Es gibt Dirigenten, bei denen eine Aufnahme vor allem ein Dokument ist, und es gibt Dirigenten, bei denen eine Aufnahme auch Jahrzehnte später noch etwas von ihrer Persönlichkeit offenbart. Seiji Ozawa, der 2024 starb, gehört im Prinzip zu dieser zweiten Kategorie: technisch präzise, breit im Repertoire, mit einem Dirigierstil, in dem äußere Eleganz und innere Intensität dicht beieinander lagen. Dass er das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) in seiner ganzen Karriere nur zweimal dirigierte, macht diese Veröffentlichung der Konzerte vom 17. und 18. Januar 1990 – nun erstmals auf CD – sofort interessant. Das CD-Booklet spricht sogar von einem unvergesslichen Konzert. Das will ich gerne glauben, denn Ozawas Konzerte hatten durchaus etwas Besonderes. Nur: auf dieser CD kommt das unzureichend zum Ausdruck.
Das Programm ist wie ein kleines historisches Triptychon aufgebaut: Ludwig van Beethoven (1770-1827), Richard Strauss (1864-1949), und dazwischen der Dirigent, der beide Welten verbindet. Beethovens Fünfte ist das Werk, in dem spätere Generationen einen heroischen Kampf gegen das Schicksal zu erkennen glaubten; Strauss suchte mit Ein Heldenleben bewusst Anschluss an eben diese Beethovensche Tradition. Schön als Konzertprogramm erdacht. Nur hält die Aufführung dieses Versprechen nicht ein.
Schön, aber zu zahm
Die bekannte Geschichte vom Schicksal, das an die Tür klopft, wird Beethoven von Anton Schindler zugeschrieben und ist historisch fragwürdig – E. T. A. Hoffmann hatte in seiner berühmten Besprechung von 1810 überhaupt nicht vom Schicksal gesprochen, sondern von einer Musik, die den Hörer aus der Finsternis ins Unermessliche führt. Man würde also erwarten, dass ein Dirigent, der dieses Klischee zu vermeiden weiß, etwas Spannenderes an seine Stelle setzt. Bei Ozawa geschieht das leider nicht.
Die Anfangsnoten klingen etwas schwerfällig, eher ein Ansatz als ein Schlag. Danach wird das Ganze zwar dynamischer, aber alles bleibt so dosiert, dass das Drama nirgendwo wirklich ausbricht. Das Orchester spielt schön – die Architektur ist klar, der Streicherklang im Andante ist warm – aber man sitzt nirgendwo auf der Kante des Stuhles. Selbst den Übergang zwischen dem dritten und vierten Satz, doch das Scharnier der ganzen Symphonie, die Stelle, an der die Musik vom Dunklen ins Helle umschlagen sollte, wage ich sogar langweilig zu nennen.
Das ist schade, denn das Orchesterspiel an sich ist schön. Aber eine Fünfte ohne diese unvermeidliche Spannung ist für mich keine Aufführung, die es verdient, veröffentlicht zu werden. Ich vermute, dass sich in den Archiven des BR spannendere Abende mit diesem Orchester finden lassen – dieser hätte meiner Meinung nach nicht dabei sein sollen.
Besser, aber ohne Feuerwerk
Ein Heldenleben klingt wesentlich überzeugender, wobei das auch logisch ist: Strauss verfügt über einen gigantischen Orchesterapparat, mit dem er malen, vergrößern und sich selbst parodieren kann, und dieser Orchesterreichtum liegt dem BRSO offensichtlich gut in den Händen. Der Klang ist beeindruckend, die Violinsoli des Konzertmeisters Ernő Sebestyén in Des Helden Gefährtin sind wirklich herrlich: elegant, mit gerade genug Eigensinn, um das Porträt von „des Helden Geselsin" eine echte Persönlichkeit zu geben.
Doch auch hier bleibt das Feuer aus. Alles klingt schön, aber es berührt selten wirklich. Ozawa hält das Gleichgewicht zwischen Detail und Masse geschickt im Lot, aber wo Karajan oder Kempe dich mitreißen, bleibt diese Aufführung zu beherrscht, zu wohlgesittet. Und wer gerade dieses Orchester mit Ein Heldenleben ins Haus holen will, kauft besser einfach die Aufführung desselben Orchesters mit Mariss Jansons.
Eine Enttäuschung
Das ist eine Aufnahme, von der ich viel erwartet hatte, vielleicht zu viel: Ozawa, dieses Orchester, dieses Programm. Das Orchesterspiel ist schön, die Geluidsrestaurierung von BR-KLASSIK ist sorgfältig, und als historisches Dokument hat diese CD Wert für diejenigen, die Ozawas Karriere oder die Geschichte des BRSO dokumentieren wollen. Aber wer auf der Suche nach einer Fünften oder einem Heldenleben ist, der dich mitreißt, findet diese hier nicht.
Nicht alles, was einmal ein unvergessliches Konzert war, sollte auch eine unvergessliche CD werden.