Mit der dritten Ausgabe des FTiefes Mittsommernacht-Polyphonie-Festival brachte Dionysos Heute! in Zusammenarbeit mit De Grote Post erneut eine Hommage an die Polyphonie in all ihren Facetten. Konzerte, Begegnungen und Reflexion wechselten sich an verschiedenen Orten in Ostende ab. Das Festival bot keinen nostalgischen Rückblick auf eine musikalische Vergangenheit, sondern eine lebendige Demonstration davon, wie relevant, vielseitig und inspirierend diese jahrhundertealte Musik heute noch sein kann.
Das Festival eröffnete Freitagabend in der Petrus-und-Paulus-Kirche mit Das Vermächtnis von Adriaen Willaert von Dionysos Now!. Kaum hatten die ersten Noten von Willaerts Was tust du, Seele, woran denkst du erklungen, als mehrere kräftige Donnerschläge über Ostende zu hören waren. Es war, als würden die Himmelstore auf schweren Angeln aufgerissen, um dieser Musik ihren rechtmäßigen Platz im Himmel zu geben. Der Zufall sorgte für einen fast theatralischen Beginn eines Konzerts, das ganz im Zeichen der raffinierten Schönheit der Renaissancepolyphonie stand. Dionysos Now! bestätigte erneut, warum das Ensemble international zur absoluten Spitze in diesem Repertoire gehört. Transparenz, Textausdruck und eine beeindruckende Klangkohäsion gingen Hand in Hand mit einer selbstverständlichen musikalischen Ausdruckskraft.
Am Samstagmorgen brachte das Delle Donne Consort in der Kapuzinerkirche ein überraschendes Programm unter dem Titel Neu inszeniert. Das Blockflötenensemble zeigte, wie Musik aus einer fernen Vergangenheit noch immer frisch und lebendig klingen kann. Mit technischer Beherrschung, farbenfrohen Klangkombinationen und ansteckender Begeisterung bauten die Musiker eine Brücke zwischen Historischer Musik und einem zeitgenössischen Publikum. Dabei nutzten sie die besondere Akustik der Kapuzinerkirche optimal aus. Ihre Klänge erfüllten den Raum mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit, sodass Musik und Architektur ein einheitliches Ganzes zu bilden schienen.
Später am selben Tag folgte in De Grote Post Höre mich an, ein besonderes Projekt des syrischen Komponisten und Musikers Shalan Alhamwy bei dem Wort und Musik ständig in Dialog miteinander gingen. Ausgehend von Gedichten aus dem Gruuthuse-Handschrift zog Alhamwy in eine Mittelschule, wo Schüler eingeladen wurden, eigene Texte als Antwort auf die jahrhundertealten Verse zu schreiben. Während des Konzerts wurde das Publikum in die Suche eines dieser Schüler, Lars, mitgenommen, der als Leitfaden durch das Programm diente. Eigene Kompositionen von Alhamwy, Musik von Bach und Wannes Van de Velde und meisterhaft vorgetragene Poesie wechselten sich in einer Aufführung ab, die Vergangenheit und Gegenwart auf natürliche Weise miteinander verband. Als Lars schließlich selbst, in mittelalterlicher Kleidung, sein eigenes Gedicht vortrug, schloss sich der Kreis schön. Es unterstrich, wie eine Begegnung mit jahrhundertealten Texten auch heute noch neue Kreativität freisetzen kann.
Am Samstagabend wurde das Publikum erneut zusammengebracht für Krieg und Frieden, eine Zusammenarbeit zwischen Dionysos Now! und Jef Neve. Die polyphone Linien der Renaissance und die Improvisationen von Neve begegneten sich in einem Dialog, der sowohl selbstverständlich als auch überraschend klang. Das Programm machte deutlich, dass Musik aus verschiedenen Jahrhunderten sich nicht ausschließen muss, sondern sich gegenseitig verstärken kann. Die Begegnung zwischen historischen Kompositionen und zeitgenössischer Improvisation erzeugte Momente von großer Intensität und Besinnung. Gleichzeitig verkörperte das Konzert perfekt den Anspruch des Festivals, Polyphonie nicht nur zu bewahren, sondern auch neue Richtungen zu erkunden.
Am Sonntagmorgen brachte Romina Lischka in der Kapuzinerkirche mit Captain Hume's Viol das letzte Konzert des Festivals. Im Mittelpunkt stand die Musik des Kapitäns Tobias Hume, eines englischen Militärs, der zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts Geschichte schrieb als einer der ersten Komponisten, der Solowerke für die Viola da Gamba veröffentlichte. Lischka brachte diese außergewöhnliche Musik mit großer Raffinesse und Überzeugungskraft dar. Ihr Gespür für Nuancen, ihre reichhaltige Klangpalette und ihre Fähigkeit, mit einem einzigen Instrument eine ganze musikalische Welt hervorzurufen, hielten das Publikum mühelos in ihrem Bann.
Der Abschluss des Festivals folgte während des Apéro Poésie mit Kurt Van Eeghem als zentraler Gast. Was als Gespräch über die Rolle von Poesie und Literatur in seinem Leben begann, entwickelte sich zu einer fesselnden Erkundung von Kunst, Kultur und musikalischer Vorstellung. Dabei kam auch eine überraschende Begegnung zwischen Polyphonie und elektronischer Musik zur Sprache. Synthesizer-Klänge von Tsar B, dem Projekt von Justine Bourgeus, wurden der jahrhundertealten Polyphonie gegenübergestellt und verwoben, die zuvor während des Festivals geklungen hatte. Überraschenderweise erwies sich, dass es keinen Gegensatz zwischen beiden Welten gab. Im Gegenteil, sie verstärkten sich gegenseitig. Alte Stimmen und moderne Technologie flossen zusammen zu einem faszinierenden Beispiel dafür, wie Musik fortlaufend neue Formen annehmen kann, ohne ihr Wesen zu verlieren.
Das Besondere am Flow Midsummer Night Polyphony Festival war genau diese offene Perspektive. Polyphonie wurde nicht als ein geschlossenes Kapitel der Musikgeschichte präsentiert, sondern als eine lebendige Kunstform, die ständig neue Verbindungen eingeht. Durch die Kombination von Konzerten mit Gesprächen und Begegnungen gelang es dem Festival, sowohl Kenner als auch neugierige Hörer anzusprechen.
Dionysos Now! und De Grote Post haben mit dieser Ausgabe ein Festival geschaffen, das nicht nur den Reichtum der Polyphonie sichtbar machte, sondern auch ihr zukunftsorientiertes Potenzial. Wer dabei war, konnte erleben, wie Musik aus der Vergangenheit heute noch immer neue Gespräche öffnen, neue Gefühle wecken und neue Hörsphären schaffen kann.





