Lucie Horsch (25), ein Naturtalent und das in mehrfacher Hinsicht, denn sie spielt nicht nur meisterhaft auf der Blockflöte, sondern singt und spielt auch ausgezeichnet Klavier. Eine Musikerin, die auf Weltebene tätig ist und bereits einige Juwelen in ihrer Diskografie hat.
Bei diesem neuen Decca-Album dreht sich alles um die Blockflöte, das Instrument, mit dem viele ihre ersten Musikstunden begonnen haben und das der Musikologe und Soziologe Cas Smithuijsen etwas herablassend als »das kaufst du bei der Kaufhalle« bezeichnete.
Es brauchte einen musikalischen Riesen, um dieses von der Zeit verschüttete Instrument buchstäblich neues Leben einzuhauchen. Das war Frans Brüggen (1934-2014), dem dies mit Bravour gelang. In seinem BuchReveil en Revolteberichtet Smithuijsen über die Gründung vonSaure Sahne, das von Brüggen und Kees Boeke 1971 gegründete Blockflötenensemble, das sich der Blockflötenliteratur der Renaissance und Frühbarock widmete, aber auch das damals zeitgenössische Repertoire keineswegs scheute und das Arrangieren, Experimentieren und Improvisieren zur Lebensdevise machte, zusammen mit einer damals beispiellosen Stilreinheit bei der Musik aus Mittelalter, Renaissance und Barock. 1990 kam dann leider das Ende, als Boeke nach Zürich zog, um dort an der Universität für Theater und Musik in seiner Spezialität zu unterrichten: die Blockflöte und die alte Musik.
Brüggen hatte neun Jahre zuvor, 1981, zusammen mit Lucy van Dael und Sieuwert Verster das Orkest van de Achttiende Eeuw gegründet, mit dem Hauptziel, stilreine Aufführungen von Werken Komponisten des 18. Jahrhunderts zu präsentieren (wobei es nicht dabei blieb); dies innerhalb der Grenzen der historisierenden Aufführungspraxis.
Brüggen war mehr als ein Musiker: Er durchsuchte Bibliotheken nach interessantem Material nicht nur für die Blockflöte, sondern später auch für das Orchester, und er sammelte auch historische Blockflöten. Dies brachte eine Reihe von Jahrhunderte alten Exemplaren hervor, von denen Lucie Horsch dank der begeisterten Zusammenarbeit von Brüggens Witwe und Kunsthistorikerin Machtelt Brüggen-Israëls fünfzehn spielen durfte. Allerdings musste die Spieldauer notgedrungen begrenzt werden, da die Instrumente im Laufe der Jahre durch die Einwirkung von Atem- und Umgebungsfeuchte äußerst zerbrechlich geworden sind. Das war die einzige, aber wichtige Einschränkung, die sich Lucie Horsch beim Spielen auferlegen musste. Das bedeutete auch, dass passendes Repertoire gefunden werden musste, denn bei den meisten Instrumenten war nach etwa drei Minuten wirklich Schluss. Die Stoppuhr wurde daher gut im Auge behalten, und man scheute sich nicht, die Instrumente nah am Körper sozusagen vorzuwärmen. Auch die unvermeidlichen Korrektionen danach waren notgedrungen zeitgebunden, was die Übungen insgesamt sicherlich nicht leichter machte. Aber sie hatte ein begeistertes »Publikum«, denn neben Machtelt Brüggen-Israëls war da der japanische Blockflötenbauer Furmitaka Saito, der Horsch mit Rat und Tat beistand.
Für Horsch war es ein faszinierendes Abenteuer, das zusätzliche Bedeutung erhielt, weil sie nun zum ersten Mal auforiginalenInstrumenten spielen konnte, anstatt auf Kopien. Sie selbst hatte eine Vorliebe für Repliken des französischen Baumeisters Peter Bressan (1663–1731) entwickelt, aber dank dieses Brüggen-Projekts hielt sie nun zum ersten Mal zwei echte Blockflöten dieses berühmten Baumeisters in den Händen. Das fühlte sich für sie sehr besonders an, umso mehr, da sie nun zum ersten Mal die Möglichkeit hatte, ihren ursprünglichen Klang mit dem der Kopie zu vergleichen.
Auch für den Hörer muss es ein wunderliches Erlebnis sein, diese originalen Blockflöten zum ersten Mal zu hören, nicht nur als Soloinstrument, sondern auch zusammen mit anderen Musikern, einschließlich des wunderbaren Orkest van de Achttiende Eeuw, das für diesen besonderen Anlass unter der Leitung von Lucie Horsch stand. Auch bei der Aufnahme wurde große Sorgfalt aufgewendet, wodurch der Klang sowohl dieser Blockflöten als auch des Ensembles auf ebenso besondere Weise zum Leben erweckt wird.





