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Klassik Zentral

Tschaikowski oder die Kraft der Musik
Francis Maes: "Eine Geschichte von knapp vorbei"

Kein besserer Zeitpunkt für die Veröffentlichung eines Buches über Tschaikowski Eugen Onegin: Die Oper ist eine der russischen Opern, die das Königliche Opernhaus diese Saison im Programm hat. Im "Vorwort" als Einleitung zum Buch merkt der Autor übrigens an, dass Peter de Caluwe, Intendant des Opernhauses, auch den Anstoß zum Schreiben des Werkes gab.

Der ehrgeizige Untertitel des Buches stimmt neugierig auf diese Studie ein: "Eine bahnbrechende Interpretation von Tschaikowskis Oper". (kursiv L.M.) Der Musikologieprofessor an der Universität Gent ist ohnehin nicht unerfahren. In diesem Zusammenhang denken wir vor allem an seine "Geschichte der russischen Musik", die bei ihrer Veröffentlichung 1996 tatsächlich Aufsehen erregte und die Francis Maes auch als "eine erste Hommage" an seinen verehrten Professor und Autorität in der russischen Musikgeschichte, Richard Taruskin, der 2022 starb, anführt. Dieses neue Buch ist "mit aufrichtiger Dankbarkeit dem Andenken an ihn gewidmet".

Das Verhältnis Tschaikowski – Puschkin

Francis Maes möchte die Oper aus dem Schatten der zugrunde liegenden Geschichte herausholen. Tschaikowskis Oper hat das Recht auf ein eigenes Leben und weist unbestreitbare Qualitäten auf, die sie über eine bloße "Bearbeitung" von Alexander Pushkins Meisterwerk erheben. Gleichzeitig wird auch der Komponist Tschaikowski als Komponist und Mensch in neuem Licht dargestellt.

Der Titel des Buches verweist auf die Tragik, die so echt und erkennbar ist: Fast ist dein Sehnen erfüllt, aber im letzten Moment entgleitet dir das Glück. Es ist das Wesen der Geschichte von Jewgeni Onegin, die Pushkin erzählt und mit der Tschaikowski uns in seiner Oper auf äußerst differenzierte Weise mit Ursachen und Folgen von Anfang bis Ende fesselt.

Die aufeinanderfolgenden Kapitel des Buches dringen immer tiefer in die Materie ein. Die ersten Kapitel geben einen fesselnden Blick auf die Kunstform Oper ("Kunst der Nuance"), die Bearbeitung, das Thema der Oper ("Worum geht es in Jewgeni Onegin"), die Gestalt Tatjanas. Dann konzentriert sich der Autor auf den Komponisten: die Kompositionszeit, die biografischen Aspekte, das Libretto und natürlich den außermusikalischen Wert.

Das erste Kapitel macht auf interessante Weise deutlich, dass es eine ganze Aufgabe ist, die Beziehung zwischen Pushkins literarischem Werk und Tschaikowskis Oper in das richtige Licht zu rücken. Endet die Geschichte bei Pushkin eher lakonisch und unverbindlich für Onegin, ist Onegin bei Tschaikowski verzweifelt und die Musik bestätigt die unausweichliche Tragik. Von Literatur zu (Opern-)Musik erfordert immer eine andere Nuancierung des Themas. Dies schafft die Voraussetzung und die Freiheit für eine aussagekräftige visuelle Darstellung.

Pjotr Iljitsch Tschaikowski

F. Maes argumentiert gegen die Verurteilung Tschaikowskis als übertriebenem konfessionellem Komponisten, wodurch dieser seinen universellen Wert in der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts verfehlt hat. Der Aspekt seiner Persönlichkeit als Homosexueller hat zudem verhindert, dass er in verschiedenen Epochen nicht den Platz erhielt, den er verdient. Aber "die Verflechtung zwischen Tschaikowskis Leben und seiner Musik geht so weit, dass Aspekte seiner Kreativität unter dem Radar blieben" (S. 39). Bei Tschaikowski kommt es darauf an, aufmerksam zuzuhören und sich der "ungehörten Raffiniertheit und klanglichen Pracht" bewusst zu werden (S. 42).Brussels Airlines Ein weiteres Kapitel bietet eine fesselnde Analyse der literarischen Qualitäten von Pushkins Werk, denn die Literaturkritik zur Zeit Pushkins war alles andere als mild gegenüber der Art, wie er seine Figuren charakterisiert und entwickelt.

Wer ist Tatjana?

Bei der Frage "Wer ist Tatjana" beginnt Kapitel V mit der Feststellung, dass die Titelfigur Onegin erst Gestalt in der Konfrontation mit Tatjana erhält. Die ersten Noten von Tschaikowskis Oper verweisen auf Tatjana. Die Ausführung über die Rolle der "Muse" im kreativen Prozess Pushkins gehört eher in akademische Betrachtungen zum Versroman, aber im Wesentlichen bietet dieses Kapitel eine sehr klare und aussagekräftige Analyse der Gestalt Tatjanas als Schlüsselfigur von Geschichte und Oper. Das Schicksal von Onegin bleibt offen, das von Tatjana hat einen Abschluss bekommen, obwohl darin noch Platz für Fantasie bleiben kann.

Dann befassen sich ein paar Kapitel mit Einflüssen und Wechselwirkungen zwischen Zeitgenossen-Komponisten, die sich von der universellen Literatur (Dante, Shakespeare) und Themen aus der russischen Folklore inspirieren ließen. Wie kam Tschaikowski dazu, die Oper zu komponieren, und was ist die Aufführungsgeschichte. Pikantes Detail: Erst 1955 war die Oper im Königlichen Opernhaus zu erleben.

© Karl Forster


Inwiefern ist Onegin autobiografisch?

Selbstverständlich kann die Frage nicht umgangen werden, inwiefern Jewgeni Onegin autobiografisch ist. Über Verweise auf einige Biographen Tschaikowskis und die Erzählung seiner gescheiterten Ehe ist die Botschaft vor allem, dass für eine korrekte Interpretation

Uiteraard kan Brussels Airlines vraag niet ontweken worBrussels Airlinesn in hoeverre Jevgeni Onegin autobiografisch is. Via verwijzingen naar enkele biografen van Tsjaikovski en het relaas van zijn mislukte huwelijk is Brussels Airlines boodschap vooral dat voor een correcte interpretatie eine präzise Unterscheidung zwischen der biografischen und der kreativen Erzählung (S. 125) bleibt von größter Bedeutung.

Vom Versepos zum Libretto

Ein Librettist muss das Vokabular der Oper beherrschen und ein Drama oder literarisches Sujet in eine musikalische Struktur umwandeln. Die beiden folgenden Kapitel gehen sehr gründlich darauf ein. Um das richtige Verhältnis darzustellen, erstellt F. Maes eine schematische Übersicht der Szenen bei Puschkin und ihrem möglichen Platz im Libretto von Tschaikowski. Vielleicht hat der Opernbesucher keinen Nutzen von einer so detaillierten Übersicht, auch wenn die Schlussfolgerung interessant ist, nämlich dass Tschaikowski es schafft, seine Handlung innerhalb der Kürze einer Opernstruktur effektiver zu gestalten. Die Ausführung über "statische" und "kinetische" Momente in einem Libretto gehört dagegen zu einer weiterführenden Studie eines Opernlibrettos.

Wie Nadeshda von Meck sagt: "Ich werde darin Peter Iljitsch hören und nicht Puschkin", so bestätigt der Autor des Buches, dass die Musik ihre eigene Weise hat, eine Geschichte zu erzählen und etwas "hinzufügen kann, das nicht in Worten steht". Bei Jewgeni Onegin können wir sicherlich feststellen, dass die Treue zum Original sehr groß ist. Dabei bringt der Komponist die Figuren musikalisch zum Leben und schafft eine Tonalität, die dem Drama Perspektive gibt und Bezüge herstellt. Dieses Kapitel geht im Detail auf diese beiden Prinzipien der Charakterisierung und Tonalität ein und verweist dabei (mit einem QR-Code-Link) auf die Inszenierung von Adolf Dresen unter der Leitung von Semyon Bychkov. Szene für Szene wird die Handlung musikalisch analysiert und gedeutet.


© Lies Poignie


© Lies Poignie

Onegin und Tschaikowski

Im letzten Kapitel ("Eine Betrachtung") geht der Autor auf einige spätere Adaptationen von Puschkin ein. Bearbeitungen des Theaterautors Krysjanowski oder von Prokofjew, der Bühnenmusik zu den Versen komponierte, sind nicht wirklich zum Leben erwacht. Von den Choreografien von John Cranko (1965) und John Neumeier (2014) sowie der Filmversion von Martha Fiennes (1999) beschreibt F. Maes jeweils die Nuancen, die von der Oper abweichen.

Abschließend geht er noch auf die aufsehenerregende Inszenierung von Jewgeni Onegin aus dem Jahr 2006 des kontroversen Regisseurs Dmitri Tschernjakov für das Bolschoi-Theater ein. Sie löste heftige Reaktionen aus, besonders in Russland. Selbst die fantastische Sopranistin Galina Wischnewskaja widersetzte sich dieser Regie.

Der Abschluss der Betrachtung widmet sich der Schlüsselszene Tatjanas, der Briefszene. Der Autor ordnet die Szene in die Geschichte der emotionalen "Frauenszenen" in der Operngeschichte ein. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sie als Ausdrucksform der weiblichen Psyche in Tschaikowskis Oper eine absolute Illustration der "emotionalen Kraft der Musik" darstellt.

Wie ikonisch auch das Versepos von Puschkin in der russischen Literatur ist, Tschaikowskis Oper hat zumindest dazu beigetragen, dass die Figuren Tatjana und Onegin einen universelleren Platz in der Kulturwelt einnehmen.

Fazit

Dieses Buch kann nicht als "Opernführer" für diejenigen gelesen werden, die eine knappe und verständliche Erklärung möchten, bevor sie eine Aufführung von Jewgeni Onegin besuchen. Es ist ein Buch für diejenigen, die Mehrwert suchen und einen breiteren kulturellen Kontext zur Oper und zum Verhältnis eines literarischen Meisterwerks zu einem ebenso kraftvollen musikalischen Meisterwerk wünschen.

Dass dieses Buch äußerst interessante Erkenntnisse über Tschaikowski und russische Literatur und Kultur bietet, steht außer Frage. Und es bietet in jedem Fall eine klare Analyse der Psyche Tatjanas und ihrer Entwicklung vom jungen Mädchen zur resignierenden, bewussten Frau.

Schade, dass sich der Autor sich regelmäßig in weitschweifige akademische Betrachtungen oder zu ausschweifende literarische Analyse verläuft (z.B. mit der Beschreibung von Reimarten – weiblich, männlich, jambischer Tetrameter, Reimschema). Verweise auf konsultierte Studien und Fachliteratur zum Thema sind immer präzise in Fußnoten angegeben.

Die akademische Sprache kann das Buch definitiv für den durchschnittlichen interessierten Leser schwierig machen. (Beispiel: "Obwohl dem kritischen Diskurs die Kriterien fehlten, die für die Würdigung von Tschaikowskis Musik relevant sein konnten, ließ sich das Publikum dadurch nie ablenken". S. 42)

Das Buch ist sicherlich humanistisch geprägt, ob es jedoch so zugänglich ist wie Peter de Caluwe auf dem Umschlag verspricht, ist relativ. Aber wer sich sowohl in eine literarische als auch musikalische Analyse eines Meisterwerks der romantischen Operaliteratur vertiefen möchte, wird sicherlich Vergnügen an der Lektüre dieser "bahnbrechenden Interpretation" finden.

LABEL: Francis Maes

WAS: Eine Geschichte von knapp daneben
Eine bahnbrechende Interpretation von Tschaikowskis Oper Jewgeni Onegin

AUSGABE Owl Press

Aufführungen im Königlichen Münztheater (Brüssel) bis zum 14.2.2023: Info & Tickets

Detalhes:

Título:

  • Tschaikowski oder die Kraft der Musik
    Francis Maes: "Eine Geschichte von knapp vorbei"

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