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Klassik Zentral

FLOW – Weltpremiere Junior Ballet Antwerp

"Sie wussten nicht, dass es unmöglich war, also taten sie es" – Mark Twain

Mit diesem prägnanten Spruch lassen sich die treibenden Kräfte hinter Junior Ballet Antwerp am besten beschreiben: Alain Honorez & Altea Nuñez. Zwei Künstler mit einem beeindruckenden Portfolio. Mit ihrer langjährigen Bühnenerfahrung auf nationalen und internationalen Bühnen sind sie nun Leitfiguren und Inspiratoren für aufstrebende Talente. Belgien hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem internationalen Knotenpunkt des Tanzes entwickelt – eine ideale Basis zum Weiterbauen, und genau das tun sie mit großem Elan. Dieses Tandem hat in den vergangenen Spielzeiten durch starke und inspirierende Führung hervorragende Arbeiten geleistet. Mit diesem erfahrungsorientierten Programm für Tänzer verfolgen sie das Ziel, den komplexen Übergang vom Studierenden zum Profi zu erleichtern. Exzellenz und Performance stehen im Mittelpunkt. Ebenso wichtig: gegenseitiges Verständnis und Respekt zwischen Tänzern, Lehrern, Tanztrainern und Choreografen. Inzwischen hat JBA sich zu einer Organisation entwickelt, die national und international Anerkennung genießt – mit einer beeindruckenden Bilanz von 80% der Alumni, die nach dem zweijährigen Kurs Arbeit in und außerhalb Europas fanden.

Die bisherigen Produktionen waren beeindruckend: Cinderella, James, Furore... die Erwartungen sind also sehr hoch. ‚FLOW' ist ein Triptychon zeitgenössischer Kreationen, inspiriert durch die Flüssigkeit der Tanzkunst und zum Leben erweckt von drei unterschiedlichen Machern: Altea Nuñez, die britischen Choreografen Douglas Lee und Ihsan Rustem. Jeder wählte eine eigene Soundscape.

‚Horizon'

Choreografie Altea Nuñez, Musik Hans Zimmer und Jan A.P. Kaczmarek

Das Talent der Hauschoreografin Altea Nuñez hat inzwischen Zeit gehabt zu reifen. Sie ruht sich nicht auf früheren Erfolgen aus, sondern entwickelt sich weiter. Anpassung und Erneuerung sind für einen Künstler ein ständiger Prozess. In dieser Choreografie bindet sie sich nicht mehr an ein vorgegebenes Schema – eine Schöpfung, die einen anderen Weg eingeschlagen hat und sich stilistisch weiterentwickelt hat. Als markanten Hook wählte sie die Musik von Hans Zimmer aus dem Film ‚Dune', die Bilder von Wüsten, Ritualen und Farben evoziert. Die wunderbare Beleuchtung von Gloria Montesinos sorgt für Atmosphäre und macht das Ganze komplett. In Improvisationssessions mit den Tänzern, einer kreativen Gruppe, fand sie die Bilder, die sie suchte. Abtasten, Ausprobieren, ohne aufdringlich zu sein. Der Bewegungsprozess verläuft quasi organisch. Bei jeder Kreation kommt es darauf an, sich rechtzeitig finden und loslassen zu können.

Das Eröffnungsbild zeigt die Morgenröte: ein orangerotes Licht, Farben, die im Laufe des Stücks in Grau und Blau übergehen. Farben, die den Wechsel der Aktion umarmen und zeigen. Die Bühne ist leer wie die immense Weite der Wüste. Tief hinten auf der Bühne ist auf dem Boden eine wimmelnde Masse dunkler Körper zu sehen. Mittendrin steht eine Figur in Weiß – ein Messias. Sie kriechen diagonal vorwärts, wellig wie die sich ständig verändernden Sanddünen. Die Bewegung wird von den Männern, mit entblößtem Oberkörper, in ihrer muskulösen Schönheit zelebriert; die Mädchen strahlen Girlpower aus. Neben der Bodenarbeit gibt es auch viel Raumarbeit. Es gibt wunderbare und intime Partnermomente: Mann/Frau, Mann/Mann und Trios neben Ensembleszenen. Eine Gruppe von 21 Tänzern, die gleichzeitig oder im Kanon sich bewegt, macht Eindruck. Nuñez hat die Musikpartitur studiert, ihre äußerste Raffinesse. Getragen von der starken Signatur der Komponisten entsteht eine wunderbare künstlerische Symbiose. Alle möglichen Variationen kommen zum Einsatz, auch in oft technisch schwierigen Hebern. Der junge Tänzer in weißer Kleidung, der Italiener Ludovic Gallo, beeindruckt mit seinen federleichten Sprüngen; fast wie eine Feder schwebt er durch den Raum.

Diese Choreografie der Hauschoreografin Altea Nuñez ist überraschend eigenständig und zeugt von künstlerischer Reife und Entwicklung.

‚Double Future'

Choreografie Douglas Lee, Musik Mika Vainio, Peter Scherer, Nicolas Sàvva

Für diese Aufgabe wollte Douglas Lee eine Choreografie schaffen, die eine Art Beziehung zwischen menschlichem Impuls und mechanischer Logik herstellt. Mensch und Maschine sind keine Gegenpole, sondern verflochtene Systeme, die gegenseitig ihre Beiträge in einer neuen Realität umschreiben. Mit dem Aufstieg der KI ein sehr aktuelles Thema. Dies passt auch zu der vielseitigen Perspektive und der breiten Palette von Tanzformen bei JBA. Die Aufführung beginnt mit dreizehn stark markanten Silhouetten hinten auf der Bühne. Douglas Lee setzt mit roboterhaften Bewegungen die üblichen Codes komplett außer Kraft, verwischt visuelle Grenzen und entwickelt eine komplexe erzählerische Sprache, die mit feiner Ironie durchdrungen ist. Die menschliche und mechanische Bewegung konkurrieren in Wiederholung und Tempo. Ein Wechsel von starrem Stand wie ein Monolith, Zeitlupe, einheitliche Schritte, intensive Bewegungen bis hin zu Turbulenz in einem visuellen Linienspiel. Alles greift präzise ineinander; die Körpergruppe funktioniert mal wie ein Mechanismus, dann wieder wie ein Organismus. Die Botschaft ist klar: Schönheit liegt in der Unvollkommenheit, Risse erzählen Geschichten, und Musik bildet die Brücke zwischen Verletzlichkeit und Kraft.

‚The Winding Road'

Choreografie Ihsan Rustem, Musik Johann Johannsson, Ezio Bosso, Caetano Veloso

Ihsan Rustem ist ein äußerst origineller Choreograf, der derzeit weltweit gefragt ist. Ein Mann mit expansiven Ideen. JBA konnte 2023 bereits mit ihm für seine Version des ikonischen Bolero von Ravel zusammenarbeiten.

Wenn sich der Vorhang hebt, ist die Bühne in einem dunklen, nebligen Universum gehüllt. Die Tänzer tragen dunkle purpur-/braune Kleidung; nur ihre Hände und Köpfe stechen blass ab. Die Bewegungen, die die Gruppe macht, sind nicht spektakulär, aber durch die perfekte Synchronisation sind sie bildlich sehr stark. Die zwingende Konzentration ist faszinierend. Die Tänzer tauchen und gleiten ermüdungslos über die Bühne. Auch hier wieder wunderbare Beleuchtung, das Spiel mit Schatten und Licht, negativ und positiv, eine konstante Gegenfarbe gebend. Zum Ende hin verschwindet das Grau und weicht einem warmen Glanz. Ihsan Rustem lässt die Musik mehrfach von schnell zu langsam kippen, zeitgenössisch klassisch, und zum Ende hin das verspielte, warme Lied des brasilianischen Sängers und Komponisten Caetano Veloso aus der Tropicalia-Bewegung, wo die Tänzer grooviger und lockerer sich bewegen und du als Zuschauer sofort glücklich wirst.

FLOW lässt sich zusammenfassen als eine physische Tour de Force voller Hingabe und Einsatz, unverfälschte Tanzlust, einen äußerst vielfältigen Soundtrack und stimmungsvolle Beleuchtung.

Diese junge Gruppe von Tänzern hinterlässt Eindruck. Sie sind universell talentiert und einsatzbereit, verfügen über eine ausgesuchte Technik und überwältigende bühnenpräsenz. Es war in einem Wort: genießen.

Nach der letzten Vorstellung der Saison am Sonntagmittag schlägt ein ganzer Jahrgang die Flügel aus. Wunderbare all-around Tänzer, denen wir eine glänzende Zukunft wünschen. Eine ganze Reihe neuer Kandidaten aus allen Ecken der Welt sind inzwischen bereit, JBA in der Saison ‚26/'27 zu verstärken.

Detalhes:

Título:

  • FLOW - Weltpremiere Junior Ballet Antwerp

Künstler:

  • Choreografie: Altea Nuñez, Douglas Lee und Ihsan Rustem.
    Musik: Hans Zimmer und Jan A.P. Kaczmarek, Mika Vainio, Peter Scherer, Nicolas Sàvva, Johann Johannsson, Ezio Bosso, Caetano Veloso
    Lichtdesign: Gloria Montesinos
    Kostümdesign und Ausführung: Ria Van Looveren

Datum:

  • 20. Juni 2026

Fotografie:

  • Filip Van Roe
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