Kein Wagner in Bayreuth? Aber ja, sehr wohl! Man kann sich Bayreuth ohne Wagner nicht vorstellen – Wagner ist überall präsent, sogar in den Passwörtern von Logins versteckt. Glücklicherweise ist Wagner nicht mehr allein. Es gibt Bayreuther Barock und kürzlich war Gluck der Publikumsmagnet.
Christoph Willuck von Gluck (1714–1787), der unterschätzte Komponist, der quasi zwischen den Falten der Musikgeschichte verschwunden ist – ohne ihn hätte es kein Klassizismus gegeben und möglicherweise weder Mozart noch Wagner. Wer kennt wirklich mehr von ihm als nur "Ach, ich habe sie verloren" und das Ballett aus seiner Orfeo ed Euridice? Wenige. Das Gluck-Festival bringt nun Abhilfe in dieser Missachtung, und knapp 240 Jahre nach dem Tod des genialen Komponisten erhält er endlich die Anerkennung, die ihm gebührt. Wagner wusste sehr wohl, wofür Gluck stand, und bearbeitete dessen Musik. Das sagt bereits viel über Richard Wagner aus, einen Mann, der nicht unkompliziert war. Ob diese Bearbeitungen gelungen sind, wird kontrovers diskutiert, aber alles muss in seiner Zeit betrachtet werden.
Die "Gluck Festspiele 2026", die das Thema Amor & Psyche ins Rampenlicht stellen, luden mehrere Musikkritiker ein, um zwei Opern von Gluck kennenzulernen und darüber zu berichten: eine in einer Bearbeitung von Wagner, Iphigenie in Aulis, die andere, Paris und Helena, in der Originalfassung. Der Rahmen für Wagners Gluck-Bearbeitung war im (noch nicht vollständig fertiggestellten) Komplex Friedrichsforum, der "Großen Saal", während man sich für die Oper Paride ed Elena für das Markgräfliche Opernhaus entschied. Letzteres ist, völlig zu Recht, UNESCO-Weltkulturerbe. Ein Rokoko-Saal mit Bühne, bemerkenswert viel Trompe-l'œil-Malerei neben hervorragend ausgeführten Holzschnitzereien und Stuckaturen. Besonders auffällig ist, dass alle großen Gardinen, die normalerweise aus rotem Samt sind, hier einfach Teil der Trompe-l'œil-Malerei sind.
Iphigenie in Aulis oder Gluck durch Wagners Augen
Die stark renovierte Große Saal im seit Jahren in Renovierung befindlichen Friedrichsforum empfing Musiker und Publikum, um zu erleben, wie Wagner die heute tatsächlich unbekannte Oper Iphigenie in Aulis von Gluck nach seinem Geschmack umgestaltete und dabei das Original respektierte. In diesem Respekt ist er erfolgreich. Sein Temperament machte aus dieser Oper, die neben den Soli bemerkenswert viel Aufmerksamkeit dem Chor und natürlich dem Orchester schenkt, ein ziemlich heftig wirkendes Ganzes, das etwas überwältigend ist. Schön ist es sicherlich, auch ungewöhnlich. Wir hörten ein musikalisches Ganzes unter der Leitung von Michael Hofstetter, das in sehr guter Verfassung war und vollständig in einer konzertanten Aufführung aufging. Dies war bewusst gewählt, um mehr Aufmerksamkeit auf die für die meisten unter uns unbekannte Musik zu legen und um die Bedeutung von Gluck für die Oper nach ihm zu unterstreichen. Man muss es aussprechen und schreiben: Ohne Gluck hätte man vielleicht nur herumgewurstelt und das Musiktheater wäre möglicherweise ausgestorben, weil es die Menschen in jenen turbulenten Zeiten der Neuerungen auf allen Ebenen der Gesellschaft langweilen könnte.

Die Ausführenden im Überblick: Bo Skovhus, Agamemnon – Vero Miller, Klytämnestra – Francesca Lombardi Mazzulli, Iphigenie – Aco Bišćević, Achilleus – Christian Miedl, Kalchas – Soula Parassidis, Pallas Athene – Chor Cantus Thuringia – ThüringenPhilharmonie Gotha-Eisenach – Michael Hofstetter, Dirigent
Reines Paride ed Elena in meinen Top 3!
Vielleicht bin ich bei meiner Besprechung von Iphigenie in Aulis etwas kurz angebunden, aber warum? Das hat einen Grund: die Aufführung der Oper Paride ed Elena. Musikalisch gestaltet von demselben engagierten Dirigenten – ein Mann, der meditiert, bevor er zur Arbeit geht – und demselben Chor, mit anderen Sängern allerdings, und diesmal mit nicht weniger als der Akademie für Alte Musik Berlin. Eine Ansammlung von Musikern, die für das Beste des Besten stand und steht, und das bewies sich auch.
Hofstetter, neben Dirigent auch Intendant der Gluck Festspiele 2026, entschied sich erneut für eine konzertante Aufführung. Man könnte es bedauern, denn solch eine griechische Tragödie verlangt nach schönem Bühnenbild, in Falten fallende Gewänder der wohlhabenden griechischen Damen jener alten Zeiten und mehr, aber das theatralische Element fehlte niemandem. Das Bühnenbild an sich ist mehr als reichhaltig – ein Stück barocker Harmonie und Symmetrie, das dem Auge genug gibt. Vom Schauspiel kann man in einer solchen Geschichte nicht viel mehr erwarten als etwas steifes Hin- und Hergehen, aber hier wurde es geschickt ersetzt durch Sänger, die eine sehr ausdrucksstarke Mimik und abgewogene Gesten zeigten, sodass niemand zusätzliches Theater brauchte.
Was das Auge betraf, war es reichlich befriedigend, aber musikalisch bekamen wir etwas Unübertroffenes. Ich übertreibe nicht: es war eine der drei besten Opernaufführungen, die ich je live erleben durfte. Den ersten Platz belegen und behalten weiterhin Don Carlos von Verdi durch die Opéra de Wallonie-Lüttich 2020. Den zweiten Platz reserviere ich mir nach reiflicher Überlegung (Gewissensfrage) für Rigoletto von Verdi in Novi Sad 2019, und nun, an dritter Stelle oder gleichauf mit Rigoletto, ist dies Paride ed Elena. Drei völlig unterschiedliche Werke, aber mit derselben künstlerischen Inspiration, die bedingungslosen Treueanspruch zum Original und größten Respekt vor dem Werk von Komponist und Librettist einschließen. Es ist ein Vergnügen, einen Dirigenten bei der Arbeit zu sehen, der völlig von der Partitur aufgesogen wird und mit strahlendem Lächeln seine Musiker inspirierend und zugleich ermutigend für ein Werk leitet, das man nicht kennt.
Unbekannt war diese Oper nicht, höre dir Mozarts Idomeneo an…
Was hat nun Mozarts Idomeneo mit dieser heute unbekannten Oper von Gluck zu tun? Nicht alles, aber mehr als du denkst. Mozart bringt in Idomeneo sicherlich eine Ehrerbietung an Gluck mit dem Schlusschor. Die Kastratrolle hat zwei ausgedehnte musikalisch mitreißende, zutiefst ergreifende Arien, die Virtuosität, Technik und vor allem ein sehr großes künstlerisches Talent verlangen und das Publikum verstummen lassen, sodass es kaum zu atmen wagt. Es sind Arien, die dich nicht mehr an Gluck erinnern, sondern viel mehr an Mozart. Das Genie steckt übrigens auch in den anderen Arien und in der ganzen Partitur, aber dennoch, diese Oper ist vielleicht noch mehr als Glucks Orfeo die Revolution in der Oper, die unter anderem zu Mozart führte.
Die künstlerischen Leistungen des berühmten Orchesters und des Chores waren bereits mitreißend, aber die Sänger mit ihrer zurückhaltenden, dennoch so betonten Mimik und Gestik brachten das Ganze so herüber, als wäre es eine szenische und überhaupt keine konzertante Aufführung.
Wie am Vorabend zuvor war es ein Vergnügen, ausgezeichneten Sängerinnen und Sängern zu lauschen und einer Stimme, die man nie mehr vergessen kann. Die Professionalität des Trios Roberta Mameli als die verliebte, widerstrebende und eroberte Elena, Vanessa Waldhart in der Rolle der allmächtigen Amor und die harte, rachsüchtige Athena durch Soula Parassidis war von höchstem Niveau. Und dann Paride… Eine Kastratenrolle, die heute von Frauen gesungen wird, weil Männer, zum Glück!, nicht mehr mit zwölf Jahren kastriert werden, um ihre schöne Knabenstimme zu bewahren. Der Sänger – keine Sängerin – erfüllt diese Aufgabe mehr als beeindruckend. Es gibt Männer, die wie ein Kastrat singen können, oder zumindest annähernd, auch wenn es etwas anders klang, geschenkt. Ab und zu hört man einen von ihnen. Einer dieser Sänger ist Samuel Marino. Hochausgebildet im künstlerischen Milieu mit Ballett und Gesang, Sohn von Universitätsprofessoren, die es leider schwer hatten mit ihrem Sohn, weil dieser einfach ‚anders' war. So hat er keinen vollständigen Stimmbruch durchlaufen, etwas Seltenes, aber Existierendes. Lesen Sie mehr über ihn über diesen Link.
Marino ist ein musikalisches Geschenk des Himmels. Wie soll man das ausdrücken, das nicht auszudrücken ist? Auf den verschiedenen Kanälen, wo man Musik hören kann, findest du Aufnahmen mit diesem einzigartigen Sänger, einem Sopranist. Liebe Leserinnen und Leser, greift zu, sucht, entdeckt und findet heraus, wo und wann ihr dieses musikalische Unikum erleben könnt. Und mittlerweile habt ihr auch gelernt, dass Bayreuth viel mehr ist als nur Wagner, Dank gebührt nicht anderem als eben Wagner.








