Der Verband der Belgischen Musikpresse verlieh am 15. April 2021 die Caecilia-Preise. Diesmal ohne festliche Zeremonie wegen der Coronaproblematik. Dies wird die Freude der Preisträger nicht schmälern. Wir geben Ihnen hier einen vollständigen Überblick mit den Jurybewertungen.
CD & DVD
- Carlo Gesualdo da Venosa
Tenebrae
Graindelavoix, Björn Schmelzer
Glossa
Trauer und Reue: Wenige waren so geprägt davon wie Carlo Gesualdo, Fürst von Venosa und Neffe des heiligen Carolus Borromeus. Reue über seine Verbrechen (die „Ehrenmorde" an seiner Frau und deren Liebhaber), Trauer über den Tod seiner beiden Kinder: Es scheint sich in seiner an die Grenzen anschmiegenden Polyphonie widerzuspiegeln. Aber vielleicht war es grenzenlose Leidenschaft, die die Grundlage seines moralischen und musikalischen Extremismus war. Wenige haben in Gesualdos Responsoria für die Karwoche seinen verknoteten Geist so roh und gleichzeitig mitleidsvoll Klang gegeben wie Björn Schmelzers wundersames Ensemble Graindelavoix in ihrer neuen Aufnahme. Mehr als drei Stunden Trauer und Reue. (Stephan Moens)
- Andreas Hammerschmidt
Ah Jesus stirbt
Vox Luminis, Lionel Meunier
Ricercar
Während und nach dem Dreißigjährigen Krieg brachte die deutsche protestantische Kirchenmusik (oft herablassend als „vor Bach" bezeichnet) wunderbar ergreifende Werke hervor. Von Schütz kennen wir prächtige Beispiele. Fügen Sie nun ruhig Andreas Hammerschmidt hinzu. Die Auswahl, die Lionel Meunier aus dessen umfangreichem Oeuvre getroffen hat, konzentriert sich zu Recht auf Werke für die Passions- und Osterzeit. Dort findet man ergreifendste, eindringlichste Musik. Solisten, Chor und Orchester konzentrieren sich gleichermaßen auf Ausdruck und Inbrunst. (Stephan Moens)
- Georg Friedrich Haendel
Agrippina
Joyce DiDonato, Franco Fagioli, Jakub Józef Orliński, Marie-Nicole Lemieux, Elsa Benoit, Luca Pisaroni, Andrea Mastroni, Carlo Vistoli, Biagio Pizzuti, Il Pomo D'oro, Maxim Emelyanychev
Erato
Es wurde schon oft gesagt: Händels Opern gehören in die Hände der allergrößten Sänger und von Dirigenten mit unbändigem Dramatiksinn. Das gilt besonders für Agrippina, die dank des liberalen Klimas von Venedig vielleicht die satirischste und witzigste Oper des genialen Sachsen ist. Und dann sitzt du mit Joyce DiDonato in der Titelrolle und Maxim Emelyanytchev am Cembalo dirigierend fest. Joyce dominiert, aber der Rest des Ensembles – u.a. ein fulminanter Franco Fagioli als Nero – bleibt kaum hinter ihr zurück (Stephan Moens)
- Louis Adam, Ludwig van Beethoven, Daniel Steibelt
Beethoven and his French piano
Tom Beghin
Evil Penguin
Was, wenn Beethoven nach Paris gezogen wäre? Was, wenn er sein Erard-Klavier nicht in Wien umbauen (und vermasseln) lassen hätte? Was, wenn er seine Appassionata noch auf diesem Klavier im Originalzustand hätte komponieren können? Solche und viele andere Fragen tauchten in Tom Beghins neuesten Projekt auf. Dafür ließ er das betreffende Klavier von Chris Maene nachbauen, um darauf die Waldstein, die Appassionata und die verspielte Sonate op. 54 zu spielen. Beghin führt uns an französischen Beispielen (Louis Adam und Daniel Steibelt) vorbei zu den Entdeckungen, Problemen und Frustrationen, denen Beethoven bei seiner Arbeit an diesem Klavier begegnete, und seinen Versuchen, eine Antwort auf die französischen Virtuosen zu geben. Zu den CDs gehören ausführliche Essays und Zugang zu Vorträgen und Dokumentationen im Internet. Dies ist das Schulbeispiel dafür, was eine CD in Zukunft noch bedeuten kann, und darüber hinaus eine, die vollständig von Belgiern und mit belgischen Mitteln gemacht wurde. (Stephan Moens)
- Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Wolfgang Rihm
Vanitas
Georg Nigl
Olga Pashchenko
Alpha
Georg Nigl weiß uns immer wieder zu überraschen und zu rühren, sowohl durch seinen Einsatz in Opernproduktionen als auch auf dieser „Vanitas"-CD. Alles begann mit Vermischter Traum, einem Zyklus von sieben Liedern, die Wolfgang Rihm 2017 für den Bariton schrieb. Nigl rührt uns durch seine Kunst, auf immer natürlichere, glaubwürdigere und intimere Weise zu singen. Auch wenn er pianissimo singt, deklamiert er – oder vielmehr: er lebt – jeden Satz, jedes Wort sogar. Dabei ist seine Timbre einzigartig. Mit Beethovens An die ferne Geliebte hört Nigl hier ebenfalls einen zweiten Zyklus, sowie eine Auswahl von Schubert-Liedern mit populären Nummern wie Die Forelle oder Raritäten wie Das Zügenglöcklein. Pianistin Olga Pashchenko wählte hier zu Recht eine Kopie eines Graf-Fortepianos von 1819. Diese Aufnahme zeigt überzeugend, dass das Lied sowohl im Konzertsaal als auch auf CD noch eine schöne Zukunft hat. (Hans Reul)
- Robert Schumann
Stille Liebe
Samuel Hasselhorn, Joseph Middleton Harmonia Mundi
Der junge deutsche Bariton -an seiner Seite der fehlerfrei spielende Pianist Joseph Middleton, den er während des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs 2018 kennengelernt hat, als der Sänger den ersten Preis erhielt- sorgt für eine hervorragende Ersteinspielung. Er wählte wenig bekannte Lieder, bei denen er ein selten gehörtes Gleichgewicht -so wichtig in diesem Repertoire- zwischen bedingungslosem Einsatz und einer Form der Selbstverleugnung unter Beweis stellt. Wunderbare Stimme, klare und ausdrucksvolle Diktion, sichere Technik. Hasselhorn beschließt die Aufnahme mit einer prächtigen Version der Fünf Lieder, in denen sowohl Poesie als auch Leidenschaft zu finden sind. (Martine D. Mergeay)
- Béla Bartók, Johannes Brahms, Franz Liszt
Alexandre Kantorow
BIS
Vier Jugendwerke, die fast wie ein einziges Opus klingen! Zwei legendäre Rhapsodien -von Brahms und Liszt- rahmen die Zweite Sonate (eigentlich die erste) des 21-jährigen Brahms ein, die brillante und selten aufgeführte Rhapsodie Nr. 1 des deutlich von Liszt inspirierten 23-jährigen Bartók. Die Ausführung des jungen französischen Pianisten besticht durch einen natürlichen und organischen Aufbau, wobei die Musik wie ein Epos erklingt und Virtuosität zu reiner Schönheit wird. (Martine D. Mergeay)
DVD
- Ambroise Thomas
Hamlet
Stéphane Degout, Sabine Devieilhe, Laurent Alvaro, Sylvie Brunet-Grupposo, Les éléments, Orchestre des Champs-Élysées, Louis Langrée
Naxos
Was für ein beeindruckendes Spektakel! Diese Produktion der Pariser Opéra-Comique wird diesem selten gezeigten Werk von Ambroise Thomas vollständig gerecht. Die musikalische Leitung liegt in den sehr fähigen Händen des ehemaligen OPRL-Chefs Louis Langrée und die Rollen sind glänzend besetzt, mit u.a. Stéphane Degout als Hamlet und Sabine Devieilhe als Ophélia. Jeder verdient hier ein Lob für die fehlerfreie Diktion, perfekte Phrasierung und Musikalität, sowie überzeugtes Schauspiel. Die Inszenierung von Cyril Teste ist äußerst fesselnd. Der Regisseur zeigt eine durchdachte und wohlüberlegte Modernität und schafft es, Musik, Theater und Kino perfekt zu kombinieren. Das szenische Geschehen mit Verwendung von Videos -Theater im Theater- wird auf dieser DVD perfekt wiedergegeben, was eher selten ist. (Hans Reul)
- Arnold Schoenberg, Anton Webern, Alexander von Zemlinsky
The Mathilde album
Quatuor Arod
Elsa Dreisig
Erato
Eigentlich spielt es keine Rolle, ob wir die Existenz dieser beiden wunderschönen Streichquartette wirklich Mathilde, der Schwester von Zemlinsky und Ehefrau von Schönberg (der wiederum der Lehrer von Webern war, dessen Langsamer Satz das Programm eröffnet), zu verdanken haben. Das Quatuor Arod zeichnet hier für Aufführungen der obersten Liga verantwortlich. Es trifft stets den richtigen Ton, sowohl in der zugespitzten späten Romantik eines Schönberg, der sich auf den Weg der Atonalität wagt (mit einem wunderschönen Beitrag der Sopranistin Elsa Dreisig) als auch in dem langen und üppigen Werk von Zemlinsky, Schönbergs Schwager und Lehrer. (Patrice Lieberman)
- Gérard Grisey, Joseph Haydn, Luigi Nono
La Passione
Barbara Hannigan
Ludwig Orchestra
Alpha
Die Kunst von Barbara Hannigan steht mit beiden Beinen in unserer Zeit und verleiht jedem Werk, dem sie sich widmet, aktuelle Akzente. Sie holt Haydn aus dem Staub hervor und – im Gegensatz zu so vielen Interpreten – macht ihn wieder modern. Auf diese Weise werden Verbindungen zwischen den heftigen Kontrasten der 'Sturm und Drang'-Symphonien, den scharfsinnigen Manifesten von Luigi Nono und der nackten Ergriffenheit eines Gérard Grisey gezogen. Unter der Leitung der kanadischen Dirigentin und Sopranistin verleiht das Ludwig Orchestra (das dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert) Haydns Symphonie 'La Passione' Hob I:49, Nonos Djamila Boupacha und Griseys Quatre chants pour franchir le seuil eine selten gesehene Leidenschaft. (Olivier Vrins)
PRIX SNEPVANGERSPRIJS
Für eine ausgezeichnete belgische Produktion
- Bernard Foccroulle
E vidi quattro stelle
InAlto
Fuga Libera
Für diesen Auftrag von Bozar und Ars Musica anlässlich der Inbetriebnahme der nunmehr so beschädigten Orgel der Brüsseler Halle holte sich der Komponist für dieses wahrlich ungewöhnliche Werk (Oratorium? Kantate?) seine Inspiration aus Dantes Fegefeuer, aus dem er die gesungenen Texte sorgfältig auswählte. Das Werk besticht durch eine verfeinerte, gereinigte und zeitlose Schreibweise, die sowohl auf die Gegenwart als auch auf die Vergangenheit (u.a. durch die Verwendung authentischer Instrumente) verweist und die beim Hörer eine reale, aber gedämpfte Emotion hervorruft. Bernard Foccroulle zeigt hier sein Können als Klang-Alchemist. (Patrice Lieberman)
SPEZIALPREIS DER JURY
- André De Groote
Ludwig van Beethoven
Intégrale
des Sonates pour piano Et'cetera
Um das Beethovenjahr in Schönheit abzuschließen, konnte es kein schöneres Bindeglied zwischen zwei Lebensgeschichten geben als die Neuausgabe dieser Gesamtaufführung der Sonaten durch unseren Landsmann André De Groote (der 2020 immerhin seinen 80. Geburtstag feiern durfte). Diese Version erschien bereits 2000 beim Plattenlabel Naxos. Es handelt sich um Aufnahmen, die zwischen 1995 und 1998 im Konservatorium von Brüssel gemacht wurden und denen eine weitere Gesamtaufführung vorausging, als André De Groote 1993 an einem mythischen Ort – dem Beethoven-Haus in Bonn – diese Sonaten zum Besten gab. Wir hören hier die reiche, authentische, kultivierte Verbindung, die zwischen Komponist und Interpret besteht, und die sich in einer außergewöhnlichen und ungekünstelt meisterhaften Leistung übersetzt. Eine wunderbare Gelegenheit, einen der großen Pianisten des 20. Jahrhunderts wiederzuentdecken. (Martine D. Mergeay)
PREIS ALBERT DE SUTTER / HISTORISCHE AUFNAHME
- Masters of the German Baroque
Ricercar
Das Plattenlabel Ricercar feiert sein vierzigjähriges Jubiläum mit einer außergewöhnlichen Veröffentlichung. Seit 1980 ist Jérôme Lejeune dabei, Repertoire zu (wieder)entdecken. In den Anfangsjahren von Ricercar veröffentlichte er auch Aufnahmen zeitgenössischer Musik, aber seine Neugier auf und besonders seine Liebe zur Alten Musik gewannen die Oberhand. Es ist vor allem die deutsche Barockmusik, die ihn faszinierte, weshalb er nach zu Unrecht vergessenen Werken suchte oder sich dafür entschied, bekannte Meisterwerke in neuen und vorbildlichen Aufführungen aufzunehmen. Masters of the German Baroque umfasst 31 Platten, gut 40 Stunden Musik. Wir hören hier natürlich die Musiker, die dem Ricercar-Abenteuer ihren Stempel aufgedrückt haben, angefangen bei Max van Egmond und dem treuen Freund Bernard Foccroulle bis hin zu Vox Luminis. Eine äußerst verdienstvollen Sammlung und ein wohlverdienter Sonderpreis für die bemerkenswerte Arbeit des Herausgebers. (Hans Reul)
PREIS DES JUNGEN MUSIKERS DES JAHRES
Der Preis des Jungen Musikers des Jahres wird abwechselnd an einen niederländischsprachigen und einen französischsprachigen oder deutschsprachigen Musiker vergeben.
Traverso, Cembalo, künstlerischer Direktor Ensemble Musica Gloria
Junger Musiker des Jahres 2020 - Beniamino Paganini (von Roger Creyf)
Preisträger des Verbandes der Belgischen Musikpresse
Es war für den Verband der Belgischen Musikpresse nicht einfach, die Cecilia-Preise für das Pandemie-Jahr 2020 zu vergeben. Das ging, wie so vieles, über Zoom-Sitzungen und viel Mailverkehr.
Auf der Grundlage der jährlichen Auswahl durch die Mitglieder und dem anschließenden Urteil einer Jury werden die Cecilias an die besten CD-Aufnahmen vergeben. Und es wird auch jedes Mal ein Preis an einen „Jungen Musiker des Jahres" vergeben, abwechselnd für einen Musiker aus der niederländischsprachigen Gemeinschaft und der französischsprachigen. Aufgrund von Corona kann die offizielle Vergabe erst im Herbst stattfinden.
Für 2020 ist das der 26-jährige Beniamino Paganini geworden. Er ist künstlerischer Leiter des Ensembles Musica Gloria und vor allem selbst Traverso-Spieler und Cembalospieler. Andere Kandidaten waren der Oboeist Nele Vertommen (der übrigens auch bei Musica Gloria spielt) und die Sopranistinnen Annelies Van Gramberen und Deborah Cachet.
Als ich noch Musikgeschichte am Konservatorium von Brügge bei Cellist Arne Deforce studierte, kam regelmäßig ein sehr kluger Junge zum Zuhören. Während dieser Lektionen warfen die Lehrer häufig Fragen an die Gruppe, und bevor einer dieser erwachsenen Schüler reagieren konnte, kamen die treffenden Bemerkungen und witzigen Antworten meistens von diesem jungen Teenager: Er war damals 15.
Einmal nach dem Unterricht teilte er Einladungen zu einem Weihnachtskonzert aus, das er mit seinen jungen Freunden in einer kleinen Kirche in der Nähe von Brügge organisierte. So ein jugendliches Talent muss ich in die Nachrichten bringen, dachte der Fernsehjournalist in mir. Das ist leider nicht geglückt, weil es am Tag dieses Weihnachtskonzerts einen so heftigen Schneefall gab, dass die Kameracrews anderswo eingesetzt werden mussten. Eine verpasste Chance? Aber nein, Talent manifestiert sich immer, auch ohne die Medien.
Unser Junger Musiker des Jahres ist inzwischen 26 und wollte unbedingt schon im ersten Studienjahr Musiktheorie studieren. Und mit 12 Jahren organisierte er bereits mit musikalischen Freunden „Weihnachtskonzerte im Barockstil", bereits unter dem Namen Musica Gloria, das Ensemble, das er jetzt künstlerisch leitet. Barockmusik war von Anfang an seine Leidenschaft. Daher auch die Wahl für den warmen Klang der Traverso, aber das Cembalo beherrscht er gleichwertig. Er erwarb seine Masterdiplome für Traverso (2016), Cembalo (2017), Maestro al Cembalo (2019) und Bachelordiplom Musikwissenschaft (2018), alles mit großer Auszeichnung. Und tritt auch regelmäßig auf (Konzerte und Aufnahmen) mit anderen Ensembles wie Il Gardellino (Jan De Winne und Marcel Ponseele), Scherzi Musicali (Nicolas Achten), B'Rock und La Petite Bande (Sigiswald Kuijken). Und wir konnten ihn auch schon auf dem „Corona-Fernsehkanal" Podium 19 sehen und bei De Twintigers von Klara hören. Der preisgekrönte „Junge Musiker" bekommt ein Konzert geschenkt in BOZAR am 3. Oktober 2021, in der Reihe „Rising Stars".
ZUSAMMENSETZUNG DER JURY
Roger Creyf, Klassiek Centraal
Patrice Lieberman, Vorsitzender des Verbandes der Belgischen Musikpresse, Crescendo
Martine D. Mergeay, La Libre Belgique, Musiq3
Stephan Moens, De Morgen
Hans Reul, BRF
Olivier Vrins, Crescendo













