Kultur ist ein goldener Rand um eine dunkle Welt. Die Bühne ein Ort, an dem Ideen und Fantasie totale Freiheit haben. Die Choreografin und Tänzerin Isabelle Beernaert ist eine Künstlerin, die sich immer wieder neu erfindet. Kürzlich entdeckte sie ein überraschendes Kapitel ihrer Familiengeschichte, das ihre Herkunft in neuem Licht erscheinen ließ. Es stellt sich heraus, dass sie über ihre Urgroßmutter ‚Iberisches' spanisches, portugiesisches und nordafrikanisches Blut in ihren Adern hat, weshalb ihre DNA neben ihren französischen und belgischen Wurzeln eine reichhaltige Mischung verschiedener Kulturen und Erbe ist. Dieses Wissen kann disruptiv, aber auch aufschlussreich sein. Intuitiv, unterschwellig fühlte sie sich schon immer mit all diesen verschiedenen Kulturen verbunden. Sie hat ihren Platz und ihre Mission in dem kosmischen Mutterschoß gefunden, mit Raum und Zeit als dekorative Elemente. Material, mit dem sie zu arbeiten begann.
Kunst über die Gegenwart handelt immer von der Vergangenheit, und Kunst über die Zukunft handelt immer von der Gegenwart. Alle ihre Aufführungen sind voller Bedeutung. Sie setzt sich für Frauenrechte ein. Ihr Aktivismus durchzieht ihre Aufführungen. Durch die Fokussierung auf Herkunft, die Vermischung von Kulturen und Blutlinien liefert sie mit ‚La Dame en Noir' ein schönes Beispiel für grenzüberschreitendes Denken. In Schwarz sind alle Farben vorhanden. Das Schwarze absorbiert. Schwarz ist die Farbe der Ruhe, Stille und Finsternis. Ein Kind im Mutterleib wächst in der Dunkelheit. Schwarz ist mit Licht schwanger. Isabelle Beernaert ist eine Geschichtenerzählerin. Sie suchte Inspiration bei der Urmutter, die in fast jeder Kultur vorkommt. Frauen, die von ihrer eigenen Kraft ausgehen. Die Idee entwickelte sich zu einem kraftvollen Gesamtspektakel mit Wort, Tanz, Live-Perkussion – die Trommel als Symbol für den Herzschlag der Erde.
Komplementarität
Sie umgab sich mit gleichgesinnten Seelen: Percussionist/Composer Bart Gits. Er ist fasziniert von den japanischen Trommeln Taiko, die Teil des japanischen Traditionstheaters und von Musikgenres sind. Gruppen touren mit ihren großen Trommeln unter dem Namen ‚Kodo' um die Welt, was auf Japanisch ‚Herzschlag' bedeutet. Das Bühnenbild stammt von Tom De Houwer, einem belgischen Creator, der als einer der talentiertesten Blumendesigner dieser Zeit bekannt ist. Er entwarf einen gefrorenen Wald. Durch die geschickte Beleuchtung von Frederic Reggers wirken die Stämme wie ein märchenhafter Silberbirkenwald. Dann sind da noch die Visuals von Janosh. Seine fesselnden Bilder sind dynamische Kombinationen heiliger Geometrie. Die geometrischen Projektionen tauchen wie Mandalas mit kosmischen Kräften aus der Dunkelheit auf und enthüllen allmählich ihre komplizierten Muster und lebendigen Farben, während die Aufführung voranschreitet. Und natürlich die acht fantastischen Tänzerinnen/Taiko-Instrumentalistinnen. Zusammen erzählen sie eine verbindende Geschichte. Alle diese Elemente münden in einen zusammenhängenden, emotionalen und authentischen Act.
Schöpfer und Performer
Theater ist ein nie endender Prozess der Suche nach der Spannung zwischen der Realität der Bühne und der des Lebens selbst. Isabelle Beernaert lebt nicht oberflächlich. Als Mensch und als Choreografin erhebt sie sich über die Oberflächlichkeit. Sie fühlt sich mit dem Unsichtbaren verbunden. Letztes Jahr wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Mit kämpferischer Lebensfreude durchlief sie den Heilungsprozess. Musik und vor allem Trommeln halfen bei dem Heilungsprozess und der Suche nach Verbindung. Transzendenz macht ihre Arbeit bedeutsam.
Diese Künstlerin ist eine großzügige, aber auch anspruchsvolle Choreografin, die äußerstes Einfühlungsvermögen von ihren Tänzern verlangt. So berührt sie immer wieder das Publikum zutiefst. Beim Betreten des Saals wird durch Sound eine mystische Atmosphäre geschaffen. Auf der Bühnenleinwand ist ein Pentagram projiziert. Die Aufführung beginnt mit schweren Basstönen und dem feinen Klang einer Flöte. Über die spärlich beleuchtete Bühne wandeln Frauen in langen, fließend fallenden schwarzen Kleidern. Sie bewegen sich zurückhaltend und doch voller Grandeur in einem Bühnenbild, das wie die kahlen Skelette eines Urwaldes modelliert ist. Aus dem Diffusen wird Magie gezaubert. Man sieht bewegliche Schatten, nur ihr Gesicht und ihre Hände leuchten in der dunklen Umgebung auf. Die Soundscape ist ein Strudel von Klang. In einer Abwechslung verschiedenartiger melodischer Töne wird eine durchdachte Rhythmik für die Tänzer destilliert. Wirbelnd in den seltsamsten Formationen. Die fließende Bewegungssprache, manchmal überschwänglich und dann wieder verklärt, schließt nahtlos an die beschwörende Musik an. Körper, die urtümliche Dynamik ausstrahlen. Fallen und wieder Aufstehen.









Der Zuschauer sieht flüchtig Bilder und Handlungen aus verschiedenen Kulturen: ein schamanisches Reinigungsritual, das Wirbeln von Derwischen, einen Hauch Flamenco, den rituellen Tanz um einen Totempfahl der Indianer. Eine Tänzerin wird von Rahmentrommeln begleitet und verfällt in Trance. Das Ganze ist intim, beschwörend, orgastisch. Das Spielen der großen Trommel ist ein Ritual. Mensch und Instrument bilden zusammen ein Ganzes. Das gemeinsame Spielen der Taikos ist Musik, die unter deine Haut dringt, das Mark in deinen Knochen berührt, deinen Herzrhythmus stimuliert. Ich habe wenig Verständnis für traditionelle Musikformen aus dem Osten, aber die Trommeln klingen einstimmig, virtuos und wirbelig. Ein riesiger Gong, dessen Klang nachwirkt, wird mit verschiedenen Werkzeugen gespielt und sorgt für gute Vibes. Es wird getanzt, gesungen, musiziert, gelacht. Beernaert weiß den Raum mit pulsierender Energie zu füllen, die gleichzeitig spirituell, sinnlich und intellektuell ist.
Am Anfang ist alles dunkel und schwarz. Nach und nach wird Farbe eingeführt. Die Schlussszene endet in einem Kaleidoskop von Farben: die alle mit einem Gefühl verbunden werden können: Gelb, Energie und Licht; Rot, Liebe aber auch Gefahr; Grün, Balance und Leben; Weiß, Reinheit; Violett, Magie und Mysterie; Orange, Verspieltheit; Rosa, Liebe und Fürsorge; Braun, Erdigkeit und Reichtum. ‚La Dame en Noir' ist eine von Isabelle Beernaerts stärksten und überraschendsten Aufführungen. Ein faszinierendes Spektakel, ein Fest für Augen und Ohren.
Beim Verbeugen wird jeder Name projiziert. Tosender Applaus folgt. Tanz in Kombination mit dem Spielen von Taikos, großer Trommel und Rahmentrommeln wurde vom Publikum äußerst geschätzt. Beernaert behält die Regie bis zum Ende. Die bunten Schals werden während des Applauses gleichzeitig zusammengefaltet und verstaut. Es bleibt ‚La Dame en Noir'.
Tickets & Info:https://isabellebeernaert.com/nl/voorstelling/la-dame-en-noir





