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Klassik Zentral

Anima Eterna Brugge entdeckt Bruckner neu (und sich selbst)

Vergangenen Samstag spielte Anima Eterna Brugge unter der Leitung des spanischen Dirigenten Pablo Heras-Casado Bruckners Siebente Symphonie. Das Konzert fand im Concertgebouw Brugge statt, der treuen Heimat des Orchesters. Zuvor hatte dieses Ereignis beachtliche Medienaufmerksamkeit auf sich gezogen; im Nachhinein zeigte sich, dass dies auch zu Recht der Fall war, denn das Konzert war ein Ereignis, nicht nur wegen der Aufführung selbst, sondern vor allem wegen der Verheißung, die sie für die Zukunft enthält.

Zunächst zur Aufführung selbst: Bruckner-Symphonien werden bei uns ohnehin nicht allzu häufig aufgeführt. Wenn dies doch der Fall ist, geschieht es meist durch ‚zeitgenössische symphonische Orchester', die dabei gerne den monumentalen Charakter von Bruckners Symphonien hervorheben: Bruckner wird dann meist langsam, laut und feierlich gespielt. Dieses Aufgehen in einem großartigen Klang kann manchmal herrlich wirken, aber dennoch verdunkelt ein solcher Ansatz meist die Schattierungsvielfalt, die in Bruckners Symphonien durchaus vorhanden ist.

Gerade weil Bruckners Symphonien oft so einseitig dargestellt werden, konnte es kaum anders sein, als dass sich Anima Eterna früher oder später in dieses Repertoire verbissen hätte. Die Mission dieses Orchesters ist seit jeher, gegen den Strom zu rudern, nicht unbedingt um eigensinnig zu sein, sondern um so nah wie möglich an die Quelle zu gelangen. Konkret bedeutet dies, dass konsequent zeitgenössische (und ‚ortsgebundene') Instrumente eingesetzt werden, dass die ursprünglichen Aufführungsbedingungen sorgfältig erforscht werden und dass die Partitur so gelesen wird, als hätte es keine Aufführungsgeschichte gegeben. Eine Folge davon ist unter anderem, dass sich die Sonoritäten verändern; sie werden weicher, wärmer, zarter und facettenreicher. Darüber hinaus verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Instrumenten und Instrumentengruppen drastisch. Insbesondere die Verkleinerung des Streicherapparats sorgt konsequent für eine Perspektivenveränderung. So musste es für die gerade mal acht Holzbläser, die Bruckner in seiner Siebenten Symphonie vorschreibt, buchstäblich und im übertragenen Sinne eine Erleichterung sein, dieses Werk spielen zu können, ohne sich abmühen zu müssen in der Hoffnung, gehört zu werden.

Neben Klangfarbe und Balance gibt es noch ein drittes konstantes Veränderungselement: die Texturdarbietung, das heißt: das Ausmaß, in dem die verschiedenen musikalischen Schichten, die gleichzeitig in einem Musikstück wirksam sind, hörbar gemacht werden. Bruckners Musik wird oft als ‚massiv' bezeichnet, aber eigentlich ist sie das meist nicht. Sie birgt einen unermesslichen polyphonen (mehrstimmigen) Reichtum, der unweigerlich verloren geht, wenn die Lautstärkenlust nicht ausreichend gezügelt wird. Je transparenter die Aufführung, desto besser kann sich diese Geschichtung offenbaren – ein Prinzip, das Anima Eterna schon immer hochgehalten hat und das auch in dieser Bruckner-Aufführung für einen großen Unterschied sorgte.

Einerseits war dies eine enorme Leistung des spanischen Dirigenten Pablo Heras-Casado, mit dem sich Anima Eterna für dieses Projekt zusammengetan hatte. Heras-Casados Fokus lag in seinen jungen Jahren hauptsächlich auf Renaissancemusik und Barock, wodurch er ein feines Gespür für Kontrapunkt und Textur entwickelte. Später tauchte er sich immer mehr in das romantische Repertoire ein, einschließlich Richard Wagners Opern, Bruckners großes Vorbild. Diese beiden Welten, die in der traditionellen Musikkultur meist Welten auseinander liegen, verschmelzen bei Heras-Casado auf wunderbare Weise. In jedem Fall war es selten, besonders in einer Bruckner-Symphonie, Transparenz und Pathos so friedlich und ungezwungen miteinander verschmolzen zu hören.

Andererseits darf auch die Leistung der Musiker nicht übersehen werden; viel zu leicht vergisst man, dass historische Instrumente schwieriger zu spielen sind als moderne: sie sind weniger tonhaltig, weniger präzise bei den Ansätzen und die damaligen Komponisten forderten sie oft bis an (oder über) ihre Grenzen heraus. Auf historischen Instrumenten zu spielen ist also eine Herausforderung, aber eine besonders wertvolle Herausforderung, da sie einer tieferen Ästhetik und einem höheren Schönheitsideal dient. (Fehler sind hier also per Definition Schönheitsfehler.) Die Musiker von Anima Eterna Brugge warfen sich vergangenen Samstag wieder furchtlos für dieses Ideal in die Bresche, angetrieben von einem Dirigenten, der emotional und konzeptionell genau auf der gleichen Wellenlänge war. Nur dadurch war es möglich, dass etwas Besonderes geschah: Bruckner wurde aus seinem Ruf befreit, was an sich noch eine viel größere Leistung ist als die ausgezeichnete Aufführung seiner Musik.

Das einprägsame Erlebnis vom vergangenen Samstag war umso bedeutsamer, als das Konzert auch eine Verheißung für die Zukunft zu enthalten scheint. Die Aufführung der Siebenten war nämlich erst der Anfang einer umfassenderen Bruckner-Erkundung in Zusammenarbeit mit Heras-Casado in den kommenden Jahren. So sind inzwischen auch Bruckners Dritte und Vierte Symphonie geplant. Was das Konzert vom Samstag bereits klargemacht hat, ist, dass sich dieses Projekt in dem Geist der Neugier und Klarheit entwickeln wird, den Jos van Immerseel seinem Ensemble vor vielen Jahren eingeblasen hat und der zu einer völligen Wiederentdeckung (oder zumindest Neuerleben) zahlreicher großer Orchesterwerke geführt hat. Dass dies ausgerechnet mit einem Repertoire geschieht, zu dem sich Van Immerseel selbst nie besonders hingezogen gefühlt hat, macht die Symbolik dieses Projekts nur noch stärker. Mit alter Seele in neuen Händen ist Anima Eterna nun wirklich bereit, sich mit neuer Energie auf dem Weg weiterzuentwickeln, auf dem es die vergangenen Jahrzehnte ausgezeichnet hat: die gründliche Wiederentdeckung von (meist) bekanntem Orchesterrepertoire. Nur wenn das Alte neu werden kann, kann die Seele ewig sein. So wird die Bruckner-Erneuerung also auch zu einer Erneuerung des Ensembles selbst.

Was Anima Eterna Brugge darüber hinaus vor allem noch braucht, ist das kulturelle Bewusstsein, dass ihr historisch informierter und inspirierter Ansatz einen unbestreitbaren Mehrwert für unsere Musikkultur bietet. Flandern hat in den letzten fünfzig Jahren international eine unglaublich wichtige Rolle in der Erkundung historischer Aufführungspraktiken gespielt. Damit hat es einigen Repertoires geholfen, sich vollständig neu zu erfinden und schrittweise auch ein Publikum dafür zu gewinnen. Diese Arbeit ist weit davon entfernt, vollendet zu sein. Sobald es Signale gibt, wie jetzt, dass diese Erkundung unter hochwertigen künstlerischen Bedingungen weiterentwickelt werden kann, ist es unsere kulturelle Pflicht, uns dahinter zu stellen. Selbst wenn man seinen Bruckner eigentlich lieber saftig mag.

© Alex Vanhee

Pieter Bergé

Pieter Bergé (*1967) ist Professor für Musikwissenschaft an der KU Leuven. Er veröffentlichte unter anderem über die Opern von Arnold Schönberg und die Analyse von Instrumentalmusik aus dem späten 18Brussels Airlinesund 19.Brussels Airlines Jahrhundert. Für ein breiteres Publikum schrieb er in den letzten Jahren über Mozarts Requiem (Wer schrieb Mozarts Requiem?), die vermeinte Unzugänglichkeit neuer Musik (Was gibt es da eigentlich zu verstehen? Ein Essay für Beethovenfans und Schönberghasser), eine Musikgeschichte für jung Gebliebene (Wie klingt eine Gitarre grün? Und 99 andere Dinge, die du über klassische Musik wissen musst), und Schostakowitschs komplexe Verhältnis zu den Sowjets (Die Lügen und das schallendes Gelächter). Kürzlich erschien aus seiner Feder auch ein Buch über Kurt Weills Oper Aufstieg und Fall Brussels Airlinesr Stadt Mahagonny. Sowohl seine wissenschaftliche Arbeit als auch seine Publikationen für ein breiteres Publikum wurden wiederholt ausgezeichnet. Seit 2015 ist Pieter Bergé auch künstlerischer Leiter des Leuven{{NOTRANSLATE_1}}Festival 20・21 Vergangenen Samstag spielte Anima Eterna Brügge unter der Leitung des spanischen Dirigenten Pablo Heras-Casado Schostakowitschs Siebente Sinfonie von Anton Bruckner. Das Konzert fand im Concertgebouw Brügge statt, der treuen Heimat des Orchesters. Vorher hatte dieses Event beträchtliche mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen; hinterher stellte sich heraus, dass dies auch zu Recht der Fall war ….

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  • Anima Eterna Brugge entdeckt Bruckner neu (und sich selbst)

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