Festival 20'21, Musik des 20.e und 21.e Jahrhundert
TRANSIT, Festival für zeitgenössische Musik
12. September bis 26. Oktober 2024 in Leuven
Bereits seit der Gründung 1994, als das Festival 20'21 noch »Festival van Vlaams-Brabant« und später »Novecento« hieß, war es die Absicht von Festivalleiter Prof. em. Mark Delaere, nicht nur »schöne Musik in bester Aufführung« zu den Menschen zu bringen, sondern jedes Mal wieder nach Zusammenhang und Bedeutung zu suchen. Da auch die heutigen künstlerischen Leiter Pieter Bergé (20'21) und Maarten Beirens (Transit) gerne Fäden zwischen den gespielten Werken weben, wirkt es oft, als wäre jedes Konzertprogramm selbst eine Komposition. Das Publikum weiß, dass es hauptsächlich Musik nach 1900 hören wird, aber mit Schönberg zu eröffnen – das trauen sich nicht viele Festivals.) das muss man sich trauen 20'21 will sein dreißigstes Jubiläum, wie es sagt, eher bescheiden feiern und richtet sich dabei nach dem akademischen Jahr der Universitätsstadt aus. Sicher ist jedenfalls, dass das inzwischen verwöhnte Konzertpublikum wieder bereichert hinausgehen wird..
Auffallend ist, dass diese Ausgabe – vielleicht weil die beiden Festivals 20'21 und Transit selbst Geburtstag haben – besondere Aufmerksamkeit den Jubiläen von Komponisten widmet. Zwei wichtige und möglicherweise noch wenig bekannte 150-Jährige wollten sie nicht übersehen. Deshalb eröffnet die Reihe ausnahmsweise bereits vor Semesterbeginn am
150 – 100
13. September , genau am Geburtstag von Arnold Schönberg (1874). Der Pate der amerikanischen Avantgarde, Charles Ives, wurde kurz darauf im selben großen Jahr 1874 geboren. Das »Prelude-Konzert« wird ein abenteuerliches Wiener-Amerikanisches Doppel, ergänzt durch Anton Webern, Henry Cowell, Frederic Rzewski und Ferruccio Busoni, der vor 100 Jahren starb. Der Pianist Daan Vandewalle, Kenner dieses Repertoires und Freund des Festivals, wird diese Werke interpretierten.Da der Ives-Spezialist und Autor von
Listening to Charles Ives. Variations on His America Prof. em. Peter Burkholder im September zufällig in unserem Land ist für einen Kongress über Musik nach 1900, eröffnet das Festival sogar noch einen Tag früher. Am 12. September hält Burkholder, der sich sein ganzes Leben Ives gewidmet hat, einen Vortrag, in dem er die Hörer vorbereitet und ermutigt, mit »offenen Geist, offenen Ohren« der vielleicht eigenständigsten und radikalsten Komponistin der Musikgeschichte zuzuhören. Ist dies der Mann von tausend Thronen
der unsere Erde mit feindlichen Knochen bestreute
und kann er so überleben?
Zwei Wochen später, am 26. September, ist der 150-jährige Schönberg erneut zu hören im Klavierquintett
Ode an Napoleon Buonaparte Ode an Napoleon Buonaparte, in dem der jüdische Komponist 1942 aus den USA auf äußerst persönliche Weise sarcastisch Kommentar zu den Ereignissen in Europa gibt, vor denen er geflohen ist. Die beißenden Worte aus dem gleichnamigen Gedicht von Lord Byron, das Schönberg vertonte, werden nicht gesungen, sondern eher rhythmisch deklamiert von niemand Geringerem als Dietrich Henschel. Trio Khaldei, erweitert um Tony Nys (Bratsche) und Maximilian Lohse (Violine), eröffnen das Konzert nicht nur, sondern beenden es auch mit Ode an Napoleon. Zu wissen, dass man ein Stück zweimal hören wird, kann ein besonderes Konzerterlebnis mit sich bringen und bietet die Möglichkeit, tiefer in ein Stück einzutauchen. Bei der zweiten Aufführung kannst du vielleicht auf andere Parameter achten als beim ersten, allgemeineren Hören. Vielleicht erfahren wir so, wie variabel das Hören eines Werkes sein kann, denn können wir je zweimal denselben musikalischen Fluss überqueren? Dazwischen sind Teile aus Beethovens Eroica zu hören in einer Bearbeitung für Klavierquintett von Ferdinand Ries und dem Klavierquartett von Aaron Copland. Lob und Schrecken für einen autoritären Anführer, in einem Atemzug.
Geburtstag haben bedeutet auch, zurückzuschauen auf das Gute, das es gab. Für das ‚echte' Eröffnungskonzert am 23. September, den Beginn des Akademiejahres, greift das Festival – zur Freude derer, die damals dabei waren – auf ein scharf geschmacktes Programm von 2018 zurück, als Komponist Daan Janssens auf Wunsch des Festivals Schuberts Liederzyklus Die schöne Müllerin für eine größere Besetzung bearbeitet hat. Schubert bleibt unangetastet, aber in Janssens' Eine schöne Müllerin erhalten die Melodien eine reiche, zeitgenössische Klangwelt. An geeigneten Stellen fügt er eigene Intermezzi auf Texte von Fernando Pessoa aus dem Buch der Unruhe hinzu. Die CD-Aufnahme, die Spectra unter der Leitung von Filip Rathé inzwischen mit Tenor Thomas Blondelle gemacht hat (2018 sang Thomas E. Bauer), wird am Tag des Konzerts vorgestellt. Ein Muss, durch den originalen musikalischen Inhalt, aber auch durch die Gestaltung, die der Bildungsdramaturgist Lise Bruyneel anvertraut wurde, der seit Jahren den visuellen Aspekt von 20›21 gestaltet.
EINE SCHÖNE MÜLLERIN von Daan Janssens Aufnahme der Uraufführung 2018 mit Thomas E. Bauer
65 – 25
Wenn man eine Sonate schreiben kann, kann man genauso gut 24 schreiben, muss sich Komponist Frank Nuyts gedacht haben. Mit seiner bekannten Überfluss an Energie und Ideen hat er im Laufe der Jahre der ehrwürdigen Klaviersonate zeitgenössisches Leben eingehaucht. In der Nachfolge von Mozart, Haydn, Beethoven oder Schubert schrieb er 24 virtuose und funkelnde Sonaten, maßgeschneidert für verschiedene Pianisten. Auf Transit, das übrigens auch schon 25 Jahre besteht, spielen Elisa Medinilla, Jan Michiels und Barbara Baltussen die Sonaten 8, 16 und 24, die ihnen auf den Leib geschrieben sind. Wer weiß, wird das ein Selbstporträt-Konzert? In jedem Fall findet in Leuven mit zwei Jahren Verspätung endlich ein Fest zum 65.e Geburtstag von Frank Nuyts statt, der weiß, dass COVID-19 lange nachwirken kann. Wer den kompletten Zyklus aller 24 Sonaten durch 18 verschiedene Ausführende, jede mit einer einzigartigen Einleitung des Komponisten, erleben möchte, muss zum letzten Septemberwochenende nach Quatre Mains in Gent.
20
Für den malaysischen Komponisten Kee-Yong Chong ist diese Ausgabe von 20›21 eine Form der Heimkehr. Gerade am Konservatorium Brüssel bei Jan Van Landeghem und Daniel Capelletti abgeschlossen, bekam er in den Anfangsjahren von Transit die Chance, eine belgische Kreation zu präsentieren. Am 19. Oktober kehrt Chong nach Leuven zurück als einer der führenden Komponisten Südostasiens mit einer Auftragskomposition des Festivals.
EX NIHILO
Ex Nihilo ist nicht nur der Titel des Konzerts mit Brecht Valckenaers am 15. Oktober,
ex nihilo ist auch die Arbeitsweise des Festivals. Mit Ausnahme von Grain de la Voix, das am 30. September ein musikalisches Mosaik um die Messe de Notre Dame von Guillaume de Machaut bringt, entstehen alle Konzertprogramme auch dieses Mal wieder ‚from scratch' und reifen langsam nach einem Austausch von Ideen zwischen den Ausführenden und den Programmgestaltern. Um zu einem stimmigen Konzertprogramm zu gelangen, fließt oft viel Tinte, und E-Mails gehen hin und her. So auch das Collage-Konzert 1951 begann ich, mit sehr einfachen Strukturen von Rhythmen und Sonoritäten zu experimentieren, als würde ich eine ‚neue Musik' aus dem Nichts aufbauen. Was kann ich mit einer einzelnen Note anfangen? Mit ihrer Oktave? Mit einem Intervall? Mit zwei Intervallen? Mit bestimmten rhythmischen Beziehungen? rund um Musik von György Ligeti.
Wenn 20›21 und besonders Transit im Frühling ihre Broschüre in die Welt hinausschicken, ist viel der darin erwähnten Musik noch gar nicht geschrieben. Während Sie dies lesen, schreibt oder überarbeitet Brecht Valckenaers die Intermezzos für das Ligeti-Konzert noch. 1951 war der rumänisch-ungarische Ligeti ein junger Komponist von 27, der völlig steckengeblieben war und seine Musiksprache neu erfinden wollte. Was konnte er mit einer einzigen Note anfangen? Mit einem Intervall? Mit bestimmten rhythmischen Prinzipien? Suchend entstand das Klavierwerk aus elf Stücken Musica RicercataDer Pianist-Komponist Brecht Valckenaers, der zu Ligetis Zeit noch einige Jahre jünger ist, entwickelt diese Musik weiter und dehnt sie zu einem vollwertigen Konzertprogramm aus, das sowohl fünf eigene Interludi als auch fünf verbindende Fragmente von Lachenmann, Kurtág, Crumb, Cowell und Bartók umfasst.
György Ligeti.
Musica ricercata ist ein elfeiliger Zyklus, in dem Ligeti nach einer neuen Sprache sucht, fast aus dem Nichts, manchmal mit sehr wenig Material viel bewirkend. In Teil I verwendet er nur zwei Noten: das A an allen möglichen Stellen des Klaviers und ganz am Ende zweimal D wie eine Art Lösung. Für Teil II wählt er drei (andere) Noten, Teil III vier Noten und so weiter … um mit den 12 Noten in Teil XI zu enden. So sparsam er die Noten einsetzt, so großzügig kombiniert er die unterschiedlichsten Rhythmen und experimentiert ausgiebig mit Textur, Dynamik und emotionaler Ausdruckskraft.
! FEST!
Das Podium der Soetezaal in STUK wird viel zu klein sein, denn Transit präsentiert zum ersten Mal in seiner Geschichte ein echtes Symphonieorchester. 80 Studierende der Akademie Podium Sint-Niklaas spielen sowohl Dalis Traum? von Luc Brewaeys als auch die Kreation von Seile des belgisch-syrischen Komponisten Shalan-Alhamwy, eines Musikers mit Wurzeln von Homs bis nach Gent. Erwartet musikalische Traditionen von Gnawa-Musik aus Marokko bis zur westlichen Romantik. Die Bagala, Oud und Perkussion aus dem Nahen Osten verleihen dem Orchester zusätzliche Farbe.

Holzschnitt von Conrad Felixmüller des Komponisten Erwin Schulhoff, Prag 1924. © Lindenau-Museum, Altenburg, VG Bild-Kunst.
Der feierlichste Moment des Festivals ist für den Themata auf den 13. Oktober vorgesehen, der wegen der Kommunalwahl ausnahmsweise erst um 13:30 Uhr beginnt und sich dieses Jahr den tschechischen Großmeistern Bohuslav Martinů, Leoš Janáček und Erwin Schulhoff widmet. Tschechien entdecken! umfasst zwei Konzerte, eines für Streicher und eines für Bläser und Perkussion. Höhepunkt ist der Tanz der Philosophen, Ballerinen, Boxer, Kritikaster, Parvenüs, … im Satirisches Ballett Der Bürger als Gentleman von Erwin Schulhoff, der Molières und Lullys würde-be-Aristokrat 1926 neu formte. Das Festival, das immer großen Wert auf eine sorgfältig dosierte visuelle Komponente der Musik legt, hat für diese Aufführung die Zeichnerin Gerda Dendooven engagiert, um mit Feder und Bleistift mitzumusizieren. Sieben Bläser der I Solisti und eine Batterie von fünf Perkussionisten verschwinden so weit wie möglich im Orchestergraben, um die Bühne für Dendoovens Bühnenbild freizumachen und ihr zu erlauben, live zu zeichnen. Wird sie sich vielleicht mit der politischen Aktualität des 13. Oktober auseinandersetzen? Ein Konzert, das man sich wörtlich ansehen sollte.
Nach dem Abendkonzert sind Sie herzlich eingeladen, sich in der Foyer der Stadsschouwburg zu treffen, um auf 30 schöne Jahre anzustoßen und gleichzeitig auf die weitere Zukunft des Festivals 20'21. Und träumen Sie laut weiter von der neuen Leuven Konzerthalle, deren Grundstein noch immer gelegt werden muss? Derweil können Sie bereits die brandneue Halle auf der Philipssite entdecken, modern ausgestattet, leicht erreichbar und sehr geeignet für Kammermusik. Die Akustik können Sie testen, wenn das Ragazze Quartet sowohl Dvořák spielt als auch die zwei weiblichen amerikanischen Komponistinnen Ruth Crawford Seeger und Florence Price. Musik Aus der neuen(sten) Welt, am 3. Oktober 2024.
Natürlich ist es nichts Falsches, sich mitreißen zu lassen und einfach die vielen sorgfältig programmierten Konzerte zu genießen, aber es ist gut zu wissen, dass es den Schöpfern nicht nur darum geht. Für künstlerischen Direktor Pieter Bergé "ist der Konzertsaal keine Zuflucht, um sich von der überwältigenden Realität zu erholen, sondern ein Ort, um über diese Realität nachzudenken und wo mehrere Interpretationen möglich sind."
Für Konzerte, Termine und Tickets siehe die Website




