Der niederländische Schriftsteller und Bachkenner Maarten 't Hart schrieb anlässlich des 250. Todestages von Bach im Jahr 2000 ein handliches Büchlein über diesen Komponisten (1). Es war ein kleines Taschenbuch, das nur bei Het Kruidvat erhältlich war, und enthielt ein "kleines Kompendium der Kantaten". Ein Nachschlagewerk mit einer gelungenen Würdigung einiger Werke des Kantor von Leipzig.
2022 erschien noch ein Büchlein mit dem Titel "Kein Tag ohne Bach" (2), 15 Gespräche mit bekannten, vor allem niederländischen, Bachfans, die keinen Tag ohne ihn auskommen. Aber das vorliegende Werk ist doch von einem anderen Kaliber. Es ist ein Schwergewicht von Format, buchstäblich und im übertragenen Sinne. Ein vornehm verlegtes Hardcover-Werk mit 438 Seiten. Wenn du wirklich jeden Tag Bach haben möchtest, probiere diesen neuen "Bach Tag für Tag".
Es ist das jüngste Buch des populären flämischen Bachexperten Ignace Bossuyt. Es liefert dir ein Jahr voller Bach und mehr, vom 1. Januar bis zum 31. Dezember, chronologisch geordnet (366 Stücke, Schaltjahre eingeschlossen!), mit einer reichhaltigen Auswahl aus den über 200 erhaltenen Kantaten, durchsetzt mit anderen Werken dieses Barockriesen und seiner Söhne. Jedes Mal besprochen mit der gelehrten Eleganz, die Bossuyt auszeichnet: Erklärung der lateinischen Texte plus niederländische Übersetzung, situiert in ihrem damaligen religiösen Kontext, Partitur-Auszüge, Geschichte ihrer Entstehung. Für Kenner mit musikologischer Analyse all dieser Kompositionen und für Liebhaber mit unmittelbarer Hörerlebnis über die QR-Codes. Es ist also ein Buch für Leser und Hörer gleichermaßen. Ein gigantisches Werk, geschrieben aus enormem Wissen über diesen Komponisten, mit Leidenschaft gesammelt während einer lebenslangen Karriere als Studienrat und Professor für Musikwissenschaft an der KU Leuven. Mit all diesen Kommentaren bekommst du einen klaren Überblick über die Entwicklung der Musik im damaligen Deutschland und den späteren Einfluss all seiner BWV-Werke auf Zeitgenossen und spätere Komponisten.
Darf ich ein Beispiel geben? Nimm seinen Kommentar zu einer Kantate, von der ich ein großer Fan bin: BWV 95, "Christus, der ist mein Leben". Bossuyt beginnt damit, den liturgischen Kontext zu erklären, den 16. Sonntag nach Trinitatis, das Datum der Uraufführung (12. September 1723), spricht über den anonymen Textdichter, mit Text und Übersetzung, über die Besetzung, bespricht das Hauptthema der Kantate. Das ist für ihn die berühmte "Todessehnsucht, das Verlangen nach dem Tod als Erlösung aus diesem irdischen Tal der Tränen" mit dieser wunderschönen Tenor-Arie "Ach schlage doch bald, selge Stunde". Nach Bossuyt "...von überirdischer Schönheit". In seiner Analyse weist der Autor uns auf die drei verschiedenen, komplementären Schichten hin. "Zunächst die obsessive Wiederholung der Worte 'Ach'...", "...die zweite Schicht ist das Pizzicato-Spiel aller Streicher..." und drittens "die zwei Oboen d'amore, die darauf ein sanftes Filigran von wiegenden Figuren zeichnen, wie eine pastorale Wiegenlied in 3/4-Takt". Schau und höre selbst:
Herrlich, nicht wahr? Und so geht das an jedem Tag des Jahres...
Ein trockenes Buch? Nein, allerdings eher ein Studienbuch als ein Kunstbuch zum Herumliegen auf dem Couchtisch. Es ist absolut kein Buch zum Durchlesen in einem Zug, aber auch mehr als eine Anleitung, um das Jahr musikalisch mit Bach zu verbringen. Lese und lausche also ab und zu. Nimm dir Zeit dabei. Du wirst dann fast automatisch in "diese himmlischen Sphären" gelangen, wie Bossuyt schreibt, und das ist auch seine Absicht. Sehr großzügig gibt er dir auch zahlreiche Tipps zum weiteren Lesen oder Hören, im Internet oder über die vielen Werke, die er über den Großmeister konsultiert hat.
Bossuyt gibt dem Leser am Anfang eine kurze biografische Skizze. Und um all diese Kantaten dem heutigen, oft säkularisierten Menschen verständlich zu machen, erläutert er zunächst auch die Struktur des Kirchenjahres mit all seinen Hochfesten und besonderen Feiertagen. Dann erst kannst du verstehen, vor welcher gigantischen Aufgabe Bach stand: Der Kantor musste für jeden Sonntag eine Kantate bereithalten. Und das gelang ihm mit Bravour. Genauso wie Bossuyt, der sich dafür entscheidet, seinen "Bach Tag für Tag"-Kalender am 1. Januar mit diesem jubilierenden "Weihnachts-Oratorium" zu beginnen. Und dann folgen immer wieder diese fesselnden, manchmal anekdotischen Kommentare, vor allem aber gründliche und verständliche Analysen. Er kann natürlich auf seine Erfahrung und lange Karriere als Professor und Musikwissenschaftler an der KU Leuven zählen, um für Profis, Studenten und Laien verständlich zu schreiben. Von letzteren erwartet er allerdings ein gewisses Interesse für und Wissen über das Thema. Aber er hilft ihm mit etwas, worin er auch mehr als versiert ist, mit einem Kapitel "Orientierungshilfe in musikalischen Begriffen", auf das er aus seiner bekannten Publikation "Von Noten und Tönen" schöpfen kann. Und was für eine Fülle von Ausführenden hörst du über diese QR-Codes. Es ist nicht einfach ein Buch mit originalem Ansatz, man kann es getrost meisterlich nennen, mit Präzision in jedem Detail.
Als ich erfuhr, dass dieses Buch von Bossuyt "Bach Tag für Tag" kommen würde, dachte ich, da geht er wieder hin, und als ich es sah und las, dachte ich, das muss dieses Mal sein Lebenswerk sein. Es sei denn, da würde noch etwas in der Pipeline sein, denn unermüdlich wirkt er nicht nur, er ist es auch. Er hat bereits über die jungen Jahre Händels geschrieben, jener Konkurrent aus demselben Geburtsjahr wie Bach. Vielleicht kommt noch etwas über den reifen Händel...
Produktcode (EAN): 9789464714289 – Erscheinungsdatum: 15.11.2025
1 Maarten 't Hart, Johann Sebastian Bach, Arbeiderspers, 2000, 199 S.
2 Rinke van der Valle: Kein Tag ohne Bach – Fünfzehn Gespräche über einen genialen Komponisten. Verlag Damon, Eindhoven, 2022, 243 S., Taschenbuch, illustriert



