„Ich möchte so etwas wie Verdis letzte Oper, etwas Komisches“. Es war unter Freunden in Aix-en-Provence, dass Philippe Boesmans diese Idee einbrachte. Schon bald fiel in ihren Gesprächen der Name Georges Feydeau. Und daraus wurde ein französisches Vaudeville von ihm, „On purge bébé“. Zusammen mit dem Librettisten Richard Brunel machte Boesmans daraus eine beinahe belgisch-musikalische Farce. Wegen seiner Krankheit konnte Boesmans sein letztes Werk jedoch nicht vollenden. Seine Entscheidung, es von seinem früheren Schüler Benoît Mernier fertigstellen zu lassen, war für Boesmans eine selbstverständliche Wahl.
Das Theaterstück von Feydeau enthält drei zentrale Figuren, die den Archetypen der Oper entsprechen: einen Sopran, einen Tenor und einen Bariton – genug für Boesmans, um sich an die Arbeit zu machen und sogleich mit der Orchesterpartitur zu beginnen.
So beginnt die Inszenierung dieser komischen Oper, und sie zeichnet die nüchterne Regie von Richard Brunel aus: eine Dachkammer, in der das Kleine mit dem Kosenamen Bébé sanft erwacht, eine verärgerte Mutter, die nachsieht, ob Bébé bereits sein Abführmittel genommen hat (denn Verstopfung ist in der ganzen Oper das eigentliche Problem), und ein Vater, der schamlos auf der Toilette sitzt. Das liefert genug Verdruss, um das Ehepaar bis zum Schluss streiten zu sehen und zu hören. Es sind eine hektische Jodie Devos (herrliche Stimme) und ein aufbrausender Jean-Sébastien Bou (kräftiger Bariton). Die Eltern sind im Streiten einander ebenbürtig. Doch all das geschieht zu einem unpassenden Zeitpunkt, als der Vater eine Ladung seiner unzerbrechlichen Toilettenschüsseln an einen Kommandanten der französischen Armee (Tenor Denzil Delaere) verkaufen will, der zu Besuch kommt. Natürlich läuft alles schief: Die Schüsseln erweisen sich als nicht unzerbrechlich, das Kleine will sein Abführmittel auf keinen Fall nehmen, und am Ende werden die Falschen abgeführt …
Das alles spielt sich in einem höllischen Rhythmus ab, mit einem Orchester unter der Leitung von Dirigent Bassem Akiki. Er gehört seit Jahren zur „Familie“ der Munt. Denn genau das bietet das Spektakel in Fülle: einen Einblick, wie innig der Komponist Philippe Boesmans Teil dieser „Familie“ war, dieses mehr als professionellen Freundeskreises, dieser wahren „Freunde der Munt“. Es ist eine fröhliche Hommage daran geworden, was eine herrliche Zusammenarbeit unter Freunden für die Oper bedeuten kann. Boesmans schenkte seiner Munt und dem Publikum einen köstlich unterhaltsamen Bébé.
© Jean Louis Fernandez © Jean Louis Fernandez © Jean Louis Fernandez
WAS: On purge Bébé, Oper von Philippe Boesmans, vollendet von Benoît Mernier.
WER: Richard Brunel [Regie], Bassem Akiki [Dirigent], Jean-Sébastien Bou [Bariton], Jodie Devos [Sopran], Denzil Delaere [Tenor] u. a.
WO: De Munt, Brüssel
WANN: 13. Dezember 2022, Uraufführung.