Es gibt Konzertabende, die bereits vor der ersten Note eine fast unvermeidliche Spannung ausstrahlen. Die Aufführung von Mozarts Großer Messe KV 427 durch das Vlaams Radiokoor in Flagey am Samstag, den 30. Mai, war genau so ein Abend. Nicht nur wegen der inhärenten Monumentalität des Werkes, sondern vor allem wegen der intelligenten Gegenüberstellung mit Beethovens Fünfter Symphonie (1770-1827): zwei Kompositionen in c-Moll, in denen menschliche Unruhe in Musik verwandelt wird, die die Grenzen des rein Ästhetischen überschreitet.
Beethoven als existenzielle Ouvertüre
Dass Beethovens Fünfte der Messe vorausging, erwies sich als dramaturgisch besonders starke Wahl. Bart Van Reyn näherte sich der Symphonie nicht als kanonisiertes Denkmal, sondern als Werk, das seine revolutionäre Kraft noch immer besitzt. Bereits von den ersten Takten an lenkte er die Interpretation bewusst in die Richtung von Spannung und innerem Druck, eher als zur ausgesprochenen Größe. Mit sichtbarem Spielvergnügen gaben Dirigent und Musiker der Symphonie einen frischen, spontanen Charakter, ohne ihre dramatische Schärfe zu schmälern. Dank des transparenten Klangs der alten Instrumente entstand keine romantisch ausschweifende Monumentalität, sondern eine kontinuierlich geladene Bewegung, geprägt von rhythmischer Nervosität und einer kaum nachgebenden Spannung.
Das Orchestre des Dix-Huitième Siècle bestätigte diese Lesart im Klang selbst: weniger gesättigte Streicher und scharf artikulierende Bläser schufen ein transparentes, aber angespanntes Klangbild, in dem die motorische Energie der Partitur unvermindert präsent blieb. Die historischen Instrumente trugen nicht nur Farbe bei, sondern auch eine rohe Direktheit, die die dramatische Ladung weiter verschärfte.
Genau in dieser Kombination von Kontrolle und Unruhe wirkte die Symphonie als ideale Ouvertüre zu Mozarts Großer Messe. Während Beethoven die Spannung zielstrebig zum Siegesgestus aufbaut, eröffnet er gleichzeitig einen Raum existenzieller Anspannung, der bei Mozart nicht in eine lineare Spannung mündet, sondern in ein kontinuierlich wechselndes Spannungsfeld zwischen Bedrohung, Stille, Versöhnung und Kontemplation.
Mozarts unvollendetes Meisterwerk
Im Januar 1783 schrieb Mozart an seinen Vater, dass „die Partitur einer halben Messe hier noch immer darauf wartet, vollendet zu werden" – eine Anspielung auf das Werk, das er zu schreiben versprochen hatte, nachdem seine Frau Constanze eine ernsthafte Krankheit überstanden hatte. Sie genas, aber die Messe blieb unvollendet. Warum Mozart das Werk nach dem Komponieren von Kyrie, Gloria, Credo, dem sublimen Et incarnatus est, Sanctus und Benedictus schließlich aufgab, bleibt bis heute unklar. Was erhalten blieb, gehört zu dem Faszinierendsten und Geschichtetsten, das er für Chor, Orchester und Solisten geschrieben hat.
Bart Van Reyn näherte sich dieser Große Messe nicht als Monument, das mit gewichtiger Ernsthaftigkeit behandelt werden muss, sondern als lebende Musik. Seine Interpretation atmete Spannung, Transparenz und natürliche musikalische Phrase. Selbst in den monumentalen Chorpassagen blieb die Textur klar und beweglich. Dabei war unverkennbar der Einfluss von Bach und Händel zu hören, besonders in den beeindruckenden doppelchörigen Passagen des Qui tollis und der großen Fuge des Cum Sancto Spiritu.
Das Vlaams Radiokoor war einer der großen Trümpfe des Abends. Der Chorklang kombinierte Wärme, Homogenität und Präzision, während die Diktion selbst in den komplexesten kontrapunktischen Passagen vorbildlich verständlich blieb. Besonders die Durchfühltheit des Singens beeindruckte. Der Chor bewegte sich zwischen Größe und Intimität und behielt dabei eine Spannung, die die ganze Partitur durchzog.
Auch das Orchestre des Dix-Huitième Siècle bestätigte seine außergewöhnliche Klasse. Der orchestrale Glanz, der bereits in Beethoven überzeugte, wurde mühelos auf Mozart übertragen. Der charakteristische Klang der historischen Instrumente verlieh auch hier der Partitur Farbe, Transparenz und Eleganz. Das Ensemble verband dabei eine historisch informierte Spielweise mit einer bemerkenswerten Klangfülle und Präzision, die der Musik große Lebendigkeit verlieh.
Mozart auf seine menschlichste Art
Der wahre Kern dieser Aufführung lag jedoch in den kontemplativen Momenten. Das Et incarnatus est wurde keine virtuelle Schaustellung, sondern ein Moment von fast verstörender Intimität. Ein besonders gelungener Eingriff war die Aufstellung der Sopranistin Ilse Eerens zwischen den obligaten Holzbläsern statt vor dem Orchester. Dies schuf einen außergewöhnlich engen Dialog zwischen Stimme und Instrumenten, der die verschlossene, verletzliche Atmosphäre dieses Teils noch verstärkte. Das Ergebnis war Musik von fast unfassbarer Schönheit, die in dieser Aufführung fast eine überweltliche Qualität erhielt.
Ilse Eerens verfügte genau über die richtigen Mittel dafür. Ihr Sopran besitzt kein auffälliges Volumen, aber jene seltene Kombination aus Klarheit und Zartheit, die Mozart braucht. Die belgische Sopranistin kennt dieses Repertoire in- und auswendig, und diese Vertrautheit mit dem Werk war ständig spürbar. Ihre Pianissimi hatten die Qualität von etwas, das kurz davor steht zu verschwinden, während die obligaten Partien für Flöte, Oboe und Fagott um sie herum eher wie eine innige Umarmung klangen als wie eine dekorative Umrahmung.
Auch die übrigen Solisten, die in der Messe auftraten, fügten sich gut ins Gesamtgefüge ein. Barbara Kozelj brachte einen warmen, dunklen Klang mit, der in der Ensembleklangbalance allerdings nicht immer vollständig zur Geltung kam. James Way hielt seinen Tenoranteil auffallend sachlich und stilrein, ohne die oft gezwungene Heroik, mit der dieses Repertoire manchmal angegangen wird. François Heraud verlieh den Basslinien eine ruhige Autorität, die den kollektiven Charakter der Aufführung verstärkte, ohne zu dominieren.
Zwei Werke, ein Gedanke
Mit dem Orchester des 18. Jahrhunderts und dem Flämischen Rundfunkchor verfügte Van Reyn über Musiker, die diese Musik nicht romantisch aufpoliert haben, sondern ihre Schärfe in der Partitur hörbar machten. Dadurch wurde der Zusammenhang zwischen Beethoven und Mozart nicht erklärt, sondern wurde in der Aufführung selbst von selbst deutlich. Nicht in der Ähnlichkeit, sondern im Unterschied zwischen zwei Arten, mit Spannung umzugehen: Beethoven, der sie zu einer Entladung aufbaut, Mozart, der sie offen lässt und weitergehen lässt.
In diesem Unterschied erhielt das Programm seine eigene Logik. Was bei Beethoven zum Abschluss tendiert, bleibt bei Mozart unterwegs – und genau das hielt den Abend zusammen.
Diese dramaturgische Dramaturgie wirkte umso stärker, als das Publikum trotz drohendem Gewitter, drückender Hitze und des gleichzeitigen Finales des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs in beachtlicher Zahl erschienen war. Der herzliche Empfang zum Abschluss unterstrichen, wie tiefgreifend diese Kombination aus Beethoven und Mozart gewirkt hatte.





