Die Genter Festen 2022 sind vorbei. Nach zwei Corona-Jahren kannte die Festfreude keine Grenzen, und die Besucher strömten besonders abends massenhaft in die Stadt. Die Genter Festen sind ein großes Volksfest und gleichzeitig ein zehntägiges Kulturfestival, auf dem praktisch alle Musikgenres und Theaterformen vertreten sind. In Europa einzigartig, denn viele Auftritte bekannter Künstler auf den großen Plätzen sind vollkommen kostenlos.
Im Windschatten des Festtrubels finden auch zahlreiche klassische Konzerte statt. Chöre, kleine Ensembles, Klavierrezitale, Kammermusik, Liederabende und mehr. Hier ein Querschnitt durch Dutzende klassischer Konzerte und Rezitale. Kleine Impressionen von sieben Konzerten. Zwei Konzerte in der protestantischen Rabotkerk, zwei Konzerte an besonderen Orten, zwei Klavierrezitale in der Miry-Konzertsaal und als Besonderheit ein Auftritt bulgarischen A-cappella-Gesangs in der Sint-Jacobskerk.
Genter Flügel
Die Genter Flügel sind eine Tradition von Klavierrezitalen, die nach zwei Corona-Jahren bei den Genter Festen im wunderschönen Mirysaal des Genter Konservatoriums wieder zum Leben erwacht. Internationale Klasse auf der Bühne. Ich hörte die französische Pianistin Fanny Azzuro am 19. Juli und die russische Dina Ivanova am 22. Juli. Azzuro hat bereits auf den Bühnen der Carnegie Hall und La Roque d'Anthéron gespielt. Ivanova war das Publikumsliebling beim Liszt-Wettbewerb 2017 in Utrecht.

Am 19. Juli war es in der Stadt über vierzig Grad heiß. Der glühend heiße Wüstenwind trieb das Publikum in die kühle Konzertsaal. Was für eine Erleichterung, dachte ich mir. Dann betrat die Pianistin Fanny Azzuro die Bühne und – Moment mal! Das stimmte ja wirklich: Die Dame neben mir, die mir wie ein Engel zulächelte, hatte eine Wölbung. Ich habe noch nie eine hochschwangere Frau ein Klavierrezital spielen sehen.
Azzuro spielt Präludien von Rachmaninow, die sie letztes Jahr auf CD aufgenommen hat unter dem Titel Landscapes of the Soul. Berauschende Romantik, die dich in die Tiefen der russischen Seele entführt. Schon beim ersten Präludium, dem bekanntesten (op. 3 Nr. 2), fällt mir etwas auf. Das Tempo hinkt manchmal etwas. Verträumt und poetisch, ja. Rachmaninovs Heimweh nach seinem Vaterland, nachdem er 1917 vor der Revolution geflohen war. Keine Wurzeln, keine Stabilität.
Dann steht sie nach der ersten Reihe von Präludien auf. Mit der Wölbung wird alles klar. Das Baby tritt wohl munter drauf los. Obwohl Azzuro uns eine tiefgründige russische Landschaft vorgaukelt, bleibt ein leicht beklemmendes Gefühl. Mit dem Applaus nach dem letzten Präludium muss sie es gespürt haben, die Zugabe ist für mein Baby. Fanny Azzuro kündigt ihre Zugabe an, Kinderszenen von Schumann. Das Baby im Vorspiel seines Lebens ist endlich eingenickt. Dann fragt sie "si nous avons encore un peu de temps...". Nach den verhaltenen Präludien von Rachmaninow und dem kindlich heiteren Schumann kann das Fest endlich beginnen: Rhapsody in Blue! Mit Gershwin bleiben wir in Amerika, aber kehren der Melancholie den Rücken zu. Alle glücklich, sogar das Baby im Vorspiel seines Lebens.

Dina Ivanova ist eine junge russische Pianistin, die 2017 beim Liszt-Wettbewerb in Utrecht Furore machte. Auf dem Programm stehen Grieg, Debussy, Scarlatti und Schumann. Genug Variation, um ihr Talent zu entdecken. Als ich sie nach dem Konzert sehe, sage ich ihr, dass mir die Worte fehlen. Aber ich muss, als Rezensent. Es ist die slawische Hingabe, mit der diese brillante Pianistin den Saal in ihren Bann zieht und uns mitreißt, die ich lange in Erinnerung behalte. Eins mit dem Klavier, streichelt sie, umarmt sie ihr Instrument, fleht, kämpft, beißt ins Klavier. Was für eine Leidenschaft, was für einen Schwung! Wenn ich die Augen schließe, höre ich die junge Martha Argerich. Sie schießt ihre musikalischen Pfeile in die Herzen von uns allen.
Debussys Jardin sous la pluie fehlte vielleicht etwas "jeu perlé", aber in Schumanns Karneval erklang die Seele des gequälten Komponisten vollkommen. Manchmal frenetisch, manchmal geduldig, Vorbote der manisch-depressiven Anfälle, die Schumann zugrunde richten werden. Wie selten ist das, nicht nur in meinem eigenen Leben als Hörer, sondern auch für jeden Zuhörer heute Abend in diesem Saal. Ivanova ist ein banaler russischer Name, aber mit Dina davor bekommst du ein Gottesgeschenk.
Solorezital Fanny Azzuro
- WER: Fanny Azzuro [Klavier]
- WAS: Gentser Festspiele: Fanny Azzuro
- WO: MIRY
- WANN: Dienstag, 19. Juli 2022 um 20:00 Uhr
Solokonzert Dina Ivanova
- WER: Dina Ivanova [Klavier]
- WAS: Gentser Festspiele: Dina Ivanova
- WO: MIRY
- WANN: Freitag, 21. Juli 2022 um 20:00 Uhr
Rezensionen
Klassik bei den Gentser Festspielen 2022: Protestantische Rabotkerk
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