Vor einer knappen Woche eröffnete die Münz in Brüssel ihre Opernsaison mit Richard Wagners Siegfried (1876). Damit setzt das Haus seinen Ring-Zyklus fort – der große Schwanengesang des künstlerischen Direktors Peter de Caluwe. Damit verlagert sich die Geschichte von der mythischen Götterwelt ins irdische Reich der Menschen. Unter der Leitung des Dirigenten Alain Altinoglu und mit einer neuen Regie von Pierre Audi erforscht die Münz damit den allmählichen, aber epischen Aufstieg zur Götterdämmerung. Das versprach 5,5 Stunden Spannung und mythologisches Drama – und hielt dieses Versprechen vollständig ein.
Philosophische Reflexion, spektakulärer Realismus
"The Ring can shed its skin and start again" – mit diesem Zitat kündigte Audi den Regiechechsel von Wagners Opus Magnum an, der nun in seine Hände kam. Sein Vorgänger Romeo Castellucci strebte nach Größe, philosophischen Reflexionen und subtiler Symbolik. Etwas, das er auch in den vorherigen Opernproduktionen umgesetzt hat: Das Rheingold und Die Walküre.
Pierre Audis Anfang beginnt mit der Abenteuergeschichte des jungen Siegfried – des Sohnes der Wälsungen Siegmund und Sieglinde. Eine Geschichte, bei der er selbst sagte, dass "er sie mehrfach durchlebt hatte".* Aus der Münz heißt es, dass es zu einem idealen, wenn auch zufälligen Diptychon wurde. Nach Castelluccis Götterlied versprechen die letzten beiden Opern den Übergang ins Menschenreich zu werden. Wer ein wenig mit der Nordischen Mythologie vertraut ist – von der Der Ring des Nibelungund auch seine Inspiration holte – weiß, dass sie mit dem epischen Kampf Ragnarök endet – Götterdämmerung (Übersetzung: Götterdämmerung). Dies ist der Moment, in dem Walhalla der Götter untergeht.
Audis Regie wirkt weniger als innere Reflexion, sondern eher als Ausdruck, bei dem Aktion, Bewegung und Dramatik einen gesunden Platz in der Geschichte haben. Dies bringt auch einen Unterschied mit sich in der Art und Weise, wie das Ensemble – das diesen Zyklus von Anfang bis Ende durchläuft – ihre Rollen interpretiert. Es gibt mehr Platz für Persönlichkeit, so scheint es. Individualismus scheint mehr geschätzt und passt auch besser zu diesem Epos mit seinen Drachen und magischen Waldvögeln.
Der junge Siegfried
Die Geschichte beginnt mit dem Nibelungen Mime (Tenor Peter Hoare), dem Bruder von Alberich – dem Zwerg, mit dem die Geschichte begann (Bariton Scott Hendricks). Er versucht vergeblich, ein Schwert für Siegfried zu schmieden, das Menschenkind, das er aufgezogen hat (Tenor Magnus Vigilius). Aber Mime tut dies aus niedriger Absicht, um sich den berühmten Ring zu schnappen, der jetzt vom Drachen Fafner bewacht wird (Bass Wilhelm Schwinghammer). Und plötzlich steht auch Der Wanderer (Bassbariton Gábor Bretz) da, als göttlicher Schatten. Was folgt, ist eine epische Suche nach der Eroberung des Rings und dem Erwachen seiner zukünftigen Partnerin: der Walküre Brünnhilde (Sopran Ingela Brimberg).
Es wurde angekündigt, dass die Rolle des Mime vom dramatischen Talent des Sängers abhängig ist. Mit Hoare hat die Münz einen Glücksgriff gelandet. Es musste mehr getan als nur gesungen werden, und das hat er mit seiner ausdrucksstarken Interpretation auch bewiesen. Es war ein Vergnügen, Hoare von einem Klang zum anderen wechseln zu hören, mit gelegentlicher Schärfe und Rauheit. Auch mit der für Siegfried gewählten Tenor – Vigilius – wurde eine Topwahl getroffen. Seine Ausdauer blieb optimal, seine helle Stimmklang ragte über allem heraus. Diese Stimme war bereit für Abenteuer und Ruhm – Wagners Heldentenor ist nicht umsonst eine Klasse für sich. Ein goldener Ausdruck, der perfekt zur kraftvollen Stimme von Brimberg passte. Beide waren in der Schlussszene ebenbürtig. Eine schöne Überraschung war die helle Koloratur des Waldvogels (Sopran Liv Redpath). Mit reiner Vibrato und einer glockenartigen Klangfarbe wirkte ihre geheimnisvolle Interaktion absolut magisch. Fafner, mit Schwinghammers hallender und tiefer Bassstimme, war dunkel und heimlich. Und ich muss sagen, Bretz' Wotan konnte mich dieses Mal endlich in Klang und Ausdruck überzeugen. Das war für mich endlich der heimliche Göttervater. Einige haben in dieser Regie-Form ihre Stimme wirklich gefunden.
Mit Worten knapp bemessen, aber viel Lob, ist Siegfried für mich eine Produktion, die unbedingt gesehen werden muss. Mit Audis ausdrucksstarker Regie und einem Ensemble, das alle eine kraftvolle Interpretation bietet, hat die Münz eine neue Welt angekündigt. Jetzt bleibt nur noch abzuwarten, wie diese – mit dem Finale Götterdämmerung – vollendet werden wird.















