissenschaftler Nicholas Smith im ausführlichen Begleitmaterial darauf hin, dass dieses Werk nicht als ein trockenes didaktisches Traktat aufgefasst werden darf, sondern als eine Feier des Lebens selbst.
Besonders ist die Gliederung, die Tsalka verwendet: nicht die Reihenfolge der postumen Erstausgabe von 1751, sondern eine Einteilung, die neueren Erkenntnissen von etwa Reinhard Goebel folgt und die Struktur der Goldberg-Variationen widerspiegelt – vier Gruppen von Fugen aufsteigender Komplexität, jeweils unterbrochen durch einen Canon. Es ist eine dramaturgisch überzeugende Lesart: man hört nicht länger nur eine Reihe kontrapunktischer Experimente, sondern eine Reise, in der Bach den Hörer immer tiefer in sein musikalisches Universum hineinführt. Von Klarheit zu Verdichtung, von Spiel zu Geheimnis wächst die Spannung Schritt für Schritt bis zur unvollendeten Fuga a 3 soggetti.
Darin schreibt Bach seinen eigenen Namen in Noten – B-A-C-H, wobei die deutschen Notennamen die Töne H-A-C-B vertreten – kurz bevor ihn Krankheit und Blindheit daran hinderten, das Werk fortzusetzen. Die spätere Überlieferung machte aus diesem Moment das symbolische Bild eines Komponisten, der seinen eigenen Namen noch einmal in die Musik ritzte, als würde er sich selbst der Ewigkeit anvertrauen wollen. Tsalka schließt, zu Recht, mit dem Orgelchoralvorspiel Vor deinen Thron tret ich hiermit (BWV 668), und lässt das Werk so enden, wie Bach es selbst hinterlassen hat: nicht als ein vollendeter Schlusakkord, sondern als ein Gebet.
Was diese Aufnahme besonders auszeichnet, ist, dass Tsalka nicht der Illusion einer definitiven Interpretation nachstrebt. Er erzählt selbst, dass er das Werk schon Jahrzehnte lang studiert, ohne es jemals vollständig zu "erfassen" – und genau diese Bescheidenheit hört man in seinem Spiel. Sein Klavierklang ist dabei glasklar und ehrlich, ohne jemals kühl oder rein analytisch zu wirken. Die Stimmen im Kontrapunkt werden mit großer Sorgfalt gewogen, während die durchdachten Tempi der Musik eine natürliche Ruhe geben. Tsalka jagt nirgends nach Effekt; er lässt die Fugen atmen und schafft eine Aufführung, die nicht durch Monumentalität überwältigt, sondern durch Konzentration überzeugt. Es entsteht eine fast kontemplative Ruhe, nicht weil die Musik ihre Komplexität verliert, sondern gerade weil jede Linie ihren Platz innerhalb des größeren Ganzen erhält.
Keine Brillanz, kein Bedürfnis, den Hörer, die Außenwelt oder – wie er es selbst beschreibt – die Nachwelt zu beeindrucken. Stattdessen: ein aufmerksames, fast beten ähnliches Hören auf das, was die Musik selbst verlangt. Die Widmung dieser Aufnahme an den verstorbenen Prof. Aminadav Dykman verleiht dem Ganzen noch eine zusätzliche Ebene persönlicher Hingabe, die sich darin widerspiegelt, wie jede Stimme im Kontrapunkt Atemraum erhält, ohne die Architektur des Ganzen zu verlieren.
Ist dies eine Empfehlung für denjenigen, der Bach noch kennenlernen muss? Wahrscheinlich nicht – Tsalka selbst würde der Erste sein zuzugeben, dass Die Kunst der Fuge kein Einsteiger-Werk ist. Aber für denjenigen, der bereits Jahre mit diesem Stück ringt, mit dieser Musik, die sich, wie oft man auch zurückkehrt, nie ganz erfassen lässt, bietet diese Doppel-CD einen Führer, der selbst nicht so tut, als hätte er die Karte des Labyrinths komplett. Vielleicht liegt die wahre Vollendung von Die Kunst der Fuge gar nicht im Hinzufügen einer fehlenden Taktgruppe oder einem erfundenen Ende, sondern in jedem neuen Versuch, auf das zu hören, was Bach uns hinterlassen hat: kein geschlossenes Monument, sondern eine lebendige Frage. Und vielleicht ist das, für ein Werk, das sein Schöpfer nie fertigstellen durfte, die ehrlichste Form der Verehrung.




