Das Konzert von Isil Bengi am Sonntag, 18. Januar hinterließ einen tiefen und bleibenden Eindruck. Der Nachmittag fand in der Sint-Rochuskapelstatt, die in Mariadal in Hoegaarden liegt und von Klassik in der Kapelleorganisiert wurde. In diesem intimen und akustisch warmen Raum entfaltete sich eine sorgfältig aufgebaute musikalische Reise, in der Wasser als verbindendes Motiv fungierte: Strömung und Stille, Kraft und Zerbrechlichkeit.
Von den ersten Noten an war klar, dass dies kein zusammenhanglos aneinandergereihtes Recital war, sondern ein Programm mit starkem inneren Zusammenhang. In Werken wie Alkans Chanson de la folle au bord de la mer und Massenets Eau dormante klang Wasser als Metapher für innere Bewegung und Stille. Diese Atmosphäre wurde in der zurückhaltenden Klangwelt von Brahms' Intermezzi und Mussorgsky's Une larmeweiter vertieft. Die Stille in der Kapel war spürbar und trug zum Hörerlebnis bei, so dass sich jede Nuance scharf im Raum abhob.
Zu Beginn des Konzerts gab Isil Bengi selbst eine kurze Erläuterung zum Programm. Dabei verwies sie unter anderem auf die tragische Figur des Julian Scriabin, dessen Leben jäh endete, als sein Körper im Alter von elf Jahren in der Dnepr gefunden wurde. Als Tribut an diesen vielversprechenden, aber viel zu früh verstorbenen Komponisten hatte sie bewusst eines seiner Werke ins Programm aufgenommen. Dieser Kontext gab dem folgenden Hörerlebnis eine zusätzliche Schichtenheit, in der Zerbrechlichkeit und Intensität Hand in Hand gingen.
Was folgte, war ein Konzert, das von Konzentration, Nuance und starker innerer Spannung getragen wurde. Kara Toprak von Fazıl Saydas Isil bewusst früher im Programm platziert hatte, hinterließ einen unmittelbaren und tiefgreifenden Eindruck. Die physische Präsenz der Musik, gepaart mit ihrer enormen technischen Beherrschung, fesselte das Publikum von den ersten Takten an vollständig. Es war Musik, die nicht nur klang, sondern fühlbar wurde, in der Spannung und Energie ständig unter der Oberfläche pulsierte.
Auch in weniger bekanntem Repertoire, wie den Miniaturen von Ulvi Cemal Erkin und den kurzen Stücken von Komitasverstand es Isil Bengi, einen klaren musikalischen Weg aufzuzeigen. Ihr Spiel blieb stets fokussiert und dienbar der Musik, mit selbstverständlicher Kontrolle über Klang, Timing und Dynamik. Das Publikum folgte dieser Linie aufmerksam und sichtlich gefesselt.
Je weiter das Konzert fortschritt, desto deutlicher wurde, wie meisterhaft Isil Bengi das Instrument beherrschte – nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel, um eine Klangwelt aufzubauen und atmen zu lassen. Im Schlussstück, The Tides of Manaunaunvon Henry Cowellkam alles zusammen. Die massiven Klangfelder und wellenförmigen Bewegungen wurden mit beeindruckender Sicherheit gesetzt, und erneut war das Publikum fasziniert von der Kombination aus physischer Kraft und absoluter Kontrolle. Doch es war vor allem ihre Konzentration und ihre intensive Präsenz, die nachwirkten: ein Spiel, das den Hörer vollständig in den Atem und die Bewegung der Musik mitnahm.
Die Stille nach dem letzten Ton sprach Bände, noch bevor sie durch anhaltenden Applaus unterbrochen wurde, der in einer stehenden Ovation gipfelte. In dem beschaulichen Raum der Sint-Rochuskapel in Mariadal in Hoegaarden wurde dieser Moment ein gemeinsamer Schlussakkord. Es war deutlich, dass dieses Konzert für viele mehr gewesen war als nur ein musikalisches Ereignis: eine Erfahrung, die sich langsam aufgebaut hatte und die, einmal vorüber, noch lange nachklang.



