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les ballets C de la B überbrücken Coronalücke !

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· 9 Min. Lesezeit
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les ballets C de la B überbrücken Coronalücke !

Obwohl Belgien ein kleines Land ist, haben wir in den vergangenen Jahrzehnten weltweit Aufmerksamkeit in der Modewelt erregt mit den Sechs von Antwerpen, die in den 1980er Jahren durchbrachen: Dirk Bikkenbergs, Ann De Meulemeester, Walter Van Beirendonck, Dries Van Noten, Dirk Van Saene und Marina Yee.

Auch auf dem Gebiet des Tanzes war es eine inspirierende und fruchtbare Zeit und es wurden Akzente verschoben mit Béjart und dem Ballet des 20. Jahrhunderts. Jede Generation hat erfrischende Ideen. In seinem Kielwasser traten noch stärkere Erneuerer auf: Anne Teresa De Keersmaeker, Jan Fabre, Wim Vandekeybus, Jan Lauwers und nicht zuletzt Alain Platel mit les ballets C de la B. (vollständig 'les ballets Contemporains de la Belgique'). Jeder dieser Choreografen hat eine andere Ausdrucksweise und doch sind sie auf die eine oder andere Weise verbunden.

Kollektiv

1984 gegründet, erlangte Alain Platel mit seiner Compagnie in kürzester Zeit Weltruhm mit einer eklektischen, beinahe surrealistischen Mischung aus zeitgenössischem Tanz, Texttheater und Musik. Die Sprache als Schmiermittel, um sich näher zu kommen. Um zu imponieren, aber auch Respekt zu fordern. Ursprünglich Orthopädagoge. Als Erzieher beschäftigte ihn das Betrachten des verletzten Menschen ungemein. Als Regisseur und Choreograf Autodidakt. Entitäten, die sein Werk und seine Methodik bestimmten. Dies führte zu einer perfekten Kombination aus Gefühl, Herz und Technik durch die Denk- und Kreativtiefe. Ein Mann, der es wagt, über seinen eigenen Horizont hinauszuschauen, durch Nebelwände und Mauern hindurch. Realitätsfragmente zusammenzusetzen und zu theatralisieren. Sein Werk hat eine breite Spannungsbreite und schöpft Inspiration aus dem großen freudvollen, traurigen Leben, dem Älterwerden, dem Tod. Damit komponiert er Realitätstheater mit einem Hauch von Poesie. Es übersteigt die Oberflächlichkeit und gibt dem Publikum Stoff zum Nachdenken. Im Laufe der Jahre hat sich die Compagnie zu einer künstlerischen Plattform für verschiedene Choreografen entwickelt. Durch die Mischung künstlerischer Visionen, die sich gegenseitig befruchten, lässt sich les ballets C de la B nicht einfach unter einen Nenner bringen.

Brücken bauen

Obwohl die Welt durch das Coronavirus wie zugesperrt ist und die gesamte Tanzszene beinahe zum Stillstand gekommen ist, sprudeln die Ideen weiter. Wie viele andere Kulturorganisationen ist auch bei les ballets C de la B das Bedürfnis groß, wieder Kontakt mit dem Publikum aufzunehmen, physisch weit entfernt – mental nah. Wie kann man die Leere überbrücken? Wenn vorerst nicht auf der Bühne, so sucht Alain Platel, seit langem der Inspirator, alternative Wege und antizipiert die Sackgasse mit einer Ausstellung über die Geschichte seiner Compagnie. Bei 'ballets' denken wir sofort an zarten und grazilen Tanz. Als Orthopädagoge wurde Alain Platel fasziniert von der spezifischen Eigenheit jedes Körpers. Er offenbart das Schöne im Unvollkommenen, wählt hölzerne Bewegungen, Konvulsionen. Er drückte es in einem Interview folgendermaßen aus: "Ich habe Sinn für Anmut, aber es ist etwas Zerbrochenes daran. Etwas, das nicht ganz stimmt. Vielleicht kann man es 'plump graziös' nennen." Ein Künstler, der aus persönlicher Leidenschaft mit einer einzigartigen Bildsprache, einem Bombardement von Visionen, Geschmäckern und Absichten, einen Stein in dem grenzenlosen Fluss des Lebens verrückte. Seine 'Kunstsprache' ist wie eine langgestreckte Metapher, die nie die Verbindung zur sozialen Realität verliert.

Rückblick

Um 35 Jahre Arbeit abzubilden, holte Platel den Ausstellungsmacher und Kurator Pierre Muylle an Bord, einen bekannten Namen in Kunstkreisen. Wir befragen ihn, wie es ihm gelingt, zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu reflektieren und Verbindungen zu suchen. Er hat dabei natürlich wunderbares Material zur Verfügung von zahlreichen bahnbrechenden Produktionen. Alles geschieht im Arbeitsraum von les ballets C de la B, einem Ort als Assoziation einer sich verändernden Welt.

Interview mit Kurator Pierre Muylle

-Als Künstler hat Alain Platel viele Barrieren und Tabus durchbrochen. Durch die Konfrontation Menschen zum Atemholen bringen und auch tief bewegt. Es ist eine große Herausforderung, das in eine Ausstellung umzusetzen.

Die Einladung von les ballets kam in einer Zeit, in der noch geprobt werden konnte, aber es gab einen großen Mangel: nicht vor dem Publikum auftreten zu können. Sie haben sich gefragt, was können wir tun, um diese Verbindung dennoch wiederherzustellen und zu verstärken? Dann haben sie mich kontaktiert, um sie in diesem Prozess zu begleiten und eine Ausstellung zu machen. Sehr schnell haben wir in der Gruppe angefangen zu überlegen. Es ist wirklich eine kollektive Angelegenheit.

-Tanz ist fließend, Emotionen, die physisch Gestalt annehmen. Bei einer Ausstellung überwiegt das Statische. Wie verarbeiten Sie diese Dualität?

Indem wir einerseits, losgelöst vom Medium, danach suchen, was darunter liegt. Welche Themen oder Inhalte das Ganze tragen. Indem wir nach Berührungspunkten suchen. Andererseits in der Art und Weise, wie wir die Ausstellung konzipiert haben. Wir haben wirklich darauf geachtet, nicht nur an statische Objekte oder Kunstwerke zu denken, sondern zum Beispiel auch an die Einbeziehung von Live-Events. Die Begegnungen sind so wichtig in Alain Platels Arbeit und machen einen wichtigen Teil der Ausstellung aus.

-Den Raum vibrieren lassen.

Wörtlich und im übertragenen Sinne. Es gibt die 'Gefährten', das sind die Menschen, die auf die eine oder andere Weise eine Rolle in les ballets C de la B gespielt haben. Wir haben sie eingeladen, um in der Ausstellung selbst das Publikum zu treffen und ihre einzigartige Geschichte zu erzählen. Diese Erzählungen sind ein integraler Bestandteil des Konzepts.

-Können Sie da ein paar Namen draufkleben?

Das sind sowohl Menschen, die als Tänzer, Dramaturg, Musiker oder Techniker an einer Produktion mitgewirkt haben. An einem Tag kannst du zum Beispiel mit Wim Opbroeck sprechen, am nächsten Tag mit jemandem anderem, den die breite Öffentlichkeit wahrscheinlich nicht kennt, weil dieser hinter den Kulissen tätig war, aber deshalb nicht weniger interessant. Die Gesellen wechseln täglich.

-Die Philosophin Patricia De Martelaere hatte ein kurzes Leben, aber ihre Botschaft lautete: „Plücke den Tag, nicht nur wenn er eine Rose ist. Auch wenn er eine Distel ist." Darin steckt so ziemlich das Gesamtwerk von Alain Platel. Die Schönheit in der Unvollkommenheit erfassen.

Das ist genau das, was ich eben versucht habe zu verdeutlichen, nach den Beweggründen, dem Antrieb von Alain Platel zu suchen. Die Relevanz von Themen wie: die Angst und Unsicherheit dieser Zeit, das Individuum versus das Kollektiv. Das sind Linien, die auch in der Ausstellung sichtbar sein werden. Oft steckt Poesie in ganz banalen Dingen, aber genau deshalb sind sie sehr menschlich und universell.

-Sie suchen als Kurator nach dem richtigen Gleichgewicht.

Für mich war es eine ganz neue und angenehme Herausforderung, weil es ein ständiges Suchen war und Feedback von der Gruppe erhielt. Als Kurator arbeitet man meist individuell. Erst später, durch Kommunikation und hier und da Feineisen, realisierst du eine Ausstellung. Hier war es von Anfang an eine Procreation mit der Gruppe. Es war eine besondere Erfahrung.

-Alain Platel arbeitet mit geschulten Schauspielern, Tänzern, Musikern, Sängern… aber genauso mit Untrainierten, Kindern und Erwachsenen, Menschen aus allen Kulturen und Bevölkerungsschichten. Sie verbinden, indem Sie andere Künstler hinzuziehen.

Ja, ich habe allerlei Künstler vorgeschlagen, von denen ich dachte, dass sie mit der Arbeit von les balles C de la B resoniert. Es ist im Verlauf der Ausstellung verflochten. Ein wichtiger Teil der Ausstellung ist auch der zentrale Gang oben, wo Alain Platel selbst ein Werk gemacht hat. Es ist zu einer großen Collage geworden mit sowohl Zeichnungen bekannter Menschen und Künstler, die seinen Weg kreuzten, aber genauso Zeichnungen und Objekte, die ihm von Menschen geschenkt wurden und auf diese spezifische Weise auf eine Aufführung reagierten. Für ihn sind diese einzeln gleichwertig. Deshalb hat er sie alle zusammen in eine Installation verarbeitet, beeindruckend anzusehen.

-Was finden Sie am besten an seiner Arbeit?

Seine Aufführungen haben mich immer durch die Menschenliebe und Clemenz berührt. Ich konnte auch seine Regiebücher einsehen. Neunzig Prozent handeln nicht von Tanz, Bühne oder Beleuchtung. All diese formalen Aspekte, sondern vor allem von Begegnungen mit Menschen, von den vielen Reaktionen auf seine Arbeit. Seine Verbundenheit mit der Welt und mit sehr vielen Menschen und Situationen, um die er sich sehr sorgt, machen ihn zu jemandem, den man bewundern kann.

-Menschen sehen nie dasselbe. Jeder antizipiert aus seiner Erziehung heraus und nimmt war aus verschiedenen Standpunkten und verschiedenen Hirnimpulsen.

Jeder hat einen anderen Rucksack und Gepäck. Das Erleben einer Tanzaufführung, eines Konzerts oder eines Ausstellungsbesuchs ist für jedes Individuum anders und unersetzbar. Wir müssen die breite Palette von Kulturveranstaltungen jetzt großtenteils entbehren. Die Menschen sehnen sich nach diesem Sauerstoff für Geist und Herz. Ein Individuum wird, wie du sagst, ein Kulturereignis nie auf die gleiche Weise erleben wie die Person neben ihm. Das Erleben, die Erfassung ist mit vielen Faktoren verbunden. Selbst deine Laune, deine Einstellung an diesem Tag wird das Erleben färben. Auch bei dieser Ausstellung ''WHO WANTS TO DANCE WITH ME' wird jeder das, was er/sie zu sehen bekommt, anders interpretieren. Jeder Besuch wird auf jeden Fall unterschiedlich sein, weil jeden Tag andere Gäste/Gesellen Präsenz zeigen werden. Von einigen Aufführungen von les ballets C de la B wurde das Bühnenbild ganz neu zusammengesetzt. Es findet keine Aufführung statt, aber es geschieht trotzdem etwas Besonderes. Ich werde nicht alles verraten! Komm vorbei und höre zu.


  • WAS: Ausstellung les ballets C de la B 'WHO WANTS TO DANCE WITH ME' i.s.m. STAM
  • INTERVIEW: Pierre Muylle
  • WO & WANN: Gent – vom 1. bis 29. Mai
  • FOTOS: Porträt Pierre Muylle © Sofie De Backere; Kunstwerk 'Nachtlicht' von Bendt Eyckermans © Courtesy Gallery Sofie Van de Velde; Promotionsbild 1 für die Ausstellung 'Who wants to dance with © Kurt Van der Elst; Promotionsbild 2 für die Ausstellung 'Who wants to dance with me' © Tessa Daluwein

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