2018 ist für sie bis hierher ein annus mirabilis, und das trotz eines schmerzhaften Sturzes mit dem Fahrrad. Es begann mit der Veröffentlichung ihrer ersten CD. Dann gewann das Trio unerwartet Preise während des Concours International de Musique de Chambre de Lyon. Und im Moment ist das Klaviertrio in Melbourne für einen weiteren Wettbewerb. Reichlich Stoff also für ein gutes Gespräch mit dem belgisch-niederländischen Mosa Trio über die Suche nach dem idealen Instrument, ihre vielen Meisterklassen-Erfahrungen und die Anziehungskraft zeitgenössischer Musik.
Die Tipps zu einigen netten Kartenspielen erhalten Sie am Ende dieses Interviews einfach so obendrauf … Denn das Mosa Trio sind drei Spieldrossel, die nicht nur auf, sondern auch neben der Bühne besonders leidenschaftlich zur Sache kommen können. Das Ensemble mit Bram de Vree an den Tasten, Alexandra Van Beveren auf der Violine und Paul Stavridis auf dem Cello ist ein erfolgreiches Produkt der belgisch-niederländischen Grenzregion. Die drei lernten sich am Konservatorium von Maastricht kennen und nannten sich dann nach der lateinischen Bezeichnung dieser Stadt. 2018 ist für das Mosa Trio bis heute schon ein außergewöhnlich fruchtbares Jahr gewesen. Im Januar erschien bei Antarctica Records die CD Portraits, ihre erste Aufnahme mit neben dem zweiten Klaviertrio von Shostakovich auch zwei neue Werke: Portrait of Light des niederländischen Komponisten Sam Wamper und das Trio opus 2 von „unserem" Mathias Coppens. Anschließend ging es zu einem Wettbewerb in Lyon, wo das Klaviertrio neben dem dritten Preis auch den Publikumspreis, den „Prix Yamaha", an sich riss. Und wenn Sie das lesen, ist das Ensemble bei einem Concours in Australien am Zug, als eines von nur acht Trios, das durch die strenge Vorauswahl kam.
Am Concours International de Musique de Chambre de Lyon nahmen insgesamt 13 Klaviertrios teil. In der Jury saßen bekannte Namen wie Susan Tomes, Pianistin des Florestan Trio, Jean-Marc Phillips-Varjabédian, Violist des Trio Wanderer und die „Königin des Cello" Natalia Gutman. Nach eigenen Aussagen war es ein spannender und anstrengender Wettbewerb. Was machte den Wettbewerb so intensiv? Könnt ihr da den Finger drauflegen?
PAUL STAVRIDIS: Zunächst war es natürlich ein langer Wettbewerb. Das Concours dauerte eine ganze Woche und sorgte dadurch für einen langen Spannungsbogen. Und das spürt man sowohl physisch als auch mental. Man musste viel Repertoire spielen und oft in kurzen Momenten Spitzenleistungen bringen. Denn in einer halben Stunde muss man zeigen, was man kann. Wir hatten auch nicht die ideale Vorbereitung gehabt. Zwei Monate vor dem Wettbewerb bin ich mit dem Fahrrad gestürzt und hatte einen Bruch in meinem kleinen Finger. Das machte die Vorbereitung noch viel stressiger.
ALEXANDRA VAN BEVEREN: Auch emotional ist so ein Wettbewerb eine große Herausforderung. Man muss sich nicht nur für jede Runde aufzuladen, sondern auch für die Momente, in denen man das Ergebnis erfährt. Die ganze Zeit sitzt man also in dieser Spannung. Die ganze Woche schwebt man auf einer Art von Euphorie und sitzt in seiner eigenen Welt.
Wie wichtig ist es für euch, an allerlei Concours teilzunehmen? Und stehen noch andere Wettbewerbe an, oder ist das ein abgeschlossenes Kapitel?
PAUL: Im Juli nehmen wir an einem Wettbewerb in Melbourne teil. Durch die weite Reise wird das natürlich anstrengend. Außerdem müssen wir als allererstes antreten. In diesem Fall war die DVD-Auswahl besonders schwierig. Wir mussten sehr viel und sehr spezifisches Repertoire einschicken. Darin war ein komplettes Werk des 20. Jahrhunderts nach Ravel und Debussy, zwei Sätze von Haydn und ein erstes Satz aus einem romantischen Werk. Um zum Vergleich: für Lyon war dies ein Satz von Beethoven. Der Grund für diese strenge Auswahl ist, dass sie in Australien nur acht Trios einladen, wofür die Organisation auch noch alles bezahlt. Sonst wäre es für Ensembles aus Europa viel schwieriger, teilzunehmen.
ALEXANDRA: Wir freuen uns riesig darauf, auch wenn es wieder viel Vorbereitung erfordert. Glücklicherweise kommen auch Stücke von Lyon zurück, also haben wir die schon sehr gut in den Fingern. Aber natürlich kommt auch ein aufgezwungenes Werk dazu, das speziell für den Wettbewerb geschrieben wurde. Das stellt sich dann als ein Stück von 32 Seiten heraus (Pulses des australischen Komponisten Paul Stanhope, Anm. d. Übers.), das man völlig selbst interpretieren muss. Für den Rest ist das Programm viel freier als in Lyon, wo alles streng vorgegeben war und wir als Abschluss auch das Tripelkonzert von Beethoven spielen mussten. Das hatten wir noch nie gemacht, also war das ungeheuer spannend. Und schwierig, denn das sind wirklich Solistenpartien. Andererseits war dies natürlich auch die Kirsche auf der Torte.
PAUL: Es ist einfach wichtig, dass man an Wettbewerben teilnimmt. Es ist heutzutage DIE Art und Weise, sich als Trio zu profilieren, denn es gibt sehr viele junge UND gute Ensembles. Und daher wollen wir nächstes Jahr auch das Joseph Joachim-Concours und den Wettbewerb in Trondheim machen, die beide auch speziell für Klaviertrios organisiert werden. Das sind Dinge, die wir JETZT tun müssen, denn in ein paar Jahren sind wir zu alt.
Ein zweiter Grund, warum 2018 für das Mosa Trio so ein außergewöhnliches Jahr ist, ist das Erscheinen von Portraits, eurer ersten CD-Aufnahme – schaut euch dazu auch unbedingt das Video unter diesem Artikel an. Auf der CD finden wir neben dem berühmten zweiten Klaviertrio von Shostakovich zwei kürzlich komponierte Werke: Portrait of Light des niederländischen Komponisten Sam Wamper und das Trio opus 2 von Mathias Coppens, beide 2015 geschrieben. Wie würdet ihr diese Stücke charakterisieren?
ALEXANDRA: Das Werk von Sam Wamper ist buchstäblich ein Porträt des Gesichts seines – leider – inzwischen ehemaligen Geliebten. Es ist ein modernes und sehr virtuoses Stück, stellenweise sehr lyrisch, aber auch mit sehr flüchtigen, schnellen Passagen. Ein sehr energetisches Werk also, mit hellen Akkorden und einer starken atonalen Prägung.
PAUL: In dieser Hinsicht kontrastiert es auch stark mit dem Werk von Mathias. Sein Stück ist vollständig tonal, mit Ausnahme eines kurzen Mittelteils. Es ist sehr melodisch und stilistisch eklektisch: ein einzigartiger Stempel, der auf viel mehr von Mathias' Musik zutrifft. Er bedient sich verschiedener Stilperioden und zeigt auf diese Weise, wie vielfältig klassische Musik im 21. Jahrhundert sein kann. Die beiden Werke ergänzen sich also wunderbar.
Hat die Aufnahme euch als Ensemble verändert? Und gibt es möglicherweise bereits Pläne für eine Fortsetzung?
PAUL: Ich denke nicht, dass die Aufnahme uns verändert hat. Die Vorbereitung ist in dieser Hinsicht ähnlich wie die auf einen Wettbewerb. Einer der Gründe, warum wir Wettbewerbe bestreiten – abgesehen davon, dass wir national und international etwas Anerkennung bekommen und Konzerte spielen dürfen – ist, dass wir alle drei das starke Gefühl haben, dass wir dadurch als Trio stärker werden. Denn praktisch keine Note wird nicht besprochen und ihr lernt euch noch besser kennen und verstehen.
ALEXANDRA: Es gab bereits einige Ideen für eine Fortsetzung, weil einer der Preise in Lyon eine Art Partnerschaft mit einer französischen Organisation war, die dich bei einem Projekt unterstützte. Damals spielten wir mit der Idee, zum zehnten Jubiläum zehn Komponisten den Auftrag zu geben, jeweils ein kurzes Stück für uns zu schreiben und das möglicherweise dann aufzunehmen. Aber wirklich ganz konkret ist das noch nicht. Wir spielen beide viel lieber Konzerte, als dass wir eine Aufnahme machen. Das ist unser Kerngeschäft.
Mit dem Gewinn einer ganzen Reihe von Preisen und der Veröffentlichung einer ersten CD ist das Mosa Trio fest etabliert. Dennoch ist das Klaviertrio nicht eure einzige Aktivität als Musiker, denn ihr spielt daneben auch beide in Orchestern. Alexandra, du bist unter anderem aktiv im Nederlands Kamerorkest, im Rotterdams Philharmonisch Orkest und im Antwerp Symphony Orchestra. Paul, du bist als zweiter Solist fest verbunden mit dem Orchestre Philharmonique Royal de Liège. Inwiefern ist das Orchestermilieu und die Arbeit als Kammermusiker anders? Und inwiefern profitiert ihr davon, beide zu kombinieren?
ALEXANDRA: Beides ist natürlich sehr unterschiedlich, ergänzt sich aber gleichzeitig auch enorm. Es ist wunderbar, beide Spielweisen zusammen zu nutzen. Wenn ich in einem großen Orchester sitze, lyricke ich genauso, wie wenn ich Kammermusik spiele. Aber im Trio ist es auch wichtig, dass man manchmal in orchestralen Begriffen denkt, was nicht immer einfach ist. Während Kammermusik sehr solistisch ist, muss man sich in einem Orchester ständig an das anpassen, was um einen herum passiert. Von einem Tag auf den anderen zu wechseln, erfordert tatsächlich ein großes Anpassungsvermögen.
PAUL: In Orchestern ist es natürlich interessant, Woche für Woche mit verschiedenen Dirigenten und Solisten zu arbeiten. Denn die bringen auch jedes Mal ihr Wissen und ihre Erkenntnisse mit sich. Und diese Einflüsse nimmst du natürlich auch ins Triospiel mit. Ich könnte mir ein Leben ohne eines von beiden nicht vorstellen: der gegenseitige Austausch ist eines der schönsten Dinge, die man in unserem Beruf tun kann.
Unbehagen äußern
Auf eurer Website lese ich, dass das Mosa Trio großes Interesse an den Aufführungspraktiken verschiedener Stilperioden zeigt. Wie äußert sich dieses Interesse genau?
PAUL: Der Ausgangspunkt ist ein möglichst breites Repertoire. Wenn wir uns dann zum Beispiel entscheiden, ein Trio von Haydn zu spielen, beschäftigen wir uns damit, welche Aufführungsregeln diesem in der Vergangenheit zugrunde lagen. Eigentlich verfolgen wir denselben Ansatz wie unsere Kollegen der Alten Musik, mit dem einzigen Unterschied, dass wir auf modernen Instrumenten spielen. Es ist sehr wichtig, jede Periode und jeden Stil in seinen zeitlichen Kontext einzuordnen. Man kann Haydn nicht wie Schubert spielen, obwohl beide nur dreißig Jahre auseinander liegen. Beide sind in einer anderen Tradition aufgewachsen. Es ist wichtig, sich das bewusst zu machen.
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Alexandra Van Beveren[/caption]
ALEXANDRA: Es erscheint mir auch so langweilig, alles auf die gleiche Weise zu spielen. Deshalb nehmen wir auch regelmäßig Unterricht. An der European Chamber Music Academy haben wir zum Beispiel sehr oft Unterricht bei Hatto Beyerle gehabt (ehemaliger Bratscher des Alban Berg Quartet, Anm. d. Red.). Das ist wirklich eine Enzyklopädie der Wiener Schule. Wenn man bei ihm Haydn spielt, weiß man wirklich nicht, was einen erwartet. Das sind sehr konfrontierende Lektionen. Alles geht um Taktus, Metrum, Jamben und lateinische Silben: alles, was man über Diktion und Sprache wissen muss. Wenn man diese Dinge nicht weiß, spielt man Haydn ganz anders. Das ist genau das, was wir mit Stilbewusstsein meinen.
Welche Instrumente spielt ihr eigentlich?
ALEXANDRA: Ich habe eine Violine der Flämischen Schule. Es ist eine Gaspar Borbon aus 1690: eine besonders schöne Violine, aber sie hat leider wenig Kraft. Ich bin schon oft damit zu einem Geigenbauer gegangen, um dieses Übel zu beheben, aber es liegt in der Natur des Instruments. Es ist eigentlich kein Instrument, das für den Konzertsaal gemacht ist. Deshalb habe ich jetzt von einem Fonds eine Guiseppe Scarampella aus Anfang des 20. Jahrhunderts in Leihgabe. Das ist eine sehr kraftvolle Violine, die ich beim Wettbewerb in Lyon benutzt habe.
PAUL: Mein Cello ist ein Hilaire Darche aus 1917. Aber daneben benutze ich momentan auch noch ein anderes Instrument. Alexandra war vorige Woche (wir sprachen uns Anfang Mai, Anm. d. Red.) auf Tournee mit dem Rotterdams Philharmonisch Orkest und ich bin ihr nach München gefahren, um sie zu besuchen. Auf der Rückfahrt sind wir beim Geigenbauer Urs Mächler vorbeigekommen. Ich hatte zufällig schon zweimal einen Cellisten mit einem Instrument von ihm spielen hört, und das klang wunderbar. Und so habe ich jetzt ein Cello von ihm zur Probe. Auch Alexandra hat sich übrigens ein Instrument von ihm mitgenommen. Wir schauen uns also auch Neubauten an, denn auf diesem Gebiet erleben wir wirklich eine goldene Zeit. (Inzwischen haben sowohl Alexandra als auch Paul das Instrument von Mächler gekauft und benutzen diese Instrumente beim Wettbewerb in Melbourne, Anm. d. Red.)
Was sind nach eurer Meinung die wichtigsten Qualitäten eines gut eingespielten Klaviertrios?
ALEXANDRA: Das finde ich eine schwierige Frage. Auf jeden Fall brauchst du neben dem Spielaspekt auch den sozialen Aspekt. Es ist so wichtig, dass du gut kommunizierst und auch deine Frustrationen ausdrückst. Sonst würde es wirklich nicht klappen, so intensiv zusammenzuarbeiten. In dieser Hinsicht sind wir als Ensemble sehr niederländisch geworden: Wenn es etwas gibt, das uns nicht gefällt, dann muss das einfach ausgesprochen werden. Zum Glück ist es eine unserer großen Stärken, dass wir so gute Freunde sind. Unsere Qualitäten ergänzen sich auch sehr gut. Ich selbst bin ziemlich impulsiv und spiele sehr gefühlsorientiert. Bram hört dagegen sehr viel zu. Und Paul hat ein bisschen von beiden.
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Paul Stavridis[/caption]
PAUL: Das ist meiner Meinung nach auch der grundlegende Unterschied zwischen einem Klaviertrio und einem Streichquartett. In einem Quartett tust du alles, um ein Spieler zu werden: du wirst das Streichquartett. Bei einem Klaviertrio musst du das manchmal auch sein – ich denke zum Beispiel an den Unisono-Anfang des zweiten Trios von Schubert – aber oft ist es so, dass du jeweils deine eigene solistisch Rolle hast, und also viel mehr als bei einem Quartett drei Individuen bist, die zusammen ein Ensemble bilden. Ich denke, das ist eine unserer Stärken: Wir tun alles, um wie ein Instrument zu klingen, aber bewahren jeweils unsere eigene Stimme im Kapitel, auch wenn wir in diesem solistischen Aspekt sicherlich noch wachsen können, indem wir mehr wagen, unseren Moment zu ergreifen. Ich denke, das sind die zwei wichtigsten Qualitäten eines Klaviertrios: einerseits ein Ensemble zu bilden, aber andererseits auch nicht aus den Augen zu verlieren, dass du drei separate Rollen hast.
Nach Menahem Pressler ist der Pianist der primus inter pares eines Klaviertrios, . Wie erlebt ihr das?
PAUL: Der Punkt ist natürlich, dass wenn du als Pianist in einem Trio tust, was du willst, du die Streicher völlig ruinierst. In dieser Hinsicht denke ich, dass du als Pianist eine sehr wichtige Rolle hast. Denn allein rein akustisch produziert das Klavier die größte Menge an Klang, und das Instrument ist zu einem großen Teil auch verantwortlich für den harmonischen Reichtum. Auch in Bezug auf Dynamik hat das Klavier einen sehr großen Einfluss. Das Klavier ist also sozusagen das Fundament des Ensembles. Aber im Gegensatz zu einem Streichquartett hast du in einem Klaviertrio keinen echten Primarius. So kommt in fast jedem schönen Thema des ersten Trios von Mendelssohn die Melodie zuerst oder nur beim Cello vor. In anderen Werken muss die Violine dann wieder glänzen, während das Trio von Ravel die Allüre eines Klavierkonzerts hat und für den Pianisten sehr schwierig ist. Ich denke also, dass wir Presslers Aussage nicht ganz zustimmen können.
Kaputte Klimaanlage
Erzählt doch von euren Erfahrungen während der Meisterkurse, die ihr bei verschiedenen musikalischen Größen wie Susan Tomes (Florestan Trio), Menahem Pressler (Beaux Arts Trio) und Mark Steinberg (Brentano Quartet) besucht habt?
ALEXANDRA: Die Begegnung mit Pressler war eine öffentliche Masterclass hier im Muziekgebouw von Eindhoven. Natürlich sagt dieser Mann goldene Dinge und so etwas ist wirklich ein Erlebnis, aber es ist auch irgendwie eine One-Man-Show. Man muss sich bewusst sein, dass Pressler dort für dich ist, aber auch für das Publikum. So eine Lektion hat also einen sehr großen Unterhaltungswert. Es gibt daher andere Lektionen in Parijs und anderswo, die für uns wertvoller waren.
PAUL: Die Lektionen mit Mark Steinberg beim Orlando Festival in Kerkrade sind vielleicht unsere besten überhaupt gewesen. Das mag vielleicht seltsam klingen, weil er in einem Streichquartett spielt, aber dieser Mann hat so eine unglaubliche Vorstellungskraft und kann auch perfekt erklären, wie man als Ensemble davon profitiert. Das hatten wir noch nie erlebt. Besonders für uns als Streicher war diese Begegnung unvergesslich, weil er immer in sublimen Begriffen denkt und viele neue Ideen einbrachte. Er ist auch ein unglaublich liebenswerter Mensch. Und das ist nicht selbstverständlich, denn manchmal triffst du auf Menschen, die dich völlig demütigen können.
ALEXANDRA: So erinnere ich mich an eine Masterclass bei einem deutschen Pianisten, der Paul in Schubert mit einer kaputten Klimaanlage verglich. Wenn man bei einem Lehrer merkt, dass es keinen Respekt gibt, dann wirkt so etwas natürlich kontraproduktiv. Von Susan Tomes hatten wir vor einigen Jahren in Londen einmal einen Tag Unterricht. Das war sehr interessant, weil sie musikalisch eine Art Gegenpol zu uns ist. Sie ist jemand, der für viel Klarheit geht, aber gleichzeitig auch sehr direkt und sachlich ist. Von ihr haben wir gelernt, dass wir manchmal zu weit gingen und Dinge aus ihrem Kontext rissen, einfach weil wir sie schön fanden. Aber sie brachte uns zurück zum organisierten Spiel.
Wie verläuft derzeit eure Studienzeit bei Trio Wanderer am Conservatoire à Rayonnement Régional de Paris. Worauf arbeitet ihr genau hin?
PAUL: Auch was Trio Wanderer alles tut und will, ist sicherlich nicht immer unser Geschmack, aber in Bezug auf allgemeine musikalische Ideen lehnen sie sich stärker an das an, was wir sind. Sie lehren uns wirklich die Kniffe des Handwerks, und deshalb freuen wir uns nach drei Jahren immer noch, zum Conservatorium nach Parijs zu gehen. Wenn wir dann nach Hause zurückkommen, spielen wir die Stücke oft ganz anders. Es ist sehr schön, auf diese Weise große Fortschritte machen zu können.
ALEXANDRA: Es ist eigentlich eine ganz unverbindliche Ausbildung. Wir mailen ihnen und teilen mit, dass wir bereit sind, Unterricht zu bekommen. Dann bekommen wir zwei Tage von morgens bis abends Unterricht. Auf diese Weise können wir uns unter optimalen Bedingungen auf einen Wettbewerb vorbereiten. Wir haben immer Unterricht von einem von ihnen einzeln, und es fällt auf, dass sie über das gleiche Stück manchmal das genaue Gegenteil sagen. Aber trotzdem sind sie so ein unglaublich gutes Trio. Die Art, wie sie sich gegenseitig beeinflussen, beeinflussen sie auch uns. Das geht dann von den kleinsten Details und einigen Takten bis zu den großen Linien eines Werkes.
Wie geht ihr beim Studium von neuem Repertoire genau vor, nehmen wir beispielsweise das Pflichtwerk für Melbourne?
PAUL: Zunächst studieren wir jeder für sich die Partitur, um einen Eindruck vom Klangbild zu bekommen, besonders bei einem modernen Werk, das wir noch überhaupt nicht kennen. Dann nehmen wir unser Instrument zur Hand, um ein paar Dinge auszuprobieren, aber es ist nicht so, dass wir die Stücke alle drei perfekt kennen müssen, bevor wir zusammenkommen. Der letzte Schritt ist dann die technische Verfeinerung. Es ist aber mit uns dreien zusammen, dass wir uns das Stück wirklich zu eigen machen. So versuchst du von Anfang an, eine gemeinsame Vision des Stückes zu entwickeln.
ALEXANDRA: Ich freue mich immer auf den Moment, in dem wir zusammensitzen. Denn allein kannst du eigentlich so wenig. Du kannst die Noten spielen, aber erst wenn wir zusammenspielen, nimmt die Musik wirklich Gestalt an. Nach einigen Proben verläuft der Lernprozess auch ganz anders, weil man dann ein viel klareres Bild davon hat, was wir damit erreichen wollen. Erst dann kommt Dynamik ins Spiel.
Suche nach Bestätigung
Das Mosa Trio rühmt sich damit, sich auch in zeitgenössische Musik zu vertiefen. Der belgische Komponist Mathias Coppens schrieb sogar ein Stück speziell für euch. Was fasziniert euch so an dieser neuen Musik?
PAUL: Das Schöne ist, dass man intensiv mit einem Komponisten zusammenarbeiten kann. Das ist sehr bereichernd. Auch beim Aufbau eines Konzertprogramms ist es uns wichtig, dass verschiedene Stile zu Wort kommen, damit der Hörer auch neue Dinge hört und mit anderen Ohren auf die Stücke hört.
ALEXANDRA: Was mir gefällt, ist, dass man auf die eine oder andere Weise weniger an Regeln gebunden ist. Ich fühle mich schnell in eine bestimmte Rolle gezwängt, während man in moderner Musik manchmal ein bisschen weitergehen kann. Denn jede Musik geht in erster Linie ums Herz, und das gilt auch für zeitgenössische Kompositionen wie diese von Sam und Mathias. Und das merken die Menschen. Sie werden davon angezogen und gereizt. Die Reaktion des Publikums ist oft sehr positiv.
Was ist das schönste Kompliment, das das Publikum euch geben kann?
PAUL: Wann kommt ihr wieder? Denn letztendlich spielen wir für das Publikum und nicht für uns selbst.
ALEXANDRA: Ich fand den Moment, als wir vor der Pause im Concertgebouw Amsterdam schon eine stehende Ovation bekamen, ganz wunderbar. Das war während des Releaseconcerts unserer CD. Ich weiß, dass Niederländer schnell aufstehen, aber so vor der Pause hatten wir das noch nie erlebt. Ich war davon beeindruckt. Das Leben eines Musikers ist auch irgendwie eine ständige Suche nach Bestätigung.
Was ist für jeden von euch das Lieblingspianotrío aus dem Repertoire?
PAUL: Wenn ich ein Stück auf eine unbewohnte Insel mitnehmen darf, wähle ich Haydn. Dafür muss ich nicht üben (lacht).
ALEXANDRA: Ravel bewegt mich jedes Mal, besonders den dritten Satz. Es rührt mich jedes Mal, wenn Bram dort einsetzt. Einfach herrlich. Es gibt wenige Trios, die beim Spielen so eine Wirkung haben, einfach weil man eine Welle aus Klang erzeugt und über sich ergießt. Aber das habe ich auch bei dem Finale des zweiten Trios von Schubert.
PAUL: Wenn wir zusammen auf einer unbewohnten Insel sitzen dürfen, kann ich gut damit leben, dass sie sich für Ravel entscheidet und ich für das zweite Trio von Schubert. Dann sind wir beide perfekt glücklich.
Gibt es eigentlich einen Saal oder Ort, an dem ihr gerne (noch) spielen würdet?
PAUL: Der kleine Saal des Concertgebouw Amsterdam oder die Musikverein in Wien: Das sind wirklich wunderbare Säle mit einer großen Geschichte, die dich als Musiker besonders inspirieren. Im Concertgebouw hatten Sinfonien von Mahler Uraufführung und der Komponist dirigierte auch selbst!
ALEXANDRA: Was in BOZAR besonders ist, ist dass sie für Kammermusikkonzerte den Saal umdrehen. Wir sitzen dann mit dem Rücken zum Saal und das Publikum sitzt auf der Bühne. Das ist besonders intim. Darüber hinaus hast du eine gute Akustik, weil du gegen die Orgel spielst.
Noch eine letzte Frage zum Abschluss: das Mosa Trio wird eigentlich von Alexandra, Paul, Bram und einem Stapel Gesellschaftsspiele gebildet. Ich bin selbst auch ein Brettspiel-Fan. Welche Spiele spielt ihr denn so?
PAUL: Wir haben unsere heilige Dreifaltigkeit, und sie sind alle drei Kartenspiele. Das Spiel, das wir am längsten spielen, ist Ligretto. Das ist ein Spiel, bei dem Schnelligkeit sehr wichtig ist und es manchmal sehr heftig zugehen kann. Mit der Zeit fanden wir das Spiel nicht mehr herausfordernd genug, also haben wir ein paar Variationen erdacht. In Lyon spielten wir es jeden Abend. Und Alexandra hat im Rotterdams Philharmonisch Orkest schon viele andere Musiker angesteckt.
ALEXANDRA: Außerdem spielen wir auch Bonanza. Das ist eine Art Tauschhandel, bei dem man Karten tauschen und verhandeln muss. Es ist aber ein gefährliches Spiel, weil es das Schlechteste in uns hervorbringt, besonders bei Bram. Man wird ein bisschen gemein davon und wir sind ziemlich fanatisch.
PAUL: Und das dritte Kartenspiel ist Exploding Kittens. Das ist das erfolgreichste Kartenspiel auf Kickstarter (eine Online-Plattform, auf der Spielemacher Crowdfunding betreiben können, Anm. d. Red.) aller Zeiten. Das Spiel hat tausend Mal mehr eingenommen, als es sich zum Ziel gesetzt hatte.
Klassiek Centraal wünscht dem Mosa Trio in Melbourne viel Erfolg und noch viel Spielfreude, sowohl auf als auch neben der Bühne!
- WAS: Interview mit Alexandra Van Beveren und Paul Stavridis, Geigerin und Cellist des Mosa Trio. Das Trio wird darüber hinaus mit Pianist Bram de Vree ergänzt.
- FOTOGUTSCHRIFT: © The Tintype Studio
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