Wenn du renommierte internationale Orchester hören möchtest, kannst du ohne Zweifel zu BOZAR gehen. Und dann siehst du auch Dirigenten mit Namen und Ruf bei der Arbeit. Ende 2023 kam hier Jordi Savall noch vorbei und um 2024 zu beginnen war es nun Riccardo Muti, beide Achtzigers aber keineswegs abgeschrieben. Mit seinem Chicago Symphony Orchestra (CSO) startet er in Brüssel eine neue Europäische Tournee und das ist schon eine Weile her. Nicht zu verpassen also, es sind durchweg außergewöhnliche Ereignisse. Auf dem Programm steht diesmal ein neues Stück des Minimalisten Philip Glass, inzwischen auch schon 86. Der Titel: The Triumph of the Octagon. Das Werk erlebte erst Ende September seine Premiere in Chicago und nun also eine Europäische Premiere in Brüssel.
Es war ein Auftrag an Philip Glass vom CSO-Orchester, um ihren Riccardo Muti bei seiner Ernennung zum Emeritus-Musikdirektor auf Lebenszeit zu ehren. Muti erzählte Glass vom geheimnisvollen mittelalterlichen Castel del Monte in seinem italienischen Puglia und wie beeindruckend geheimnisvoll er als kleiner Junge dieses Schloss fand, mit seinen acht achteckigen Türmen und Grundrissen. Die Geschichte blieb beim Komponisten hängen und er schrieb eine ebenso überraschende wie mysteriöse Komposition darüber.
Ein begeistertes „bravo" für den Maestro aus dem Publikum und da war Riccardo Muti dann. Glattes Haar wie immer, kräftiger Schritt, ganz Ernst und sofort zur Sache mit dieser neuen Philip Glass. Sanfte Streicher sind zunächst am Zug mit Harfe, dann Oboe, Klarinette und auch noch Flöte und allmählich kommen dann die erkennbaren Glass-Klänge durch. Ein wallendes und wiederholtes rhythmisches Muster, breit ausgebreitet wie die weitschweifigen aber ruhigen Armbewegungen des Dirigenten. Zur Hälfte beschleunigt sich das Tempo, anschwellend bis es ganz plötzlich und unerwartet zu Ende kommt. Überraschend, ja wirklich, so eine sehr kurze italienische Geschichte über dieses wunderbare Schloss. Knapp 13 Minuten lang, durch und durch minimalistisch also.....
Mit der Italienischen Symphonie von Mendelssohn kommt Standardrepertoire zur Geltung. Mit entschlossenen Blick und sparsamen Bewegungen leitet Muti sein Orchester weiter. Aber ja, so ein professionelles Team braucht nur eine hochgezogene Augenbraue um korrekt auf die Wechsel der Dynamik in diesem herrlichen Eröffnungsteil zu reagieren, jenes allegro vivace, dieses so populäre und abgedroschene Stück, aber dieses so perfekt und diesmal erhaben aufgeführte Teil. Vergiss Radio, CDs, Streaming oder sonst was, geh doch für „live"! Du kannst all diese verschiedenen Partiturschichten so viel intensiver folgen und sehen, all diese Sektionen unterscheiden, all diese immer wieder wechselnden Dynamiken hören. Und dann dieses schwungvolle andante, gefolgt von diesen farbigen Hörnern im moderato. Was fand Mendelssohn an dieser ganzen Komposition dann so unvollkommen, dass er immer noch daran herumfeilte, sodass sie erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde? Dieses Finale, dieses presto kann doch nicht fröhlicher sein. Wie sprühend ist dieser Einsatz und wie rein spielen all diese Musiker sowohl leise wo nötig als auch laut wo es sein muss. Und Riccardo Muti ist der lebende Beweis, dass ein Dirigent kein Zirkusartist sein muss und dass ein Orchester auch mit sparsamen Gesten im Zaum gehalten werden kann.
Das Konzert umfasste also mehrere musikalische Zeiträume. Nach Mendelssohn und Glass war da Prokofjev, seine fünfte Symphonie. Massives symphonisches Werk, geschrieben 1944 als der Krieg noch im Gange war und zum ersten Mal aufgeführt als der Sieg nahe war. Das andante ist voller Blechbläser und eine ausgedehnte Schlagzeugsektion, die zusammen spielen mit manchmal düsteren und dann wieder schneidenden Streichern. Weniger schwer, fröhlicher folgt der zweite Teil mit diesem typischen Prokofjev-Idiom eines hämmernden Rhythmus, durch den dann wieder eine lyrische Passage gleitet. Im Finale trabt ein fröhliches Orchester ruhig zu einer dritten Beschleunigung, wo alles in einem donnernden Siegestaumel kulminiert.
Unter lautem Applaus beglückwünscht Riccardo Muti zu Recht alle Pulte und auch die große Gruppe ausgezeichneter Cellisten. Ein verhaltenes Zugabe ist nach all diesem Festgetümmel willkommen. Er wählt das „Intermezzo" aus Manon Lescaut und möchte so seinem Landsmann Puccini Tribut zollen, der vor hundert Jahren hier in Brüssel starb.
WAS: Philip Glass, The Triumph of the Octagon; Felix Mendelssohn-Bartholdy, Symphonie Nr. 4, op. 90 „Italienische"; Sergej Prokofjev, Symphonie Nr. 5, op. 100.
WER: Chicago Symphony Orchestra, u.L.v. Riccardo Muti
WO: Henri Le Boeuf Saal, BOZAR, Brüssel
WANN: Donnerstag, 11. Januar 2024.