Nach der psychologischen Zerlegung von Brodeck ist es an der Zeit, zur Essenz überzugehen: zur Musik. Eine Welterschaffung deutet darauf hin, dass eine Geschichte ihre eigene einzigartige Klangwelt erhält. Hier stellt sich die Frage, ob Opera Ballet Vlaanderen (OBV) und Daan Janssens es erfolgreich geschafft haben, Philippe Claudels Welt zum Leben zu erwecken.
Filmische Leitmotive
Daan Janssens deutete bereits an, dass er während der Komposition spürte, dass diese von Wagnerianischem Einfluss geprägt sein würde.* Die Verwendung von Leitmotiven ist somit prominent vertreten. Wenn man darauf hört, hört man auch, während die Geschichte voranschreitet, diese musikalischen Signale immer deutlicher. Emelias ätherische, zerbrochene Klänge, Brocecks springende Melodie, das absteigende Glissando in der Celesta als Motiv für den Anderer/das Fremde – diese werden eingeführt und miteinander verwoben. Das Hören des Ungesagten ist reiner Wagner.
Um bei Janssens zu bleiben: BrodeckLeitmotive spielen hier die Hauptrolle. Darunter liegt im Orchester ein ununterbrochenes Spannungsfeld. Es war bemerkenswert, wie die Komposition kaum Ruhepunkte kannte. Es gibt nur zwei Zäsuren, die mir prominent in Erinnerung geblieben sind, beide gegen Ende. Eine davon folgt auf die Hinrichtung eines Fremden, mit gesprochenen Worten des Offiziers Buller: "Je vous souhaite le bonsoir." Diese banalen Worte, kombiniert mit dem Tod und der Stille, klangen geradezu makaber. Die andere? Der Anderer, der "Mörder" zur Dorfbevölkerung schreit.
Es ist nicht nur die Stille und die Leitmotive, deren sich Janssens bedient. Die Kraft der Komposition lag auch in der sparsamen, aber korrekten Anwendung von Parodie und musikalischen Erwartungsmustern. Es klingt wie ein Thriller(film), bei dem man immer wieder dieselben wiederholten Spannungswellen hört – der schneidende Piepton, die anhaltenden Streicher, die überirdische Celesta und Harfe (zwei Instrumente, die in dem Übernatürlichen und dem Horrorgenre beliebt sind). Die Angst vor dem Fremden und dem Tod – die ununterbrochene Spannung – die die Geschichte beherrscht, kehrt in der musikalischen Komposition wieder.
Der Rahmen erfüllt auf jeden Fall alle Erwartungen, aber wie steht es mit den Details?





Weniger ist mehr
Wenn man eine Oper hört, in der die erwarteten Stilfiguren sparsam verwendet werden, wird man sich als Zuschauer bewusst, wie diese gerade intensiver wirken. Ein Beispiel dafür ist der Hysterie-Sprung von Emelia nach Brocecks Verrat. Ein hoher Sprung einer Sopranistin als Ausdruck einer Leidenschaft oder Angst ist eine Oper-Stilfigur. Wenn dieser dann nur einmal vorkommt – in einer ansonsten tiefen, wellenden Vokalkomposition – dann spricht dieser gerade lauter.
Auch die Verwendung eines bekannten Walzermotivs, gebrochen und parodiert, hatte denselben Effekt. Die Verzerrung des Klangs verband sich mit Emelias Motiv – warum sie wie ein gebrochener Vogel durch die Geschichte schwebte – und wie die entfremdete Tonalität auch etwas über das Dorf aussagte. Ein Walzer ist bereits eine Art Momentaufnahme, und mit der nötigen Chromatik und Vergrößerung kann dieser geradezu bedrohlich klingen.
Die Kombination aus Sparsamkeit, ununterbrochener musikalischer Spannung und Leitmotiven sorgt für einen (erfolgreichen) Mangel an Ruhe.
Gesungenes Kino
Die Absicht, filmische Spannung zu erzeugen, ist erfolgreich komponiert und ausgeführt worden. Die Wahl, die einzige "Bedrohung" – den Anderer – zu einer gesprochenen Rolle zu machen, hat den beabsichtigten Kontrast geliefert. Die Aufführung ist ein Ensemble, daher waren das die Momente, die am stärksten sprachen. Die ghost choirs – schwebende Chorpassagen, mit oder ohne kirchliches Motiv – gaben die nötigen Klangtableaus. Es war angenehm, dass man für einmal – anstatt die Sänger einzeln zu betrachten – alles als ein Ganzes empfand. Wenn das beabsichtigt war, dann sicher bravo, Janssens.
Trotzdem noch kurz auf Brodeck eingehen. Damien Pass hatte nicht die einfachste Aufgabe – in einer starken Ensemblekomposition hervorzustechen. Ihm und seiner klaren Stimme ist dies sicher gelungen. Auch Elisa Soster, sparsam genug eingesetzt, um die Spannungsverzerrung zu bewahren, war die richtige Wahl für eine fragmentierte, überirdische (Kriegs)seele wie Emelia. Das Ensemble war sicherlich stark, besonders zusammen.
Mit dieser Analyse konnte ich nur die Hälfte erfassen von dem, was Brodeck letztendlich ist (als Komposition). Das ist ein Kompliment an die Kraft von Daan Janssens und die Produktion von OBV. Wenn mir die Worte fehlen, dann ist das sicherlich ein Zeichen für Erfolg. Hiermit: bravo!
* Paraphrasiert von Daan Janssens, Pressekonferenz Brodeck – OBV, 09/02/2024.
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WAS: Brodeck von Daan Janssens (2023).
WER: Daan Janssens (Komponist und Librettist) Marit Strindlund (Dirigentin), Fabrice Murgia (Regisseur und Librettist), Philippe Claudel (Autor), Susan De Ceuster/Gay Huygen (Kinderdarsteller), Jose De Pauw (Schauspieler), Jean-Pierre Baudson (Sprechrolle), Damien Pass, Elisa Soster, Helena Rasker, Thomas Blondelle, Kris Belligh, Werner van Mechelen, Tijl Faveyts, Symphonieorchester Opera Ballet Flandern, Chor Opera Ballet Flandern, Kinderchor Opera Ballet Flandern.
WO: Opera Ballet Flandern, Antwerpen.
WANN: 9. Februar 2024 bis 20. Februar 2024 (OBV Antwerpen) und 29. Februar 2024 bis 3. März 2024 (OBV Gent); besucht am 9. Februar 2024.





