Manche Recital-CDs beeindrucken durch Virtuosität, andere bleiben im Gedächtnis, weil sie eine vertraute Musikwelt in neuem Licht zeigen. Gesang der Seele gehört ohne Zweifel in diese zweite Kategorie. Der Saxophonist Carlos Gimenez und der Pianist José Alberto del Cerro präsentieren ein Programm, das nirgends die Möglichkeiten ihrer Instrumente zur Schau stellen will, sondern vielmehr durch natürliche Musikalität, verfeinerte Zusammenspiel und durchdachten Aufbau überzeugt.
Ein Arrangeur, der seine eigenen Transkriptionen einlösen muss
Der Schlüssel zu dieser Aufnahme liegt weniger in der Wahl des Repertoires als vielmehr in der Art, wie es zustande kam. Carlos Gimenez zeichnet nämlich selbst für nahezu alle Transkriptionen auf dieser CD verantwortlich: von Gesang der Seele von Federico Mompou (1893–1987) über die Sechs Romanzund op. 38 von Sergei Rachmaninow (1873–1943), die Fünf schwarze Lieder von Xavier Montsalvatge (1912–2002) und die Auszüge aus »Tristan und Isolde« von Richard Wagner (1813–1883) bis zu den Klassische spanische Lieder von Fernando Obradors (1897–1945).
Das ist viel mehr als ein praktischer Eingriff. Wer seine eigenen Transkriptionen spielt, kann sich nicht hinter den Entscheidungen eines anderen Arrangeurs verstecken. Jeder Atemzug, jeder Übergang, jeder Moment, in dem das Klavier die Führung übernimmt, weil die ursprüngliche Gesangslinie buchstäblich keine Luft mehr hat, ist eine Interpretationsentscheidung, die Gimenez zuerst als Arrangeur treffen und anschließend als Ausführender erneut einlösen musste. Genau deshalb wirkt nichts auf dieser Aufnahme wie eine Notlösung oder wie der Versuch, die menschliche Stimme einfach zu ersetzen. Die Transkriptionen gehen vom idiomatischen Wesen des Saxophons selbst aus und lassen das Instrument mit einer eigenen Stimme sprechen. Gimenez kennt die Möglichkeiten und die Grenzen seines Instruments und sucht nirgends nach billiger Wirkung, sondern immer nach musikalischer Überzeugungskraft.
Gimenez ist übrigens kein Außenseiter in diesem Repertoire. Sein Valencianischer Hintergrund – er wurde in der Nähe von Benimodo geboren – mag vielleicht erklären, warum besonders die spanischen und katalanischen Seiten so natürlich zu atmen scheinen. Das Rubato klingt nirgends gelernt, sondern fühlt sich wie eine musikalische Muttersprache an.
Stück für Stück
Das Titelstück, Mompous Gesang der Seele, eröffnet die Platte bewusst als Motto: kaum drei Minuten, aber Gimenez lässt die erste Phrase fast ohne Vibrato entstehen, beinahe sprachlich, um erst nach und nach vorsichtig Farbe hinzuzufügen. Sofort entsteht jene besondere Klangwelt, die die ganze CD prägen wird: der kontemplative Klavierklang von del Cerro gegenüber einem Saxophon, das nicht deklamiert, sondern zu denken scheint. Die Aufmerksamkeit des Hörers wird dadurch von Anfang an unweigerlich nach innen gezogen. Bei Mompou, wo Stille oft genauso wichtig ist wie Klang, erweist sich diese Zurückhaltung nicht als Mangel an Ausdruck, sondern als eine Form der Intensität. Das Saxophon wird hier kein Ersatz für die menschliche Stimme, sondern ein Instrument, das ihre innere Stille zu erfassen versucht.
Das Sechs Romanzund op. 38 von Sergei Rachmaninow bilden den intimsten Teil des Programms und offenbaren in dieser Besetzung eine unerwartete Zerbrechlichkeit. del Cerro erhält hier allen Raum, um seine pianistischen Qualitäten zu zeigen, ohne dabei den Dialog mit dem Saxophon aus den Augen zu verlieren. Die vielen stillen Momente werden mit beeindruckender Selbstverständlichkeit aufgebaut, während Dasr Rattundfänger als willkommenes Ventil alle Dramatik kurz an die Oberfläche bringt. Das darauf folgende Dasr Traum wirkt dadurch noch beruhigender und erhält etwas fast Zeitloses. Gegen den Abschluss hin A-oo! scheint Gimenez alle Zügel schießen zu lassen: das Saxophon darf endlich vollständig singen, ohne dass die musikalische Linie jemals aus den Augen verloren wird. Gerade dieses ständige Gleichgewicht zwischen Beherrschung und Hingabe macht diesen Zyklus so überzeugend.
Das Fünf schwarze Lieder von Xavier Montsalvatge gehören zweifellos zu den größten Überraschungen der Platte. Es sind durchweg Miniaturen, kleine musikalische Perlen, in denen Gimenez und del Cerro ihre stilistische Flexibilität voll unter Beweis stellen. Besonders Wiegenlied zum Einschlafen eines kleinen Negerjungen zeugt von einem unwiderstehlichen Sinn für Farbe und rhythmische Geschmeidigkeit; kurzzeitig bekommt man als Hörer fast Lust mitzumachen, doch Montsalvatge schafft unmittelbar danach wieder Raum für Stille. So entfaltet sich ein Farbenspektrum dessen, was beide Musiker drauf haben. Wenn Schwarzer Gesang schließlich losbricht, geschieht das nicht aus Effekthascherei, sondern aus einer sorgfältig aufgebauten Spannung, die unwiderstehlich mitreißend wirkt.
Und dann Wagner. Die Auszüge aus »Tristan und Isolde« bilden den künstlerischen Schwerpunkt der CD. Puristen könnten sich vielleicht fragen, ob gerade diese Musik sich wirklich vom Orchester und der Singstimme ablösen lässt, doch Gimenez beweist, wie fruchtbar eine gelungene Transkription sein kann. Das Saxophon erweist sich als überraschend nah verwandt mit der menschlichen Stimme und vermag Wagners Sehnsucht, Verzweiflung und letztendlich den Wahnsinn des Liebensdramas auf eindringliche Weise spürbar zu machen.
Besonders das Vorspiel gehört zu den Höhepunkten der ganzen Aufnahme. Gimenez verzichtet überall auf Effekthascherei, sondern lässt die Spannung aus einer fast zerbrechlichen Einfachheit wachsen. Sein Ton ist warm, intensiv und gleichzeitig auffallend gezügelt, wodurch die berühmten Harmonien ihre unwiderstehliche Anziehungskraft bewahren. Das darauffolgende Liebestod erreicht vielleicht nicht ganz dieselbe Konzentration wie das Vorspiel, bleibt aber eine Interpretation, die durch ihre Ehrlichkeit und musikalische Integrität ergreift.
Die abschließenden Klassische spanische Lieder von Fernando Obradors stellen vielleicht die schönste Entdeckung dieser CD dar. Seine Lieder eignen sich wunderbar für diese Besetzung und zeigen noch einmal, wie mühelos Gimenez zwischen düsterer Melancholie, lyrischer Sanglichkeit und fast volksliedhafter Leichtigkeit wechselt. Der dunkle, fast samtige Ton in Con amores, la mi madre kontrastiert wunderbar mit dem lyrischen Charakter von Dasl cabello más sutil, zwei Höhepunkte innerhalb eines Zyklus, der ständig Sanglichkeit ausstrahlt. Klavier und Saxophon scheinen hier völlig miteinander verwachsen zu sein, wodurch diese Lieder eine Selbstverständlichkeit bekommen, die jeden Gedanken an eine Transkription vergessen lässt.
Balance statt Bravour
Was über die ganze Spieldauer von knapp einer Stunde auffällt: Dies ist ein Programm, das bewusst keine Klimax nach Klimax aufbaut. Wagner sitzt nicht zufällig in der Mitte – alles davor führt darauf hin, alles danach lässt es abklingen. Das ist eine dramaturgische Wahl, die nicht jede Recital-CD zu treffen wagt, wo oft das Spektakulärste als Schlussakpotheose fungiert. Hier entscheidet man sich für Nachklang statt Applaus.
Auch das Gleichgewicht zwischen den beiden Musikern verdient ein Wort. del Cerro wird oft – zu Recht – für seine Kammermusik-Sensibilität gelobt, doch das darf nicht verbergen, wie sehr er hier gleichberechtigt über Tempo und Klangfarbe mitentscheidet. Er ist kein Begleiter, der sich anpasst, sondern ein gleichwertiger Gesprächspartner, der die Architektur jedes Werkes mitbestimmt. Jeder Zyklus beleuchtet eine andere Facette des Instruments, ohne dass das Programm jemals wie eine Demonstrationsplatte wirkt. Im Gegenteil: die durchdachte Programmgestaltung zeigt, wie vielseitig sich das Saxophon in der Kammermusik bewegen kann, von fast vokaler Introspektivität bis zu ausgelassener Rhythmik.
Die Hybrid-SACD-Aufnahme von MDG macht das, was MDG immer macht: keine künstliche Nähe, keinen Studio-Glanz, sondern eine Akustik, in der das Instrument Atemraum bekommt, ohne verschwommen zu werden. Gerade in den stillsten Passagen von Vorspiel und Liebestod" wo das Instrument fast zu nichts zusammenschrumpft, hörst du, wie sehr dieser Raum mitspielt. Der Klang löst sich nicht in Vagheit auf, sondern erhält durch die Stille rundherum gerade erst seine Bedeutung.
Die Aufnahme unterstützt zudem die authentische Musikalität beider Ausführender. Gimenez verfügt über einen außergewöhnlich verfeinerten Ton, warm ohne sentimentales Werden und stets durchlebt. del Cerro schließt sich vorbildlich an, nicht nur als Begleiter, sondern als Musiker, der ständig neue Klangschattierungen hinzufügt und die melodischen Linien mitgestaltet.
Das Echo einer gelungenen Aufnahme
Dies ist keine Platte für jene, die das Saxophon noch immer als Kuriosum neben den "echten" Kammermusik-Instrumenten betrachten. Sie ist ebenso wenig eine Demonstration dessen, was das Instrument alles kann. Carlos Gimenez und José Alberto del Cerro zeigen vor allem, wie gute Transkriptionen bekannte Musik in eine neue Perspektive setzen können. Nach dem Hören hörst du fast unweigerlich auch anders auf die Originallieder und Orchesterwerke: mit mehr Aufmerksamkeit für ihren melodischen Kern und ihre Intimität.
Gesang der Seele ist darüber hinaus ein Konzertprogramm, das keine Sekunde langweilt. Der Wechsel zwischen den verschiedenen Stilwelten, die intelligente programmatische Struktur und das hohe künstlerische Niveau beider Musiker machen diese Aufnahme zu einem Recital, zu dem du gerne immer wieder zurückkehrst. Nicht weil es imponieren will, sondern weil es bei jedem Hören neue Nuancen preisgibt und dir jedes Mal aufs Neue zu Herzen geht. Ein schöneres Kompliment kannst du einer Aufnahme kaum machen.




