In der deutschen Stadt Essen findet ab dem 20. März die zweite Ausgabe des Komponistinnenfestivals statt ihr:stimme . Wieder stehen (Orchester-)Werke von völlig in Vergessenheit geratenen weiblichen Komponistinnen auf dem Programm, wie Charlotte Sohy. In einer guten Mischung werden auch zeitgenössische Werke präsentiert, diesmal von Missy Mazzoli und Kaija Saariaho. Großes Augenmerk liegt zudem auf Alma Mahler-Werfel. Im Folkwang Museum läuft eine Ausstellung mit Werken von Oskar Kokoschka aus der Zeit, als er völlig fasziniert von der Witwe von Gustav Mahler war.
Weibliche Komponistinnen erhalten immer mehr Aufmerksamkeit. Ihre Werke werden – endlich und zum Glück – wiederentdeckt und neu oder zum ersten Mal veröffentlicht und aufgeführt. Oft handelt es sich dabei um Lieder, Werke für Klavier solo und für kleine Besetzungen. In den Programmen von Orchestern kommen weibliche Komponistinnen kaum vor, wie eine Untersuchung der englischen Organisation Donne überzeugend zeigte.
Allzu leicht nimmt man an, dass Frauen früher keine Sinfonien, Konzerte oder Opern komponiert haben. Das hätte dann unter anderem mit ihrer begrenzteren Ausbildung und dem Mangel an Mitteln und Netzwerken zu tun gehabt, um Kompositionen für größere Besetzungen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Doch es erweist sich zunehmend als Irrtum, dass Frauen keine großartigen Werke geschrieben haben. Wenn man dafür offen ist und gezielt danach sucht, gibt es noch viele Schätze zu entdecken.
Das Festival ihr:stimme im Aalto-Theater in Essen hat sich daher zur Aufgabe gemacht, vier Jahre lang vier große, bislang (fast) unbekannte Orchesterwerke von weiblichen Komponistinnen auf die Bühne zu bringen. Im letzten Jahr waren es die Oper Fausto der französischen Komponistin Louise Bertin (1805-1877) und die dritte Sinfonie von Florundce Price (1887-1953). Zeitgenössisches Orchesterwerk bekamen wir von der New Yorkerin Missy Mazzoli (1980), die sich für River Rouge Transfiguration von der Industrie in Detroit inspirieren ließ. Es war ein herrliches Programm, wie wir selbst feststellen konnten, und es verlangte nach mehr.
Der Große Krieg
Das gefeierte Fausto von der bis zum Vorjahr für praktisch jeden völlig unbekannten Louise Bertin wurde diese Saison zumindest erneut aufgeführt und ist auch der Abschluss der zweiten Ausgabe des Komponistinnenfestivals vom 20. bis 23. März. Der neue Name im Programm von ihr:stimme diesmal Charlotte Sohy (1887-1955), eine Frau mit einem großen Haushalt von sieben Kindern, der es, genauso wie Clara Schumann mit ihren acht Kindern, dennoch gelang, künstlerische Abenteuer zu erleben. Trotz ihrer umfassenden Ausbildung – u.a. bei Vincent d'Indy an der Schola Cantorum in Paris – und der Unterstützung ihres Mannes musste sie ihre Werke unter dem männlichen Namen Charles veröffentlichen.
Bei einem ‚Gesprächskonzert‚ illustriert die Pianistin Juriko Akimoto Leben und Werk von Charlotte Sohy mit Kompositionen für Kammermusik auf dem Flügel. Bei einem anderen Konzert in der Philharmoniker können wir Sohy's spätromantische Symphonie kennenlernen Der Große Krieg, ein bis 2014 vergessenes Orchesterstück, das zu ihren Lebzeiten nie aufgeführt wurde. Sie begann die Symphonie während des Ersten Weltkriegs und drückte darin ihre Sehnsucht nach Frieden und Brüderlichkeit aus. Könnte es aktueller sein?
Zwei zeitgenössische Stücke vervollständigen das Programm dieses Konzerts: Color Field der englischen Anna Clyne (1980), inspiriert von einem Gemälde von Mark Rothko, und Winterhimmel der mehrfach ausgezeichneten finnischen Komponistin Kaija Saariaho (1952-2023).
Für ein anderes Werk von Saariaho weicht man in das 30 km entfernte Gelsenkirchen aus. Im Musiktheater dort steht die Oper Innocundce auf dem Programm. ‚Ein aktuelles und doch zeitloses Thema, ergreifend und spannend verpackt in einen schnellen Mix aus zeitgenössischem Musiktheater, Schauspiel und alter Tragödie', heißt es. Diese ‚gefeierte Opern-Thriller' handelt von ‚Trauma, Trauer, Wut und Hilflosigkeit von Menschen'.
Verrückt machender Summlaut
Noch mehr Spannung verspricht die erneut eingeladene Amerikanerin Missy Mazzoli im Aalto-Theater in Essen mit Die Hörereine Oper in zwei Teilen. Claire leidet unter schlaflosen Nächten durch ein tiefes, permanentes Summen, das sie verrückt macht. Mit ihrem Schüler Kyle, der auch diesen niederfrequenten Ton wahrnimmt, besucht sie das Haus von Howard Bard, einem charismatischen Philosophen, der Berichten zufolge auch anderen Menschen geholfen hat, die darunter leiden. Sie wird von Howard und der Gruppe "Listeners" herzlich empfangen. Und Claire lernt, das unerklärliche Summen und seine zunehmenden Kräfte zu akzeptieren. Aber sobald die Treffen der Hörer einen Kultstatus bekommen, gerät die Situation außer Kontrolle.
Missy Mazzoli ist eine der bekanntesten und gefragtesten Künstlerinnen ihrer Generation. Die Oper sorgte bei ihrer Uraufführung 2022 in Norwegen für großes Aufsehen und erlebt nun ihre deutsche Uraufführung. Die Komponistin, die während des Festivals mit dem Publikum ins Gespräch geht, beschreibt The Listeners selbst als eine Oper über "unser verzweifeltes Verlangen nach Verbundenheit, unsere Suche nach Gemeinschaft und Sinnhaftigkeit und die Kraft charismatischer Anführer, die dieses Verlangen missbrauchen". Auch andere Kompositionen der Amerikanerin, wie ein Streichquartett und eine Arie aus ihrer ersten Oper Breaking the Waves sind dann zu hören.
Belgische Note
Das deutsche Festival erhält auch eine belgische Färbung durch ein Konzert des B'Rock Orchestra und des Vocal Consort unter der Leitung von Andreas Küppers. Unter dem Titel Seraphim bringen sie mit Mezzosopranistin Lucile Richardot "himmlische" Musik von unter anderem Francesca Caccini, Hildegard von Bingund, Isabella Leonarda und einer ganzen Reihe noch weniger bekannter Komponistinnen.
Kokoschka und Alma Mahler
Im etwas weiter entfernten Folkwang Museum startet zusammen mit dem Festival die Ausstellung Frau im Blau mit Werken von Oskar Kokoschka. Der junge Maler geriet zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollkommen unter den Bann von Alma Mahler-Schindler. Die obsessive Liebe, die er in kurzer Zeit zur Witwe von Gustav Mahler entwickelte, äußert sich in Gemälden, Zeichnungen, Fächern und einem Wandgemälde. Den Höhepunkt dieser kreativen Obsession erreichte er, als er die Puppenmacherin Hermine Moos eine lebensgroße Puppe nach dem Vorbild seiner unerreichbaren Liebe anfertigen ließ, die inzwischen Walter Gropius geheiratet hatte. Frau in Blau (1919) war das erste Gemälde mit dieser Puppe als Thema. Es kündigte einen Wendepunkt in seinem Malstil an. Die Ausstellung im auch sonst sehenswerten Museum Folkwang ist die erste in 30 Jahren, die alle Werke von Kokoschka zusammenbringt, die von Alma Mahler inspiriert wurden. Sie läuft bis zum 22. Juni.
Die Lieder von Alma Mahler – andere Kompositionen von ihr sind nicht erhalten geblieben – sind in einem "Wiener Salon" während des Festivals zu hören, zusammen mit Liedern und Kammermusik von Zeitgenössinnen und Bekannten Berta Zuckerkandl, Evelyn Faltis und Kralik von Meyrswaldund (eine Mitstudentin von Gustav Mahler). Darüber hinaus sind in einem Symphoniekonzert fünf Lieder von Alma Mahler in einer Orchesterversion von Jorma Panula zu hören.
Mit dem interdisziplinären Projekt Doppelbindnisse, an dem neben dem Aalto-Musiktheater, den Essener Philharmonikern und Folkwang auch die Alte Synagoge mitwirken, möchte man neues Licht auf sowohl die Biografie von Alma Mahler als auch auf ihr Werk werfen, das im Schatten ihrer berühmten Ehemänner blieb.
Das Komponistinnenfestival wird daher erneut mit vielversprechenden Vorträgen gerahmt. Die vom letzten Jahr wurden inzwischen in dieser Ausgabe.
Dieser Artikel erschien zuvor auch auf dem Blog notizen.frauamklavier.de.





