Es gibt Komponisten, die man erst kennenlernt, wenn man eine CD wie Concert pour Paris auflegt. Alessandro Besozzi und sein Sohn Carlo waren für mich solche Entdeckungen. Die Oboistin Céline Moinet spielt zusammen mit dem Folkwang Kammerorchester Essen unter der Leitung von Reinhard Goebel fünf Konzerte des 18. Jahrhunderts von den beiden Besozzi, Jean-Marie Leclair und Franz Xaver Richter. Es sind Werke, denen man auf Konzertprogrammen nur selten begegnet. Vor allem die Besozzi machen neugierig auf mehr: Ihre Konzerte sind verfeinert, verspielt und voller Leben und lassen erkennen, welche Möglichkeiten die Oboe in dieser Zeit bereits bot.
Eine Pariser Begegnung
Der Titel der CD verweist auf den Aufenthalt von Alessandro Besozzi (1702–1793) in Paris. 1735 trat er dort zusammen mit seinem Bruder, dem Fagottisten Paolo Girolamo, auf. Die Brüder wurden gut bezahlt, auch wenn die Oboe als Soloinstrument beim französischen Publikum nicht wirklich ankam. Fast drei Jahrhunderte später erhält diese Musik endlich die Aufmerksamkeit, die sie verdient.
Das Album eröffnet mit Alessandro Besozzis Oboenkonzert in G-Dur. Schon im ersten Satz fällt auf, wie leichtfüßig sich die Musik entfaltet. Die Oboe kann sich in virtuosen Passagen zeigen, doch die Solostimme steht nicht ständig im Vordergrund. Im zweiten Satz geschieht etwas Besonderes: Wenn Moinet ihre Melodie einsetzt, scheint sie fast von selbst aus dem Orchester aufzusteigen. Die Begleitung trägt die Melodie, ohne sie zu überdecken, wodurch die Musik einen stillen, beinahe himmlischen Charakter erhält.
Moinet sucht den Ausdruck nicht in großen Gesten. Sie lässt die Melodien sprechen und hält die Verzierungen im Dienst des musikalischen Ganzen. Das zeigt sich auch im Presto desselben Konzerts, in dem das Orchester zunächst selbst seine Beweglichkeit und rhythmische Schärfe demonstriert. Wenn die Oboe die virtuose Linie übernimmt, bleibt die Begleitung fein ausgearbeitet. Die Solistin erhält alle Freiheit, während das Wechselspiel mit dem Orchester erhalten bleibt.
Das Folkwang Kammerorchester Essen klingt dabei wach und transparent. Reinhard Goebel, der 1973 Musica Antiqua Köln gründete und eine wichtige Rolle in der historischen Aufführungspraxis spielte, hält die Stimmen eng beieinander. Solistische und orchestrale Passagen kontrastieren deutlich, ohne dass die Musik ihren Zusammenhalt verliert.
Französische Eleganz, eine andere Welt
Mit dem Oboenkonzert in C-Dur, op. 7 Nr. 3 von Jean-Marie Leclair (1697–1764) verändert sich die Stimmung. Während Alessandro Besozzi verspielt und geschmeidig wirkt, klingt hier mehr französische Eleganz an. Leclair, der als Geiger und Komponist italienische Einflüsse mit der französischen Tradition verband, schrieb Musik, in der beide Stile zusammenkommen. Nach dem ersten Besozzi-Konzert ist das ein gut gewählter Übergang: Die Oboe bleibt im Mittelpunkt, doch die Musik verlangt eine andere Herangehensweise.
Im Adagio erhält das Orchester eine dunklere Färbung, die der Melodie der Solistin zusätzliches Relief verleiht. Dem gegenüber steht das festliche Allegro assai. Moinet passt ihr Spiel überzeugend an diese unterschiedlichen Charaktere an. Ihre Interpretation ist hier weniger verspielt als bei Besozzi, fügt sich aber schön in den beherrschten Stil Leclairs ein.
Der Sohn wagt mehr
Danach kehrt das Programm zur Familie Besozzi zurück, nun mit Carlo (1738–1791) und seinem Oboenkonzert Nr. 6 in B-Dur. Nach der orchestralen Einleitung entfaltet sich eine Musik, die gern mit den Möglichkeiten des Instruments spielt. Moinet lässt ihre Oboe hier beinahe singen, ohne dass die Verspieltheit verloren geht.
Von den vier Komponisten dieser CD ist Carlo für mich der wagemutigste. Die virtuosen Passagen geben der Musik Schwung und setzen die Oboe ständig in Bewegung. Dabei wirkt die Solostimme nicht wie eine Aneinanderreihung technischer Kunststücke, sondern wie Teil eines lebendigen musikalischen Gesprächs. Auch der Charakter unterscheidet sich von dem seines Vaters. Alessandro überzeugt mich vor allem durch seine Leichtfüßigkeit, während Carlo mich mit seinen kühnen Wendungen überrascht. Gerade dieser Unterschied macht mich neugierig auf mehr Musik von beiden.
Richter als Kontrast
Die beiden Konzerte von Franz Xaver Richter (1709–1789) stellen das Vorangegangene in eine andere Perspektive. Richter wurde in Mähren geboren und war ab 1769 Kapellmeister am Straßburger Münster. Sein Oboenkonzert in F-Dur ist großzügiger angelegt, während das Konzert in g-Moll kleinteiliger wirkt. In diesem bewegen sich die Violinen in den orchestralen Abschnitten größtenteils gemeinsam, was der Musik einen kompakteren, etwas strengeren Eindruck verleiht.
Beide Werke sind sorgfältig komponiert und bieten Moinet schöne Gelegenheiten zu glänzen, vor allem dank des Wechselspiels zwischen Oboe und Orchester. Dennoch bleiben sie für mich weniger überraschend als die Konzerte der Besozzi. Richter formt sein Material kunstfertig, doch die Eigenwilligkeit, die die Musik von Vater und Sohn so reizvoll macht, spricht hier weniger stark an.
Intim in Wuppertal
Die Aufnahme trägt zum Hörvergnügen bei. Die CD wurde in der Immanuelskirche in Wuppertal aufgenommen, doch man hört keine hallende Kirchenakustik. Alles klingt klar und nah: Die einzelnen Stimmen bleiben gut verfolgbar, und man sitzt gleichsam mitten zwischen den Musikern.
Concert pour Paris ist eine außergewöhnlich angenehme Begegnung mit Repertoire, das selten den Konzertsaal erreicht. Céline Moinet und Reinhard Goebel lassen gemeinsam mit dem Folkwang Kammerorchester Essen die verschiedenen Charaktere dieser Konzerte voll zur Geltung kommen. Vor allem Alessandro und Carlo Besozzi bleiben mir im Gedächtnis. Dank dieser CD habe ich zwei Komponisten kennengelernt, von denen ich gern mehr hören möchte.