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Geburtstagskind Martijn Dendievel debütiert im Concertgebouw Amsterdam: „…Verfeinerung, Eleganz, Geschichte, Emotion…"

Goldenes Label DebütErst herrschte atemlose Stille im Publikum, dann brach minutenlanger Applaus los – eine Standing Ovation nach dem Debüt von Martijn Dendievel als Dirigent im Concertgebouw Amsterdam. Er dirigierte das Vlaanderen Sinfonieorchester mit einem Werk von Chopin, als Solist Severin von Eckardstein, sowie ein Werk von Schubert. "Wir waren dabei!", sagten einige ältere Menschen hinter mir, "Wir haben es erlebt. Ist er wirklich erst 24?"…

Am Heiligabend erfahre ich von Martijn Dendievel, dass er als Dirigent für das Vlaanderen Sinfonieorchester einspringt – für das Konzert einige Tage später, am 27. Dezember, im Concertgebouw Amsterdam. Keine Kleinigkeit, zumal dies sein Debüt als "echter" Orchesterdirigent ist (er ist momentan Assistent bei demselben Orchester) und dann auch noch in einem der berühmtesten Konzertsäle Europas. Mir wird die Gelegenheit gegeben, mit dem Orchestertransporter von Antwerpen aus mitzufahren und das Nachmittagskonzert zu erleben. Großartig.

Die Musiker verbrachten die Hinfahrt gemütlich. Ein Nickerchen während der Fahrt und schon – sind wir in Amsterdam angekommen?… Ein Kaffee und dann folgte die Generalprobe. Als Dirigent eines kleinen Ensembles hatte ich Martijn Dendievel schon bei der Arbeit gesehen, äußerst gewissenhaft, sehr professionell. Das war etwas ganz anderes, als ein vollständiges Sinfonieorchester in großer romantischer Musik in einem Prestigesaal mit Namen und Ruf zu dirigieren. Der Ton war meiner Meinung nach bei der Generalprobe gesetzt, trotz einiger kleiner Mängel. Hier sollte gleich etwas Großes geschehen, über das man lange sprechen würde. Nicht so sehr über die Werke selbst, sondern über die Herangehensweise dieses unbekannten jungen Dirigenten, seine Zusammenarbeit mit den Orchestermitgliedern und den Solisten, die Verschmelzung, sein ausdrucksstarkes Mienenspiel, seine präzise Gestik… Erst noch schnell zu Mittag essen und dann? Dann musste ich eine Pressekarte abholen. Was für eine Schlange! Nicht von Autos, sondern von Publikum. Der Saal war gerammelt voll.lesen Sie hierDer Direktor des Concertgebouw Amsterdam teilt dem Publikum mit, dass der angekündigte Dirigent erkrankt ist und sich von dem jungen flämischen Dirigenten Martijn Dendievel vertreten lässt – von dem man schon sagt, dass er überall zuhause ist, hier sein Debüt gibt und zudem heute Geburtstag hat. Sofort ist die Stimmung im Saal, das Publikum applaudiert dem Geburtstagskind zu, als dieser zusammen mit Pianist Severin von Eckardstein die Bühne betritt.

Zwei gleich begabte musikalische Naturtalente bezaubern Orchester und Publikum

Das Publikum – von sehr jung bis älter – ist natürlich extra neugierig, denn welchen Zugang wird dieser junge Dirigent wählen und was wird man hören? Das wird schnell klar. Chopins Klavierkonzert Nr. 1 gefällt dem Publikum so sehr, dass die Menschen sich kaum halten können und bereits nach dem ersten Satz warm applaudieren. Meiner Meinung nach ist das kein Zufall, sondern das Publikum wird mitgerissen von dem, was das begabte Duo – Dirigent und Pianist – bereits gezeigt hat (denken Sie daran, dass dieser Pianist 2002 den Königin-Elisabeth-Wettbewerb Klavier gewann und alle anderen Preisträger in den Schatten stellte).

Der Pianist ist überglücklich, ebenso wie der Dirigent, der den Tag seines jungen Dirigentendaseins hat. Sie verstehen sich perfekt, und dies ermöglicht einen warmen, festlichen, manchmal schwebenden, verliebten, sehnsuchtsvollen, begeisterten jungen Chopin, der mit jugendlichem Übermut voller Lebenslust lacht. Wir hören alle Elemente, die dieses Konzert so reich an Qualitäten macht. Großer Applaus und Bravorufe erfüllen den Saal, der Pianist dankt mit einer zarten Zugabe. Ich selbst denke an sein Laureaten-Konzert zurück – das war wie heute in diesem Saal, reine Verzauberung von den schönsten Klavierklängen, die dein Ohr streicheln können. Von Eckardstein tut dies mit großer Natürlichkeit und bescheidener Haltung. Das ehrt ihn noch mehr.

Schuberts vollendete Unvollendete Sinfonie: Dendievel schreibt Geschichte…

Noch mehr als Chopins erstes Konzert wird mir die Aufführung von Franz Schuberts achter Sinfonie unter der Leitung von Martijn Dendievel in Erinnerung bleiben. Merken Sie sich meine Worte: Unser junger flämischer Dirigent schrieb an diesem Nachmittag Geschichte. Er stellte sich unmittelbar in die lange Reihe der weltberühmten Dirigenten, die auf der Bühne des Concertgebouw Amsterdam standen und dort legendäre Konzerte gaben. Und ja, diese Schubert-Aufführung möchte ich legendär nennen. Eine äußerst seltene visionäre Interpretation, voller Bewegung, Offenheit, ergreifender Soli, die fließend und in größter Harmonie ineinander übergehen. Dendievel hat offenbar verstanden, dass Schubert hier sein Lebewohl von einem unvollendeten Leben erklärt. Der viel zu jung verstorbene Komponist wusste gerade eben, dass er eine tödliche Krankheit hatte.

Verwundert es da, dass er seine Sinfonie so dunkel eröffnet, dann die vielen liebevollen, nach Hoffnung und Leben sehnsuchtsvollen Passagen, die in Mollakkorden enden und gewaltsam durch ein donnerndes volles Orchester unterbrochen werden? Verwundert es, dass diese Sinfonie nur zwei statt vier Sätze hat und dass Schubert nur einige wenige Skizzen des dritten Satzes komponierte? Ich kann nicht dem Eindruck entkommen, dass er das sehr bewusst tat, um die Unvollendung seines Lebens zu unterstreichen. Er hatte noch so viel in sich und die Zeit drängte. Sterbenskrank, buchstäblich, komponierte Schubert so viel er konnte, um noch das Maximum zu Papier zu bringen, das ihm im Kopf herumschwirte und das er keinesfalls mit ins Grab nehmen wollte. All diese Tragödie ist in dieser Sinfonie verarbeitet und es ist Martijn Dendievel, der sie besser als jeder andere verständlich machte.

Nach dem ersten Satz herrschte sekundenlange Totenstille im Saal, niemand wagte zu atmen. Und nach dem zweiten Satz? Dendievel hielt den Taktstock noch einen Moment fest, um das Werk ausschwingen zu lassen… Das Publikum war erneut ehrfurchtsvoll still und dann, dann brach der Applaus und der Jubel los. Minutenlang bekamen Dendievel und das phänomenal spielende Orchester eine Standing Ovation. Verstehst du jetzt, warum jene Menschen im Publikum ehrfurchtsvoll und dankbar sagten: "Wir waren dabei…"?

Die Rückfahrt? Die verlief in aller Ruhe. Zufriedene, glückliche Musiker genossen noch lange von einem für sie ebenso unvergesslichen Konzert nach. Und ich? Ich überlegte, wie ich das alles in einen Text gießen sollte. Hoffentlich gelungen, denn die schönste Musik in Worte zu fassen… Die Nominierung für das Goldene Debüt-Label unterstreicht ohnehin, wie beeindruckend dieses Debüt war.

Martijn Dendievel, merken Sie sich diesen Namen. Er ist einer jener seltenen großen Dirigenten. Im Namen aller, die diesen ergreifenden Konzertnachmittag miterleben durften, in welcher Eigenschaft auch immer, glaube ich berechtigt zu sagen, dass über diesen Dirigenten später zu Recht in seinem Lebenslauf geschrieben werden wird: „Dendievel gab sein Debüt als Ersatz im Concertgebouw Amsterdam am 27. Dezember 2019 – ein Durchbruch auf internationalen Bühnen".

Chopin – Klavierkonzert Nr. 1 in e-Moll, op. 11; Schubert – Sinfonie Nr. 8 in h-Moll, D 759 ‚Unvollendete'


  • WAS: Vlaanderen Sinfonieorchester, Dirigent: Martijn Dendievel, Klavier: Severin von Eckardstein
  • LABEL: Concertgebouw Amsterdam, 27. Dezember 2019
  • WO & WANN: FOTOS: :
  • © LVM – Klassiek Centraal, mt Geburtstagskind Martijn Dendievel debütiert im Concertgebouw Amsterdam: „…Verfeinerung, Eleganz, Geschichte, Emotion…"

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