In den Fluren von DeSingel ist es an diesem winterlichen Sonntag besonders belebt, laut und voller Leben – man wartet gespannt darauf, was es zu sehen und zu hören gibt.
Die Bereitschaft, an die Illusion zu glauben. Der Saal füllt sich. Die sanfte, etwas diffuse Beleuchtung ist warm und einladend. Auf dem Programm steht eine jahrhundertealte Geschichte, Shakespeares Tragödie 'Romeo und Julia'. Liebe ist ein universelles Thema, das hier noch breiter eröffnet und interpretiert wird. Die Geschichte von 'Romeo und Julia' verbindet nicht nur zwei verfeindete Familien, sondern hier auch ein Mädchen mit dunkler Hautfarbe und einen Jungen mit weißer Hautfarbe. Meine achtjährige Enkelin hat mich vor der Vorstellung gefragt: 'Oma, weißt du, worum es geht? Es sind zwei Feinde und trotzdem lieben sie sich!' Romeo und Julia in a nutshell. Die Kleine hatte ihre Hausaufgaben gemacht.
Inszenierung
Auf der Bühne steht zur Gartenseite ein hohes Gerüst mit zwei Ebenen. 'Romeo und Julia' geht nicht ohne eine Balkonszene. Die Musiker erscheinen leger gekleidet. Es ist eine Umstellung, wenn man sieht, wie der Dirigent in Jeans, Hoodie und Sneakers seinen Platz einnimmt. Komfortabel und erkennbar für das junge Publikum.
'West Side Story' blitzt mir kurz durch den Kopf. Das Orchester spielt mit Präzision und Transparenz. Jelle Stassyns, der für die Musik sorgte, mischte klassische Kompositionen mit eingängigen Melodien von unter anderem K3, Adamo und arabischen Rhythmen, zu denen Romeo einen traditionellen Tanz mit energischen Arm- und Fußbewegungen, wiegenden Hüften und schnellen Drehungen aufführt. Dann erscheint auch Julia auf der Bühne. In Gedanken versunken prallen sie gegeneinander.
Die Schauspielerin und Sängerin Sinay Bavurhe ist eine bezaubernde Erscheinung mit einer einzigartigen Stimme und großem natürlichen Talent. Mit ihren Gesangfähigkeiten und ungezwungenen Spielweise erobert sie das Publikum sofort. Das Orchester bewegt sich buchstäblich als Teil der Bühnenszenerie mit. Die Blechbläser spielen kraftvolle Motive. Das melodische Material ist dagegen mehr für die Streicher. Bläser und Streicher manifestieren sich als die verfeindeten Familien. Romeo ist ein Montague, während Julia eine Capulet ist. Die beiden lernen sich kennen. Romeo, der auf dem Markt Obst verkaufen muss, möchte eigentlich Schriftsteller werden. Sie finden in einander einen Seelenverwandten. Der erbitterte Streit zwischen ihren Familien ist nichts für sie. Julia verrät, dass ihre Freundinnen sie Juul nennen. Sie träumen von einem sorglosen Leben auf einer fernen Insel.
Clever gelöst ist die Szene, in der Bläser und Streicher sich auf der Vorbühne gegenüber positionieren. Sie ziehen ihre Hoodie-Kapuzen auf und gehen bedrohlich aufeinander zu. Beide Protagonisten laufen sich suchend zwischen ihnen. Kurz darauf zeigt Romeo sein Talent als Rapper. Er pocht auf Brüderlichkeit zwischen den Völkern, ein entscheidendes Element für eine friedliche und harmonische Gesellschaft. Er hat Juul inzwischen verraten, dass er eigentlich nicht Romeo, sondern Romi heißt.
Die Musik ist fragmentarisch und aphoristisch angelegt. Mit den ständigen Positionswechseln der Musiker ist es für den Dirigenten eine große Aufgabe, alles im Griff zu behalten. Die Streicher stellen sich später in Gruppen beisammen, die Köpfe zueinander. Sie tuscheln fleißig. Die Atmosphäre ist nun angespannt. Die Spannung wird noch verstärkt durch die Klänge eines Euphoniums und einer Posaune. Juul und Romi fliehen auf den Balkon. Müssen sich verstecken. Wunderbar ist das Solo einer Klarinette. Bootsflüchtlinge sind in diesem Zeitsegment sehr präsent. Romi und Juul hissen die Segel hoch auf dem Turm und segeln zu ihrer Trauminsel. Hier kein trauriges Ende, sondern die Hoffnung auf ein schönes Leben ohne Hass und Rassendiskriminierung. Eine friedliche Zukunft atmet Musik.
Teamarbeit
Dirigent Txemi Etxebarria kommunizierte auf subtile Weise mit den Musikern und verstand es, sowohl Euphorie als auch Energie und Intimität zu erzeugen. Für die Musiker eine Höchstleistung, gleichzeitig zu schauspielern und zu spielen.
‘'Romeo und Juul' ist eine frische, lebendige, herzerwärmende und fantasievolle Aufführung, die Jung und Alt fesselt. Ein vielschichtiges Werk über Verwirrung, Angst und Liebe. Aber diese Aufführung enthält auch Schritte zu Bewusstwerdung, zu Reflexion und Verbindung – ein Plädoyer für sozialen Zusammenhalt. Ein Moment der Besinnung angesichts dessen, was in der Welt geschieht. Sowohl visuell als auch auditiv aphoristische Mosaikteile erfinderisch zusammengefügt und mit ausgiebigem Applaus belohnt.










