Am Freitag, dem 24. April, entfaltete sich in Bozar ein Abend, der sich zunächst als klassisch strukturiertes Programm ankündigte, aber zunehmend ein viel vielschichtigeres Spannungsfeld zwischen Ehrgeiz, Disziplin und interpretatorischer Kohärenz offenbarte. Das Belgian National Orchestra (BNO) unter der Leitung von Antony Hermus mit Nemanja Radulović als Solist wählte nicht den einfachen Weg, sondern den Kontrast – und genau dort lag sowohl die Stärke als auch die Reibung dieses Konzerts.
Der Abend eröffnete mit der Ouvertüre zu "Ruslan und Ludmila" von Mikhail Glinka (1804-1857), einem Werk, das in seiner scheinbaren Leichtigkeit sofort den Ton setzt. Was funkeln und energiegeladen klingen sollte, erhielt hier eine gehetzt und wenig kohärente Ausführung. Das hohe Tempo und die vielen musikalischen Ideen fanden nicht selbstverständlich zueinander: Einsätze waren ungleichmäßig, Phrasen fehlte die Richtung und die Linie entfaltete sich mühsam. Das Ergebnis war eher Unruhe als Eleganz.
Daraufhin betrat Radulović die Bühne für Sergej Prokofjev (1891-1953) – und der Abend kippte merklich. Seine Interpretation des Zweiten Violinkonzerts war keine Demonstration von Virtuosität um der Virtuosität willen, sondern eine musikalisch durchdachte und intensiv erlebte Lesart. Was besonders auffiel, war die enge Bindung zwischen Solist, Dirigent und Orchester: vom ersten Ton entstand ein gemeinsamer Fokus, in dem die Technik vollständig dem Ausdruck diente.
Radulović spielte mit ausgeprägter physischer Präsenz. Seine Phrasierung war beweglich, manchmal kantig, dann wieder überraschend fließend, und stets geladen mit Absicht. Im langsamen Satz zeigte er eine verhaltene Lyrik, die niemals sentimental wurde, sondern gerade durch ihre Fragilität überzeugte. Das Finale verschärfte den Dialog weiter: das Orchester blieb straff, der Solist drückte und zog, und genau in dieser Spannung entstand eine Aufführung, die wirklich nachwirkte – musikalisch kohärent, kommunikativ stark und überzeugend in ihrer Gesamtheit.
Bereits Wochen im Voraus war auch eine Signierstunde und Begegnung mit Radulović angekündigt worden, die wenige Stunden vor dem Konzert unerwartet wegen mangelnder Verfügbarkeit der angekündigten CDs abgesagt wurde. Das hinterließ bei einem Teil des Publikums ein Gefühl der Enttäuschung, wobei die musikalische Wirkung des Konzerts selbst selbstverständlich unbeeinträchtigt blieb.
Nach der Pause folgte Prokofjews Fünfte Symphonie, und dort zeigte sich, wie zerbrechlich der aufgebaute Spannungsbogen tatsächlich war. An der Leistung des Orchesters lag es keineswegs: die Musiker des BNO spielten mit beeindruckender Kraft und technischer Sicherheit, und klangliche Substanz war zweifellos vorhanden. Aber genau darin lag auch das Problem: was zu hören war, war vor allem Lautstärke, Energie und Präzision, eher als eine getragene musikalische Geschichte.
Wichtig ist dabei der Hintergrund dieses Werkes: die Fünfte Symphonie entstand 1944 in einer Sowjetunion, die noch vollständig im Krieg festgehalten wurde. Offiziell sprach Prokofjev von einer "Hymne an den freien und glücklichen Menschen", aber diese Formulierung trägt unweigerlich einen doppelten Boden mit sich. Hinter der Monumentalität lauert Spannung, hinter dem Triumph eine gewisse Mehrdeutigkeit. Unter Hermus blieb die Symphonie in einer Abfolge gut gespielter Passagen stecken, die sich nur selten zu einem überzeugenden Ganzen entwickelten – umso schade für ein Werk mit allen Zutaten für eine mitreißende Lesart. Die Noten waren da, oft scharf und nachdrücklich, aber der zugrunde liegende Spannungsbogen und die emotionale Vielschichtigkeit blieben auffallend abwesend. Wo Prokofjev eine mehrdeutige Welt zeichnete – zwischen Heroismus und Bitterkeit, zwischen Fassade und unterschwelliger Spannung – blieb diese Lesart zu eindimensional. Die Musik wurde nicht sowohl aufgebaut als vielmehr produziert: laut, nachdrücklich und bisweilen ermüdend in ihrer Direktheit.
Dies schlug sich auch in der Zuhörererfahrung nieder. Während das Violinkonzert die Zeit stillzustellen schien, schleppte sich die Symphonie manchmal dahin, ohne wirklich zu fesseln. Die Intensität schlug in Hörmüdigkeit um, und die Anhäufung von Klangmassen weckte eher den Anschein von Effekt als von Bedeutung. Was dieser Aufführung fehlte, war genau das, was diese Symphonie braucht, um zu überzeugen: ein Gefühl für Richtung, für Notwendigkeit, für innere Spannung.
So bleibt der Eindruck eines Abends mit scharfen Kontrasten bestehen. Ein starkes und musikalisch durchlebtes Violinkonzert bildete den klaren Höhepunkt, während die Symphonie – trotz aller Bemühungen und technischen Qualitäten – letztendlich durch mangelnde Visionen und Aussagekraft enttäuschte. Es war kein Abend, der gleichgültig ließ, sondern einer, der deutlich macht, wie wesentlich Interpretation ist: ohne Tiefgang bleibt auch der lauteste Klang leer.



