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Rezensionen

Eine neue Art zu hören

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· 10 Min. Lesezeit
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Eine neue Art zu hören

Mit Mendelssohn aufstehen und dann mit einigen der größten russischen Komponisten weitermachen: Das war das Erfolgsrezept des Finaltages auf Resonances. Das internationale Kammermusikfestival feierte dieses Jahr seinen zehnten Geburtstag, und das brachte viele schöne Menschen zusammen. Mehr als genug Grund also, das Château de Halloy einer friedlichen Belagerung zu unterziehen.

"One's destination is never a place, but a new way of seeing things". So treffend dieses Zitat von Henry Miller auch sein mag, an diesem sonnigen Sonntag stimmte kein Wort davon. Auf dem Weg nach Ciney ins Herz Walloniens wuchs nämlich die Neugier auf das Château de Halloy. Während mehrerer (Mittel)jahrhunderte hatten die Fürstbischöfe von Lüttich hier eine Residenz – Ciney gehörte schließlich zu ihrem exklusiven Klub der Bonnes Villes. Heute bildet das Schloss mit seinem weitläufigen Park seit zehn Jahren das stimmungsvolle Ambiente für das Festival Resonances. Aber so schimmernd auch die zahlreichen Grautöne dieses geflügelten Denkmals sind, es waren vor allem die Ohren, die hier vier Tage hintereinander reichlich zu essen bekamen. Eine öffentliche Masterclass der deutschen Geigerin Antje Weithaas – „vermutlich der bekannteste Geheimtipp in der klassischen Musik" – war der Auftakt für insgesamt sieben Kammermusikkonzerte. Um diese zu einem guten Ende zu bringen, hatten künstlerische Direktorin Amy Norrington und das enthusiastische Festivalkomitee erneut ihr umfassendes Netzwerk aktiviert. So gelang es Norrington nicht nur, Weithaas zu verpflichten, sondern auch ihren Kollegen und Landsmann Steven Isserlis. Es ist geradezu erstaunlich, wie eine der weltweit meistgepriesenen Cellisten plötzlich auch in einer Scheune im Weiler Braibant auftaucht. Beide Top-Musiker wurden während des Festivals vortrefflich umgeben, sowohl mit jungem Talent als auch mit einigen anderen etablierten Größen wie (Alt)Geigerin Yura Lee, Pianistin Dénes Várjon und Cellist Martijn Vink, Ehemann und Mitorganisator von Norrington. Ein inspirierender Ort, all diese schönen Menschen und eine Woche Probzeiten: in der Hoffnung auf „a new way of hearing things" ging es also Richtung la capitale du Condroz

Mendelssohn Mo(u)rning

Von einem Kammermusikfestival, das zehn Kerzen ausbläst, erwartet man natürlich ein anständig festliches Programm. Aber an diesem letzten Tag setzten einige Komponisten mit ihren tiefsten Gefühlsregungen kunstferttig dem einen Riegel vor. So begann der Mendelssohn Morning mit einem trauernden Protagonisten. Sein letztes Streichquartett war nämlich als Requiem für die älteste Schwester Fanny konzipiert (1847). Sie war ihm im Mai dieses Jahres plötzlich entrissen worden. Später stellte sich heraus, dass opus 80 auch Felix' letzte große Leistung war. Dieses erstaunliche Werk badet in einer Atmosphäre tragischer Unruhe. Mit Ausnahme des Adagio stehen alle Teile in Moll, während die zugehörigen Tempobezeichnungen ein Mördertempo diktieren. Das Ensemble unter Leitung des jungen griechisch-albanischen Geigers Jonian Ilias Kadesha zog voll mit im stürmischen Eröffnungsteil (Allegro vivace assai). Von den ersten kurzen Bögen und der anschließenden wilden Welle von Tremoli an war die Spannung greifbar. Das Quartett spielte gefesselt aufeinander ab und schuf dadurch einen nahezu obsessiven Puls. Dennoch kam der größte Energieausbruch am Ende. Oder wie unaufhörliches Anfachen ein schönes Zwischenergebnis lieferte. Nach diesem frühen Höhepunkt wurde merklich viel Gas zurückgenommen. Etwas zu viel, um wirklich gut zu sein. Der Primarius setzte das Scherzo so schleppend ein, dass seine drei Mitspieler – Tim Crawford, Lilli Maijala und Norrington selbst – den Schwung nicht mehr hineinbekamen (Allegro assai). Der langsame Satz, ein Zeugnis unbegrenzter Geschwisterliebe, klang dann wesentlich überzeugender. Mit ergreifender Einfühlsamkeit, klarem Frage-und-Antwort-Spiel und subtilen Nuancen in der Dynamik wurde eine zerbrechliche, fragile und vor allem ergreifende Aussage gemacht. Auch im hektischen Finale stellte das eingehaltene Tempo erneut Fragen. Aber besonders für den Schluss, ein fingerknackendes Presto, das ins Närrische neigt, ist das durchaus verteidigbar. Es war nicht die Schnelligkeit, mit der er spielte, sondern die Art, wie Kadesha seine höllische Partie phrasierte, die diese Kerl seine unbestreitbare Klasse zeigte. Mut hat viele Ausdrucksformen, und lieferte so eine neue Art zu hören und kräftigen Applaus. Das Gesicht der bewegten Norrington sprach Bände. Ebenso ihr Erleichterungseufzer.

Das darauffolgende erste Klaviertrio (opus 49) stimmt viel mehr mit dem überein, was wir gewöhnlich von dem begabten Sonntagskind Mendelssohn gewohnt sind: mühelos inspirierte und formal tadellosen klassizistische Romantik, die konsequent den Weg des geringsten Widerstands folgt. Gerade weil es ihm an einer Ecke fehlte – und auch aus anderen, weniger koscheren Gründen – konnte dieser Komponist im Laufe der Zeit nicht jedermann gefallen. Aber informierte Zeitgenossen wussten es besser. So schrieb niemand Geringeres als Robert Schumann über das populäre Klaviertrio in d: „Es ist das Meistertrio der Gegenwart […]; die nach Jahren noch Enkel und Urenkel erfreuen wird." Er hatte recht. Dieses Kronjuwel gehört bis heute zu den meistgespielten und beliebtesten Werken des Genres. Warum das so ist, machten Katharine Gowers, Steven Isserlis und Dénes Várjon mit ihrem begeisterten (Zusammen)spiel erneut deutlich. Allerdings muss sofort erwähnt werden, dass der Temperaturunterschied innerhalb des Trios beträchtlich auffällig war. Während Isserlis und Várjon es besonders in beiden äußeren Sätzen manchmal richtig krachen ließen, ließ sich die Violinistin von dieser brillanten Musik weniger leicht mitreißen. Andernfalls hätte das Feuerwerk an manchen Stellen vielleicht noch mächtiger sein können. Zum Glück war das bei den gefühlvollsten Passagen aus dem Molto allegro agitato nicht wirklich nötig. Denn von dem sanglichen Duett zwischen den Streichern bei der Rückkehr des Anfangsthemas ist man als Hörer ohnehin immer völlig überwältigt. Ebenso beeindruckend, aber beim Übergang zwischen den ersten beiden Sätzen, war, wie sich am Klavier ein Gestaltwandel vollzog. So besessen beendete Várjon den ersten Satz, so verinnerlicht klang er durchgehend im wunderschönen und von seinen Mitspielern auch besonders ergreifend intoniert Andante con moto tranquillo. Im Scherzo (Leggiero e vivace) sorgten die feinsinnigen Akzente in jeder der drei Stimmen für ein einzigartiges Hörerlebnis. So kam dieser typische Elfentanz noch nie zuvor herein. Das Finale, stellenweise noch prägnanter als das, was davor kam, war reiner Rock-'n'-Roll (Allegro assai appassionato). Einschlafende Alte bekamen dazu keine Chance. Dafür hatte das Ensemble auch in den feineren Passagen zu viel zu erzählen. Ein Morgen also, den man nicht so bald vergessen wird.

Russisches Roulette

Nach einer schönen Mahlzeit und einem Spaziergang durch den sanft gewellten ausgedehnten Garten war es bald Zeit, erneut Kühlung in der Scheune zu suchen. Um die musikalische Idylle mit einigen russischen Meistern fortzusetzen? Teilweise. Denn auch beim Abschlusskonzert dieser speziellen Geburtstagsausgabe wollte dieser Herr nicht immer mitfeiern. An Prokofjews Sonate für zwei Violinen – heute Nachmittag aufgeführt von Katharine Gowers und Matthew Truscott – wird es wohl nicht gelegen haben (opus 56). Dieses vierteilige Pas de deux wurde während der Zwischenkriegszeit geschrieben und ist eine erfinderische Schöpfung mit Tiefgang und Vitalität (1932). Dieses erste kam sowohl im Andante cantabile als auch im Commodo (quasi Allegretto) durch den Wechsel von zarter Lyrik und schärferer Rede rigorios zum Ausdruck. Aber im spielerischen Allegro und im teils humorvollen, teils heftigen Finale (Allegro con brio) hertzten die beiden Violinistinnen zu wenig Verbindung, um aus dieser Duo-Sonate ein spritziges Erlebnis zu machen. Auch Truscott gelang es nicht, die etwas unterkühlte Gowers aufzutauen. Da vermochte das Gelegenheitsquartett unter der geübten Leitung von Weithaas mehr zu berühren. Bereits in der ersten Ausgabe seines weit verbreiteten Handbuch für Streichquartettspieler schrieb der deutsche Musikhistoriker Wilhelm Altmann, dass man das dritte Streichquartett von Tschaikowski (1876) nicht ignorieren darf […], weil es zu den wertvollsten Werken des Genres gehört. Ein Urteil, dem meine Begleitung nach heute sicher zustimmen konnte. Und zusammen mit ihr wohl das gesamte Publikum. Sowohl in der Einleitung zum Allegro moderato sostenuto als auch während der Ausleitung wurde an jedem Pult mit so viel Finesse und Abstimmung Pianissimo gespielt, dass bald deutlich wurde: hier war etwas Fesselndes im Gange. Die Transparenz, mit der diese Komposition daraufhin gestrichen wurde, findest du selbst bei manchem fest etablierten Ensemble lange nicht immer. Das Kichern nach dem köstlich flinken Scherzo (Allegro vivo) deutete darauf hin, dass der richtige Ton getroffen wurde, obwohl besonders Yura Lee mit ihrem farbenreichen Einsatz im Mittelteil Großes leistete. Während der gedämpften und gleichzeitig ergreifenden Klangwelt des Andante funebre e doloroso, genau wie das ganze Werk dem verstorbenen Violisten Ferdinand Laub gewidmet, spielte das Quartett zwar Sordino, aber die Auswirkung war unverkennbar forte. Wie einstimmig dieses emotionale Lamento Gestalt annahm, war beeindruckend, ebenso wie die Rolle, die die zweite Violine Tim Crawford darin übernahm. Der joviale Abschluss brachte in ultima res dann doch noch Leben in den Laden (Allegro non troppo e resoluto). Für den Saal mehr als Grund genug, kurz aufzuspringen.

Mit Dmitri Kabalevski präsentierte sich unmittelbar nach der Pause ein weniger bekannter Tondicter. Aber Steven Isserlis ist eindeutig ein Fan, und natürlich von dessen Nachkriegs-Cellosonate (1961), die seinem berühmten Vorgänger Mstislav Rostropovich gewidmet ist (opus 71). Dass Fans ziemlich fanatisch sein können, haben Sie wahrscheinlich selbst schon erlebt. Mit der wild expressiven Achterbahn, mit der Isserlis und sein Kamerad Alasdair Beatson die Scheune in Flammen aufgehen lassen würden, legten beide Herren noch eine Schippe drauf. Ihre Interpretation war eine spannende Geschichte, die in den einprägsamsten Momenten viel Ähnlichkeit mit einem russischen Roulette hatte: ein Kampf auf Leben und Tod, von Wort und Gegenword, der in allen drei Sätzen mit außergewöhnlicher Verbissenheit geführt wurde. „Quite masterly and addictive", so beschreibt der britische Cellist dieses virtuose Werk. Und ob diese fesselnde Musik das Adrenalin fließen lässt, auch beim Pianisten, der das Feuer in seinem 60-jährigen Gegenspieler schürte. Die Jamsession, mit der die Sonate endete (Allegro molto), verdiente in puncto Artikulation sicherlich keinen Schönheitspreis, aber darum ging es auch gar nicht. Jeder verstand und spürte die Intensität, die zu einem unverkennbaren Höhepunkt führte. In einem Wort: verblüffend! Das allerletzte Exploit während dieses fantastischen Finale russe kam von Shostakovich und seinen zwei Stücken für Streichquartett (opus 11). Wie es sich für ein echtes internationales Festival gehört, erschien für diese Jugendwerke nahezu die halbe Welt auf der Bühne: zweimal Südkorea, ein Grieche mit albanischen Wurzeln, eine Polin, eine Britin, ein Israeli, ein Belgier und ein Niederländer. Obwohl nicht immer harmonisch, verstanden sie sich wunderbar in der universellen Sprache, die ihre ist.

Vor Beginn des letzten Konzerts hatte sich Amy Norrington auf Französisch an die Anwesenden gewandt. Geben, geben und nochmals geben: das ist das, was sie, ihr Mann, alle Musiker und die vielen Freiwilligen nun schon ein Jahrzehnt lang tun. Und das geschieht mit Herz, Seele und unglaublich viel Begeisterung. Was werden wir nächstes Jahr spielen? Das war die Frage, die nun bereits im Château de Halloy die Runde machte. Antwort 2020 vom 30. April bis 3. Mai …


  • WAS: 'Mendelssohn Morning' – Felix Mendelssohn (1809-1847) – Streichquartett in f (opus 80) & Klaviertrio in d (opus 49) || 'Finale russe' – Dmitri Shostakovich (1906-1975) – Zwei Stücke für Streichquartett (opus 11) | Dmitri Kabalevski (1904-1987) – Cellosonate in B (opus 71) | Sergei Prokofiev (1891-1953) – Sonate für zwei Violinen in C (opus 56) | Piotr Ilitch Tchaikovski (1840-1893) – Streichquartett in es (opus 30)
  • WER: 'Mendelssohn Morning' – Jonian Ilias Kadesha, Tim Crawford (Violine), Lilli Maijala (Viola), Amy Norrington (Cello) || Katharine Gowers (Violine), Steven Isserlis (Cello), Dénes Várjon (Klavier) || 'Finale russe' – Katharine Gowers, Matthew Truscott (Violine) || Antje Weithaas, Tim Crawford (Violine), Yura Lee (Viola), Amy Norrington (Cello) || Steven Isserlis (Cello), Alasdair Beatson (Klavier) || Yura Lee, Jonian Ilias Kadesha, Natalia Kotarba, Katharine Gowers (Violine), Guy Ben-Ziony, Diede Verpoest (Viola), Han Bin Yoon, Martijn Vink (Cello)
  • WO: Château de Halloy, Braibant (Ciney)
  • WANN: Sonntag, 2. Juni 2019
  • FOTOS: © Jacky Lepage
  • ORGANISATION: Festival Resonances – http://www.festival-resonances.be/

https://www.facebook.com/121682664512497/videos/2041778779278418/

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