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Klassik Zentral

Frauen und Männer mit einem Kopf voller Klänge

Auf Initiative von MATRIX [Zentrum für Neue Musik] ist soeben das Buch "Kopf voller Klänge – Geschichten aus der Welt der Musik" erschienen – ein mutiges Projekt. Ein Buch mit Porträts von Menschen, die den Mut hatten, eine Idee in ihrem Kopf in Musik umzusetzen. Mutig in seiner Konzeption durch die Vielfalt der Texte und Zeichenstile. Mutig, weil es sich sowohl an Kinder als auch an Erwachsene richtet. Mutig schließlich, weil die Hälfte der sechzehn porträtierten Personen Frauen sind. Allein die Tatsache, dass dies hervorgehoben werden muss, sagt viel aus. Aber vielleicht ändern sich die Zeiten doch. "Hattet ihr Schwierigkeiten, genug Männer zu finden?", fragte ein junger Leser bei der Buchvorstellung.

Dieses besondere Buch ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von (hauptsächlich) Frauen. Während der Coronazeit – die sich für viele Kreative im Nachhinein als so fruchtbar erwies – seufzte Rebecca Diependaele, Leiterin von MATRIX, auf einer Terrasse gegenüber von Annemarie Peeters, dass sie von einem (Kinder-)Buch über Musik träumte. Sie hatte nämlich eine lebendige Erinnerung an die Bücher der gefeierten Kinderbuchautorin Gerda Van Cleemput über Mozart, Felix Mendelssohn und Clara Schumann, die sie als Kind in die Welt der Musik mitgenommen hatten. Könnten sie das nicht mit einem Buch über sogenannte "Neue Musik" wiederholen? Annemarie – die "schreibt, hört, erfindet und macht Musik" – war sofort von der Idee begeistert. Zusammen engagierten sie Emilie Lauwers, bildende Künstlerin, die sich bereits durch grafische Gestaltung für Festivals wie Lunalia und Musica Divina und weitere musikalische und andere Erlebnisse einen Namen gemacht hatte.

Reichhaltig und vielfältig

"Kopf voller Klänge" wurde in den Händen dieser Frauen zu einem mehrschichtigen Buch, in dem verschiedene Disziplinen zusammenkommen. Was sofort auffällt, ist dass die sechzehn Kapitel jeweils eine andere Gestaltung haben. Logisch, findet Emilie Lauwers, denn auch die "Charaktere" sind unterschiedlich. Sie wurden im 20. Jahrhundert geboren, wuchsen aber in verschiedenen Ländern und Erdteilen, Kulturen und Umständen auf. "Das Textmaterial, das Annemarie mir gab, war so reichhaltig und vielfältig, dass es sich seltsam angefühlt hätte, mich für einen Zeichenstil zu entscheiden. Die Form der Texte war sehr inspirierend. Manchmal handelte es sich um Zeitungsartikel, dann wieder um spielerischere Geschichten, die beispielsweise eine Comic-Geschichte verlangten."

Annemarie Peeters: "Jede Geschichte ist anders, weil jede Person anders ist. In ihrer Lebensgeschichte und in ihrer Musik. Jeder Komponist oder jede Komponistin beschwört eine ganz eigene Welt herauf. Nachdem ich mit Hilfe der Leute von Matrix viel recherchiert und viel Musik gehört hatte, sah ich auch, wie ich über sie berichten wollte. Bei dem einen geschah das durch Briefe (Karel Goeyvaerts), bei einem anderen mit Zeitungsausschnitten (Louis Andriessen) oder eine Geschichte in der Du-Form (Meredith Monk)."

Die Geschichte der Finnin Kaija Saariaho, die so fasziniert vom Nordlicht war und darin Klänge hörte, gab Emilie Lauwers einen schwarzen Hintergrund mit funkelnden Illustrationen.

Fantasieren

Manchmal reichte die Recherche nicht aus, und Annemarie musste selbst in den Kopf des Komponisten oder der Komponistin schlüpfen, erzählte sie bei der Buchvorstellung in Leuven. "Manchmal wollte ich alles wissen, was ich nicht mehr herausfinden konnte. Warum zum Beispiel lehnte Galina Ustvolskaya den Heiratsantrag von Dmitri Schostakowitsch ab und sprach später sogar geringschätzig über ihren Lehrer? Ihre vielen Briefe sind leider verloren gegangen. Deshalb habe ich mir die Freiheit genommen zu fantasieren. Nicht alles, was in den Geschichten steht, ist wirklich passiert. Aber ich mache das auch auf den dokumentarischen Seiten deutlich, mit denen jedes Kapitel abgeschlossen wird."

Gleichzeitig machen solche erfundenen oder halberfundenen Geschichten Lust, nachzuforschen und weiterzulesen. Denn hat Galina wirklich die Briefe von Dmitri in die Newa geworfen? Das Buch vermittelt jedenfalls das Gefühl, dass man den porträtierten Personen sehr nahe kommt, auch wenn man sie vorher nicht kannte. Bezeichnend ist, dass sie beim Vornamen beschrieben und angesprochen werden. "Wir haben das Gefühl, dass wir sie schon so lange kennen. Sie sind zu Freunden und Freundinnen geworden", sagte Emilie, die bei der Buchvorstellung von Annemarie an den Nachnamen eines Komponisten erinnert werden musste.

Testleser

Das Buch ist für "Leser von 9 bis 99 Jahren" konzipiert. "Dass die Geschichten für Kinder funktionieren, konnten wir bei unseren Testlesern aus der Grundschule und der ersten Klasse der Sekundarstufe feststellen", sagt Rebecca. "Einige Geschichten habe ich auch schon meinem sechsjährigen Sohn vorgelesen. Aber wir hoffen, dass auch Erwachsene sie alle gerne lesen werden."

Die Macherinnen hoffen jedenfalls, Kinder und Jugendliche in die Welt der (Neuen) Musik mitzunehmen. Es gibt auch viel zu lernen, mehr als nur über Musik. Nebenbei erfahren junge Leser zum Beispiel mehr über den Vietnamkrieg (bei Pauline Oliveros), über die Hausbesetzer-Bewegung (bei Louis Andriessen), über Stille, Klang und Buddhismus (John Cage), Expo 58 (Edgar Varèse und Iannis Xenakis), Sabena (Karel Goeyvaerts), die BBC (Daphne Oram), den Holocaust (György Ligeti), Stalin (Galina Ustvolskaya), die Apokalypse und uralte Schildkröten (Meredith Monk), die Krankheit ALS (Johanna Magdalena Beyer) und vieles mehr. Schwierige Wörter werden nicht umgangen. Aber alles ist leicht zu verstehen. Übrigens, muss ein Kind alles verstehen? Es bleibt immer etwas hängen. Und es geht darum, neugierig gemacht zu werden und mehr wissen zu wollen.

Was ist Musik?

Die Macherinnen wollten auch aufzeigen, wer oder was ein Komponist oder eine Komponistin ist. Das müssen auf keinen Fall mozartsche Wunderkinder sein. Komponisten können Kriegsflüchtlinge sein, oder schüchterne Mädchen, die in der Aufnahmeprüfung am Konservatorium durchgefallen sind, Menschen wie du und ich mit Zweifeln und Unsicherheiten. Oder Menschen, die, wie Mark Applebaum, einfach irgendwelche Sachen nehmen und daraus ein "Instrument" basteln, aus dem seltsame Geräusche kommen. Oder der eine "Partitur" für drei Dirigenten schrieb, die wild mit ihren Armen herumfuchteln durften, während kein Ton zu hören war. Denn er findet (klassische) Musik "ohnehin so langweilig"... Was ist übrigens "Musik"?

"Ich hoffe, dass unser Buch für junge Menschen eine Ermutigung ist, sich zu trauen", sagt Annemarie. "Denn dafür habe ich beim Schreiben große Bewunderung bekommen: Selbst wenn diese Komponisten nicht wussten, ob die Idee in ihrem Kopf sinnvoll war, ob sie funktionieren würde oder nicht, und ob sie das überhaupt schaffen würden, probierte sie es einfach. Das hat mich viel gelehrt und seitdem traue auch ich mich Dinge, die ich vorher nicht tat. Also wenn du eine Idee in deinem Kopf hast: einfach machen!"

Die Hälfte Frauen

Wahrscheinlich sind auch für viele Erwachsene, für die Neue Musik immer noch weniger vertraut klingt, einige Namen der Porträtierten neu. Rebecca: "Auch für uns gibt es Figuren darunter, die wir anfangs nicht so gut kannte. Wir wählten außerdem nicht die üblichen Verdächtigen, wie einen Pierre Boulez oder Karlheinz Stockhausen, die sich selbst genug auf ein Podest gestellt haben. Stockhausen kommt zwar vor, als Freund von Karel Goeyvaerts. Nach langen Brainstormings, unter anderem basierend auf dem Handbuch von Mark Delaere, 'Eine kleine Musikgeschichte von hier und jetzt', kamen wir zu einer langen Liste, von der wir am Ende sechzehn Namen behielten."

Bemerkenswert: Von Anfang an stand für die Macherinnen fest, dass die Hälfte der porträtierten Personen Frauen sein mussten, womit sie noch besser abschneiden wollten als das 40/60-Verhältnis in Delaeres Buch (auch ein Initiative von MATRIX).

"Jede Künstlerin stellt irgendwann fest, dass in Unterricht und Kursen über Kunst, Musik oder Literaturgeschichte fast nur von Männern die Rede ist", erklärt Annemarie den Kindern im Saal. "Als Frau kann man sich dann fragen, was man dort sitzt. Passt man in diese Geschichte? Man kann anfangen zu denken, dass Frauen doch weniger gut sind. Denn so dachte man früher. Deshalb schrieb man nicht über sie und spielte sie auch nicht. Glücklicherweise ändert sich das."

Die Geschichte schweigt

Ein äußerst aussagekräftiges Beispiel in dieser Hinsicht ist das letzte Kapitel, das Johanna Magdalena Beyer gewidmet ist. Johanna wer? Nun ja, eine Komponistin, die völlig in Vergessenheit geraten war, einfach weil sich niemand für sie interessierte. »Also hat auch niemand die Mühe auf sich genommen, etwas über sie aufzuschreiben«, heißt es in einer Art Rechtfertigung am Ende des Buches. »Und wer heute trotzdem etwas über sie erfahren möchte, hat ein großes Problem: Die Geschichte schweigt!« Bis einige Forscher dann doch, eher zufällig, neugierig wurden und feststellten, dass diese Johanna eine »Ausnahmeperson« war und ihre Musik »unglaublich spannend« ist.

»Aber natürlich finden wir die Musik von Männern auch gut und wichtig«, fügte Annemie mit einem Augenzwinkern bei der Buchvorstellung hinzu. Bei dieser Gelegenheit war es eine Lesejury von drei jungen Kindern, die die Fragen stellten. Dass sich die Zeiten vielleicht doch ändern, zeigte sich in der überraschenden Frage von Ilya: »Hattet ihr von Anfang an genauso viele Männer wie Frauen in eurem Buch oder hattet ihr Schwierigkeiten, genug Männer zu finden?«…

Ohnehin standen noch viele weitere Frauen auf der Wunschliste, antwortete Annemarie – genug für vielleicht ein nächstes Buch. Das erinnerte mich an eine Feststellung von Annelies Van Parys, die ich {{NOTRANSLATE_1}} befragte: »Vielleicht sind heute zwei Drittel der führenden Komponisten Frauen.« Bunte StreifenMan muss das Buch nicht von vorne bis hinten lesen. Man kann darin blättern und schmökern. Die Reihenfolge der Kapitel ist ohnehin weitgehend willkürlich – eine Chronologie hätte wenig Sinn gemacht. »Als alle Texte und Illustrationen fertig waren, haben wir alle Blätter auf den Boden gelegt und entschieden, wie wir sie anordnen wollten«, erklärt Rebecca.

Dieser Arbeitsprozess spiegelte sich auch auf dem Buchcover wider. Darauf sind Reihen farbiger Streifen zu sehen, die die Seitenzahl jedes Kapitels darstellen und sein Farbpalette zeigen. Emilie: »Sechzehn unterschiedliche Charaktere in einem Bild zusammenzufassen, fand ich nicht einfach. Aber irgendwann stießen wir auf ein Skizzenbuch von Iannis Xenakis, eine Art visuelle Partitur. Das gab mir als bildende Künstlerin, die in die Welt der Musik eintrat, die Idee, davon meine eigene Version zu machen – mit Streifen und Farben und Bleistiftnotizen. Man kann den Cover also als die Partitur des Buches betrachten.«

Zuhören

Nur über die Platzierung des Kapitels mit viel Erklärung über elektronische Musik – das in der Mitte stand – und über das erste und letzte Kapitel waren sich die Macherinnen schnell einig, fügt Rebecca hinzu. Im ersten Kapitel erlebst du das Denken der amerikanischen Komponistin und Akkordeonistin Pauline Oliveros mit, die den Begriff »Deep Listening« prägte. »Auch wir legen den Fokus auf das Zuhören«, betont Annemarie zum Abschluss. »Zuhören ist sö wichtig. Es wäre schön, wenn wir das unseren Lesern mitgeben könnten.«

Annemarie Peeters und Emilie Lauwers: Kopf voller Klänge – Geschichten aus der Welt der Musik, Borgerhoff & Lamberigts, 224 S.

Ausführliches Zuhören ist über die Seite zum Zuhören auf der Website zum Buch möglich.

  • Diese Rezension ist auch auf dem Blog erschienen
  • Annemarie Peeters Emilie Lauwers
  • Auf Initiative von MATRIX [Zentrum für Neue Musik] ist gerade das mutige Buch »Kopf voller Klänge – Geschichten aus der Welt der Musik« erschienen. Ein Buch mit Porträts von Menschen, die es wagten, eine Idee aus ihrem Kopf in Musik umzusetzen. Mutig in seinem Konzept durch die Vielfalt… Notizen einer Frau am Klavier.

Detalhes:

Título:

  • Frauen und Männer mit einem Kopf voller Klänge

Künstler:

  • Annemarie Peeters
    Emilie Lauwers

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